Stand: 13.03.2019 07:50 Uhr

114.000 Missbrauchsopfer in katholischer Kirche?

Eine aktuelle Studie der Universität Ulm geht davon aus, dass die Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Kirchen in Deutschland deutlich höher ist als bislang angenommen. Die Untersuchung geht von rund 114.000 Opfern katholischer Priester und noch einmal so vielen durch evangelische Pfarrer und Kirchenmitarbeiter aus. Das schreibt der Evangelische Pressedienst, dem die Studie vorliegt. Zuerst hatte die Zeitung "Die Welt" (Dienstagausgabe) darüber berichtet. Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ist heute Thema der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen (Landkreis Emsland). Ob die Bischöfe auf die Studie aus Ulm Bezug nehmen werden, ist unklar.

Frühere Studie hatte 3.677 Fälle erfasst

Ende September hatte die katholische Kirche die Ergebnisse einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie vorgestellt - mit vollkommen anderen Fallzahlen. Die Forscher hatten 3.677 Opfer sexuellen Missbrauchs zwischen 1946 und 2014 erfasst, 1.670 Kleriker sind der Taten beschuldigt. Schon damals hatten Wissenschaftler vermutet, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liege. In den evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen waren bislang 107 Missbrauchsfälle seit 1950 erfasst. Diese Zahl hatte der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns im November 2018 mitgeteilt.

Forscher aus Ulm haben hochgerechnet

Für das Gutachten im Auftrag der katholischen Kirche hatten Wissenschaftler über vier Jahre Tausende Personal- und Handakten aus den Archiven der Diözesen untersucht. Die Forscher aus Ulm hingegen haben hochgerechnet: "Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren kann schätzungsweise von circa 114.000 Betroffenen ausgegangen werden", heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Schätzungen zufolge seien "zwischen 28.592 und 228.736 Personen betroffen".

Gut 2.500 Personen befragt

Den Autoren zufolge wurden 2.516 Personen befragt, davon 45,5 Prozent männlich und 54,5 Prozent weiblich. Die Befragten seien durchschnittlich 48 Jahre alt. Vier Personen (0,16 Prozent) gaben an, in einer Einrichtung der katholischen Kirche missbraucht worden zu sein, vier weitere in einer Einrichtung der evangelischen Kirche. Die neue Studie "Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen" soll in Kürze im Londoner Fachblatt "Journal of Child Sexual Abuse" erscheinen.

Studienleiter appelliert an Bischofskonferenz

Mit der Hochrechnung "lässt sich nun das wahre Ausmaß des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Kirchen besser einschätzen", sagte Studienleiter Jörg Fegert, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, der "Welt". Er hoffe, dass sich die Bischöfe in Lingen "der tatsächlichen Dimension des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger nun endlich stellen". Fegert empfahl eine weitere Studie, um der Wahrheit näher zu kommen. Ihm zufolge wäre es sinnvoll, "eine breit angelegte Befragung zum Dunkelfeld am besten zusammen mit der evangelischen Kirche in Auftrag zu geben".

Bischöfe betonen Willen zur Aufarbeitung

Mit dem Bekenntnis zur weiteren Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch hatte Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, am Montag die Versammlung in Lingen eröffnet. Es solle vor allem darum gehen, wie solche Taten künftig verhindert werden könnten. Auch die Frage nach dem Umfeld, in dem solche Taten stattfinden, solle erörtert werden. "Was sind systemische Gefährdungen in der Kirche?" - so laute eine der Fragen, mit der sich 67 Orts- und Weihbischöfe aus 27 Diözesen beschäftigen. Auch die "Lebensformen der Priester" spielten eine zentrale Rolle. Ob das Zölibat richtig oder falsch sei, lasse sich nicht einfach beantworten.

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Konzept zum Umgang mit Missbrauch geplant

Die Bischöfe wollen sich zudem mit Konzepten der Aufarbeitung befassen. Dazu gehöre auch, dass sich die katholische Kirche fragen müsse, ob die Opfer bislang zu wenig Anerkennung erfahren hätten. Kardinal Marx betonte schließlich die Wichtigkeit des Themas sexueller Missbrauch in der Kirche und bedankte sich für die öffentliche Debatte darüber. "Wir sind auf dem Weg", sagte er zur Aufarbeitung des lange tabuisierten Themas. Veränderungen könnten nicht von heute auf morgen stattfinden. Am Ende des Treffens wolle die Bischofskonferenz ein Konzept für den Umgang mit Missbrauch vorlegen.

Hilfe für Betroffene

Betroffene von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche können sich an die folgenden Beratungsstellen wenden:

Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung
Tel.: 0800 22 55 530

Katholische Kirche
Tel.: 0800 000 56 40

Weißer Ring e.V.
Tel.: 116 006

Eckiger Tisch
Email: info@eckiger-tisch.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 13.03.2019 | 07:30 Uhr

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