Stand: 08.04.2019 06:57 Uhr

Der Unfallmacher: Üben für den Ernstfall

von Britta Nareyka

Burkhart Winninghoff steht vor einer Unfallstelle auf einer Kreuzung in Bad Iburg (Landkreis Osnabrück). Eines der Fahrzeuge steckt zerbeult in einem Graben am Straßenrand. Das andere Auto ist eine Böschung hinuntergestürzt und liegt in Seitenlage über einem Bach. Der 63-Jährige ruft den Notruf, legt auf und grinst. "In fünf bis zehn Minuten müsste es hier so richtig rund gehen", sagt er. "Ich bin gespannt" - und bisher läuft alles ganz nach Plan. Denn Winninghoff inszeniert Unfälle - als unangekündigte Übung für die Feuerwehr. Nur mit den Führungskräften hat er die Rahmenbedingungen im Vorfeld besprochen. "Der Rest der Feuerwehrleute weiß von nichts. Aber nur so macht es ja auch Sinn", sagt Winninghoff.

Der Unfallplaner.

Reportage: Der Unfallplaner aus Bad Iburg

Hallo Niedersachsen -

Um für den Ernstfall gewappnet zu sein, müssen Feuerwehren regelmäßig trainieren. Burkhart Winninghoff aus Bad Iburg plant und organisiert diese Übungen - mit allem, was dazugehört.

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"Die Feuerwehr muss sowas üben"

Berufsbedingt hat Winninghoff auf der Straße schon viel gesehen und erlebt. Er ist Abschleppunternehmer und immer dann zur Stelle, wenn es irgendwo rund um Bad Iburg einen Unfall gibt. Und das Tag und Nacht. Die Arbeit teilt er sich mit seinem Sohn Sven im wöchentlichen Wechsel. "Anders wäre es nicht möglich, wenn du 24 Stunden erreichbar sein musst", sagt er. Seine wenige Freizeit nutzt Winninghoff für die Organisation von Unfall-Übungen. "Das ist doch zwingend notwendig, dass die Jungs das üben. Letztendlich geht es dabei immer um Menschenleben", erklärt er seine Beweggründe. Außerdem engagiert er sich seit gut 40 Jahren selbst in der Freiwilligen Feuerwehr Bad Iburg und weiß, wie wichtig es ist, im Notfall genau zu wissen, was zu tun ist.

Winninghoff inszeniert auch Katastrophen

Nicht nur die Feuerwehren aus der Region, auch der Landkreis Osnabrück fragt regelmäßig bei ihm an - für Katastrophenübungen im großen Stil. So entwarf Winninghoff beispielsweise einen Geisterfahrer-Unfall in einem Autobahntunnel in Dissen oder im vergangenen Dezember einen Busunfall mit vielen Verletzten in Melle. Die Unfälle gestaltet er so realistisch wie nur möglich - so auch dieses Mal in Bad Iburg. "In diesem Fall gab es vor Kurzem eine ganz ähnliche Situation in Kattenvenne. Da hatte die Feuerwehr Probleme, weil das Auto im Wasser steckte. Und genau das habe ich nun nachgestellt."

Alles nur inszeniert: Eine Übung vom Unfallmacher

Notfalldarsteller spielen die Verletzten

Kaputte Autos gehören für Winninghoff als Abschleppunternehmer zum täglichen Geschäft. Statt direkt auf dem Schrottplatz zu landen, werden die Fahrzeuge je nach Bedarf umgestaltet. Eine Woche vor der eigentlichen Übung rollt dazu ein Bagger auf seinen Werkstatthof. Mit der Schaufel zerquetscht der Baggerführer die entsprechenden Autos nach den Wünschen von Winninghoff. Keine halbe Stunde später erkennt man die Autos mit Totalschaden kaum wieder. Zu sehr übertreiben darf er es allerdings auch nicht. "Dann wird es schon wieder unrealistisch", sagt Winninghoff. Um auch die verletzten Personen so echt wie möglich aussehen zu lassen, arbeitet er mit dem Team der realistischen Notfalldarsteller aus Wittlage zusammen.

Unfallfahrzeuge werden für das Szenario platziert

An diesem Unfalltag werden vier Insassen aufwendig geschminkt. Von der blassen Gesichtsfarbe bis hin zu einem Oberschenkelhalsbruch ist bei diesem Szenario alles vertreten. Dann werden die Unfallfahrzeuge verladen und zur ausgesuchten Kreuzung gebracht. Mit dem Kran platzieren Winninghoff und sein Sohn die Autos an den vorgesehenen Stellen. Weil der silberne Kleinwagen auf der Fahrerseite liegen soll, muss die Insassin schon einsteigen, bevor der Kran den Wagen in den Bach hebt. "Das ist jetzt auch eine Premiere für mich", so Winninghoff. "Eine Person im Auto am Haken zu haben, das hatten wir auch noch nicht." Immer wieder vergewissert er sich bei der Darstellerin, ob es ihr gut geht.

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Manchmal bemerken Einsatzkräfte erst am Ende die Übung

Dann ist alles vorbereitet. Winninghoff setzt um 10.29 Uhr den Notruf ab. Es dauert keine zehn Minuten, bis der erste Feuerwehrwagen in die Straße einbiegt. Jetzt wird es hektisch, die Feuerwehrleute beginnen mit der Bergung. Winninghoff steht ein wenig versteckt am Rand und schaut sich das Treiben aus der Entfernung an. "Irgendwann merken sie dann meist, dass es eine Übung ist, dann kann ich mich auch wieder zeigen." Insgesamt 50 Feuerwehrleute und sechs Rettungssanitäter sind bei dieser Übung im Einsatz. "Das ist schon wichtig, dass wir so etwas üben", sagt Ortsbrandmeister Rolf Kleinschmidt. "Burkhart lässt sich immer wieder was Neues einfallen", so Einsatzleiter Bernd Happe. Es habe sogar schon Übungen gegeben, da hätten die Kameraden erst ganz am Ende gemerkt, dass es kein realer Unfall war. "Erst als die Verunfallten grinsend aus dem Rettungswagen gestiegen sind", so Happe.

Zum Schluss geht's zur Nachbesprechung

Nach gut einer Stunde sind bei der aktuellen Übung alle vier verletzten Personen geborgen, die Unfallstelle wieder weitgehend aufgeräumt. Winninghoff und sein Sohn kümmern sich um den Abtransport der Fahrzeuge. Im Anschluss geht es zur Nachbesprechung ins Feuerwehrhaus. "Ich hoffe, dass alle zufrieden sind. Aber ich denke, es hat nicht nur mir viel Spaß gemacht", so der Unfallmacher.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 07.04.2019 | 19:30 Uhr

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