Stand: 05.12.2018 18:52 Uhr

Bürokraft gesucht: Mordprozess als Job-Plattform?

Gesicht vor den Kameras - der Verteidiger wirbt auf der Mappe für seine eigene Kanzlei als Arbeitgeber.

Es ist ein Aufsehen erregender Mordprozess, der zurzeit vor dem Osnabrücker Landgericht verhandelt wird. Ein 32-Jähriger soll seine Mutter mit einem Brecheisen erschlagen, die Leiche zerstückelt, Teile verbrannt und andere Teile in einer Garage versteckt haben. Das Motiv: noch völlig unklar. Aufsehen erregte zu Prozessauftakt aber auch, dass der Angeklagte nicht einfach nur einen beliebigen Aktendeckel vor sein Gesicht hielt, wie es die meisten Beschuldigten in Strafprozessen tun. Auf der Mappe, die der 32-Jährige schützend vor sein Gesicht hielt, prangte ein Stellenangebot des Strafverteidigers. Der Osnabrücker Rechtsanwalt sucht eine Bürokraft - und warb auf zwei DIN-A-4-Blättern, an die rote Pappmappe geheftet, mit Name und Telefonnummer in fetten Buchstaben für sein eigenes Anliegen.

Angeklagter hat offenbar eingewilligt

Für Strafverteidiger Frank Otten war das offenbar eine sehr pragmatische Aktion. In seiner Kanzlei herrsche akute Personalnot, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Mit der Kündigung einer Mitarbeiterin habe sich die Situation noch verschärft, so Otten weiter. "Wir haben im Vorfeld bereits alles Mögliche versucht, um neue Mitarbeiter zu finden." Anzeigen geschaltet, auch über das Arbeitsamt. Es gebe keine Fachkräfte, beklagt der Anwalt. Auch habe er seinen Mandanten vorher um Erlaubnis gefragt. "Und er hat sein Okay gegeben", betonte Otten gegenüber der NOZ. Die ungewöhnliche Aktion hatte übrigens Erfolg: Er habe inzwischen eine komplette Bewerbungsmappe bekommen, sagte der Anwalt am Mittwoch.

Vorsitzender Richter schreibt an Verteidiger Otten

Unabhängig davon bleibt die Aktion äußerst umstritten und wirft Fragen auf: Muss ein Angeklagter in einem Mordprozess als Werbetafel für seinen Verteidiger herhalten? In dem Moment, wo sich alle Aufmerksamkeit und auch Neugier auf ihn richtet? Und zwar vor Verhandlungsbeginn, wenn alle Kameras laufen? Für das Osnabrücker Landgericht ist das, was da im Schwurgerichtssaal passiert ist, ein Novum. Gerichtssprecherin Katrin Höcherl kann sich nicht an einen weiteren derartigen Fall erinnern. Inhaltlich will sie die ungewöhnliche Aktion auch nicht kommentieren. Allerdings hat das Jobangebot auf den Aktendeckeln dem Gericht nicht gefallen. "Es gibt eine Verfügung des Vorsitzenden Richters mit dem Hinweis an den Strafverteidiger, das Sachlichkeitsgebot verletzt zu haben", sagte Höcherl NDR.de. In einem Schreiben habe der Richter den Verteidiger gebeten, so etwas künftig zu unterlassen. Andernfalls werde der Vorsitzende "von seinem sitzungspolizeilichen Recht Gebrauch machen und eingreifen", also dazu auffordern, das Jobgesuch zu entfernen.

Werbeaktion fand außerhalb der Verhandlung statt

Ein solcher Hinweis des Richters kommt am ehesten einer Rüge oder eben schlicht der Ausübung des Hausrechts gleich. Das Besondere in diesem Fall: Die Werbeaktion fand vor Aufruf der Sache statt, also vor Beginn der Verhandlung und deshalb zunächst völlig unbemerkt vom Gericht. Lediglich die Protokollantin sei vonseiten des Gerichts zu diesem Zeitpunkt im Saal gewesen, so Höcherl. Der Moment, wenn der Angeklagte durch einen Nebeneingang in den Saal geführt wird und Fotografen und Kameraleute Bilder machen dürfen, gehört formal nicht zur Verhandlung. Der Richter habe erst später davon erfahren und das dem Verteidiger in der Verfügung auch genau so geschrieben.

Frage des Geschmacks oder Fall für die Rechtsanwaltskammer?

Juristen reagieren recht unterschiedlich auf den Vorfall. Die Oldenburger Rechtsanwaltskammer, die berufsrechtlich dafür zuständig wäre, äußert vorsichtig Kritik: Grenzwertig sei die Aktion, zumindest eine Frage des Geschmacks, zitiert die NOZ deren Sprecher Jan Kramer. Allerdings müsste erst einmal eine offizielle Beschwerde eingereicht werden, bevor das Gremium sich damit beschäftige und gegebenenfalls berufsrechtliche Konsequenzen drohten. Kramer räumt aber auch ein, dass es in der Branche durchaus einen Mangel an Fachkräften, also Rechtsanwalts- und Notargehilfen, gebe.

Die Rechtsanwaltskammer in Köln, die das Rechtsanwaltsmagazin "Legal Tribune Online" wiederum zitiert, ist da eher entspannt. "Auf der Kladde wird in diesem Fall lediglich eine Aussage darüber getroffen, wer der Anwalt des Angeklagten ist. Das ist keine Werbung", sagte deren Geschäftsführer Martin W. Huff.

"Ein wenig schnell aus der Hüfte geschossen"

Auch Verteidiger Otten dürfte inzwischen gemerkt haben, dass sein Vorstoß, eine neue Bürokraft zu finden, wohl mindestens zu gewagt war. "Ich wollte niemanden vor den Kopf stoßen, aber das war wahrscheinlich ein wenig schnell aus der Hüfte geschossen", sagte Otten. "Ob ich das ein zweites Mal machen würde, müsste ich mir noch überlegen. Vermutlich würde ich es mir verkneifen."

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 03.12.2018 | 18:00 Uhr

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