Stand: 19.05.2018 19:59 Uhr

Dreifacher Vater ist jetzt katholischer Priester

von Susanne Schäfer
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Ein Messgewand trägt Thomas Wirp künftig häufiger: Der 57-Jährige ist am Sonnabend zum katholischen Priester geweiht worden.

Es ist ein ungewöhnlicher Berufswechsel: Vom Elektroingenieur zum Priester. Der 57-jährige Thomas Wirp hat diesen Weg nicht geplant, sich nach eigenen Worten gegen den Ruf Gottes sogar erst etwas gesträubt. Er war zwar schon immer ein gläubiger Katholik, dachte aber nie daran, Diakon oder gar Priester zu werden. Sein langer Weg bis zur Priesterweihe begann vor knapp 15 Jahren. Damals ging seine Ehe in die Brüche, wurde geschieden und auch - das ist ganz wichtig - vor dem Kirchengericht annulliert. Durch die kirchenrechtliche Annullierung gilt er als unverheiratet und kann damit Priester werden. Die Gründe für die Annullierung möchten er und auch das Bistum Osnabrück nicht nennen - die seien rein privat. Wirp betont nur: "Die Ehe wurde annulliert, bevor ich überhaupt daran gedacht habe, Priester zu werden."

Thomas Wirp sitzt in einer weißen Kutte in einer Kirche bei seiner Priesterweihe © NDR

Vater zum katholischen Priester geweiht

Hallo Niedersachsen -

Eigentlich gilt für katholische Geistliche der Zölibat. Doch nun wurde im Osnabrücker Dom mit dem 57-jährigen Thomas Wirp ein Priester geweiht, der verheiratet war und Kinder hat.

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Wann wird eine katholische Ehe annulliert?

Die Bistümer Osnabrück und Hamburg haben ein gemeinsames Kirchengericht. Jährlich werden hier rund 25 Ehen annulliert. Die Ehe wird dann im Sinne der katholischen Kirche nicht gewertet. Es gibt drei Kategorien, nach denen eine Ehe ungültig sein kann:

1. Formfehler
2. Ehehindernisse
3. Ehewillensmängel

Die ersten beiden Gründe spielen aber kaum eine Rolle. Meistens geht es um die Ehewillensmängel. Hier ein paar Beispiele:

  • Mann und Frau wollen zwar heiraten, aber einer von beiden versteht die Ehe anders als die katholische Kirche es tut, glaubt also etwa nicht an die Unauflöslichkeit der Ehe.
  • Ein Partner heiratet, weil er sich gezwungen fühlt, etwa weil ein Kind kommt. Unfreiwillig geschlossene Ehen sind ungültig.
  • Mit der Heirat möchten der Mann oder die Frau eigentlich etwas anderes erreichen, zum Beispiel das Geld des Partners oder einfach nur eine schöne Feier.

Was hat Gott mit mir vor?

Nach der Trennung von seiner Frau haderte Thomas Wirp mit Gott: "Ich habe mich gefragt, wenn es diesen Gott gibt, an den ich glaube, und vor dem ich meine Ehe geschlossen habe, warum lässt er das zu und was will er von mir? Was ist der Grund, warum er mich hier auf die Erde gesetzt hat?" Diese Fragen führten ihn in die Kirche: Er machte eine Ausbildung zum Diakon. Neben seinem eigentlichen Beruf als Elektroingenieur arbeitete er also als Seelsorger in einer Kirchengemeinde und unterstützte den Priester. Damit war er glücklich, plante schon die Altersteilzeit. Bis zu einem einschneidenden Erlebnis: "Ich war zu Exerzitien, und da ist mir klar geworden, dass Gott möchte, dass ich Priester werde." Als Wirp davon erzählt, stockt seine Stimme. Das Thema geht ihm nahe. "Ich stand vor Gott und wusste, dass ich das machen werde, aber gewollt habe ich das in dem Moment nicht. Ich war ziemlich traurig und habe erst mal einen Tag und eine Nacht geweint."

"Wenn es sich für ihn richtig anfühlt, spricht nichts dagegen"

Seine Tochter Aniko war gar nicht überrascht, als Thomas Wirp ihr davon erzählte. "Wenn man ein relativ gutes Verhältnis zu seinen Eltern hat, dann merkt man, wenn Veränderungen in einem Menschen stattfinden." Aniko Wirp ist 26 Jahre alt, studiert in Münster Geophysik und hatte irgendwie schon damit gerechnet, dass ihr Vater Priester werden würde, und sie findet es gut: "Wenn es sich für ihn richtig anfühlt, Priester zu werden, dann spricht nichts dagegen."

Kinder unterstützen ihren Vater

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Die Kinder Sebastian, Aniko und Christoph Wirp stehen hinter der Entscheidung ihres Vaters, Priester zu werden.

Die Tochter ist stolz auf ihren Vater. Bei der Weihe an Pfingstsamstag unterstützte sie ihn gemeinsam mit ihren beiden Brüdern. Die drei halfen beim anschließenden Empfang, packten mit an, machten das, was erwachsene Kinder so machen. Aniko Wirp hielt sogar im Gottesdienst die Lesung. Klingt ganz normal. Und fragt man die Passanten rund um den Osnabrücker Dom, dann sehen die das sehr locker und wünschen sich mehr Priester mit Familie. Für die katholische Kirche ist es aber alles andere als normal, dass ein Mann zum Priester geweiht wird, der drei Kinder hat.

Außergewöhnlicher Fall für norddeutsche Bistümer

Eine Abfrage bei den norddeutschen Bistümer macht deutlich: Einen solchen Fall wie den von Thomas Wirp hat es noch nicht gegeben. Nur ein Fall aus dem Bistum Hildesheim ist ähnlich. Dort arbeitet ein Priester, der früher evangelischer Geistlicher war, verheiratet war und aus dieser Zeit Kinder hat. Um Priester zu werden, sind Kinder in der katholischen Kirche tatsächlich kein Hinderungsgrund, eine Ehe hingegen schon. Laut dem Bistum Osnabrück konnte Thomas Wirp nur zum Priester geweiht werden, weil seine Ehe vor 15 Jahren annulliert wurde und weil er sich dazu verpflichtet hat, künftig zölibatär zu leben.

Weniger Priesterweihen

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An Pfingstsamstag hat Weihbischof Johannes Wübbe im Osnabrücker Dom zwei Männer zum Priester geweiht.

Deutschlandweit sinkt die Zahl der katholischen Priester. In diesem Jahr werden in den 27 Bistümern laut der katholischen Nachrichtenagentur KNA voraussichtlich 61 junge Männer zu Priestern geweiht. Das wäre die zweitniedrigste jemals registrierte Zahl. Im Bistum Osnabrück gab es im vergangenen Jahr gar keine neuen Priester. Umso mehr freut sich das Bistum, in diesem Jahr mit Thomas Wirp und dem 27-jährigen Kristian Pohlmann gleich zwei Männer weihen zu können. Dass mit Thomas Wirp nun ein dreifacher Vater geweiht wurde, sei aber keine Reaktion auf den Priestermangel, betonte Weihbischof Johannes Wübbe im Vorfeld: "Wir haben sehr genau geprüft, ob er die Kriterien erfüllt mit seiner Persönlichkeit und seiner Lebensgeschichte, dass wir ihn zum Priester weihen können. Unabhängig davon gibt es in der römisch-katholischen Kirche die Diskussion, welche Kriterien man verändern oder beibehalten sollte, um auch künftig genügend Priester zu haben. Die Frage nach der Weihe der Frau ist dann noch mal eine andere."

Kinder spielen wichtige Rolle - auch künftig

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Gemeinsam in den Urlaub fahren - so wie hier vor zwei Jahren nach Spanien - das wollen Aniko Wirp und ihr Vater auch künftig. Als Priester muss Thomas Wirp zwar viel am Wochenende arbeiten. Aber es wird andere Freiräume geben, ist sich die 26-jährige Aniko Wirp sicher.

Von einem Priester verlangt das Bistum eine große Verfügbarkeit. Am Wochenende zu arbeiten, ist selbstverständlich. Dennoch soll Thomas Wirp weiterhin für seine Kinder da sein. "Er soll für seine Kinder als Vater erfahrbar bleiben, das ist mit ihm und den Kindern so besprochen worden", sagt Weihbischof Wübbe. Und auch Aniko Wirp ist sich sicher: "Wir werden weiterhin zusammen in Urlaub fahren können und uns sehen, egal wo mein Vater künftig arbeiten wird." Wo das sein wird, teilte das Bistum am Sonnabendnachmittag mit: "Thomas Wirp wird ab 1. August als Pastor in der Pfarreiengemeinschaft Ostercappeln, Bad Essen und Schwagstorf tätig mit Schwerpunkt in der Seelsorge am Ostercappelner Krankenhaus St. Raphael." Bis dahin werde er Vertretungsaufgaben im Bistum übernehmen. Wirp sagte vor der Weihe, er freue sich darauf, als Seelsorger zu arbeiten und mit Menschen über Glaubensfragen zu sprechen. Am Sonntag hält er seine erste eigene Messe, die sogenannte Primiz, in seiner Heimatgemeinde in Bramsche im Landkreis Osnabrück.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.05.2018 | 19:30 Uhr

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