Stand: 24.05.2017 10:34 Uhr

Zerbricht der Eisbrecher "Wal" an der Bürokratie?

von Oliver Gressieker
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Die geplante Sicherheitsverordnung stellt die Crew des Eisbrechers "Wal" vor große Herausforderungen.

Der Dampf-Eisbrecher "Wal" ist aus dem Stadtbild von Bremerhaven kaum noch wegzudenken. Seit 1990 liegt das markante Traditionsschiff im Neuen Hafen und startet von hier aus regelmäßig zu Tagesfahrten und mehrtägigen Törns in Nord- und Ostsee. In Zukunft könnte es damit vorbei sein, denn die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) geplanten Verschärfungen der Sicherheitsbestimmungen bringen den Betreiber, die "Schiffahrts-Compagnie Bremerhaven", in arge Bedrängnis. Mit der Verordnung, die derzeit von der EU-Kommission in Brüssel geprüft wird, sollen unter anderem Brandschutz, Ausrüstung und die Qualifikationen der Crews neu geregelt werden. Bei einem Gespräch mit Vertretern der historischen Schiffe hat das Verkehrsministerium am Dienstag noch einmal bestätigt, dass die Sicherheitsrichtlinie auf jeden Fall kommen wird. Allerdings soll es für die Betreiber finanzielle Unterstützung geben.

Hohe Anforderungen an Besatzungsmitglieder

"Wir haben große Sorgen, dass wir den Betrieb künftig einschränken oder vielleicht sogar einstellen müssen", sagt der Technische Leiter der "Wal", Uwe Harrie, im Gespräch mit NDR.de. Vor allem die Anforderungen an die Seeleute seien fast nicht zu erfüllen. Harrie befürchtet, dass seine rund 30 ehrenamtlichen Crewmitglieder, die fast alle im Rentenalter sind, künftig wie Berufsseeleute jährlich zum Gesundheitscheck müssen. Außerdem würden durch die neue Sicherheitsrichtlinie regelmäßige, aufwendige Schulungen zur Ersten Hilfe, zum Brandschutz und zum Überleben auf See drohen. Er hält das für übertrieben, da die Anforderungen auf den Traditionsschiffen aufgrund der kürzeren Fahrten in Küstennähe deutlich geringer seien als in der Berufsschifffahrt auf hoher See. Außerdem werde Sicherheit auf der "Wal" eh großgeschrieben. "Die zusätzlichen Schulungen wären nicht nur eine enorme Belastung für unsere ehrenamtliche Besatzung, sondern uns würden auch die Kosten um die Ohren fliegen, denn sie sind ja schließlich nicht umsonst", so Harrie. Im derzeitigen Jahresetat von rund 200.000 Euro, der in erster Linie durch Sponsoren und die Stadt finanziert wird, gäbe es dafür keinen Spielraum.

Heftige Kritik an Entwurf des Verkehrsministeriums

Harrie hält den Entwurf der geplanten Sicherheitsverordnung für einen unüberlegten Schnellschuss. "Die Verantwortlichen im Bundesverkehrsministerium haben sich das zu leicht gemacht und einfach mal eben die Bestimmungen aus der Berufsschifffahrt eins zu eins übernommen", so der 65-Jährige. Die Realität auf den Traditionsschiffen sei dabei aber überhaupt nicht berücksichtigt worden. Harrie bemängelt außerdem, dass alle Schiffe in einen Topf geworfen wurden. "Man müsste viel stärker differenzieren", fordert er. "Es kann nicht sein, dass für ein Segelschiff aus Holz die gleichen Richtlinien gelten wie für einen Eisbrecher aus Metall. Außerdem müssten die Fahrtgebiete berücksichtigt werden."

Mehr als 100 Schiffe betroffen

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Von baulichen Umrüstungen ist die "Wal" im Gegensatz zu vielen anderen Schiffen nicht betroffen.

Unterstützung bekommen die Verantwortlichen der 1938 gebauten "Wal" von Nikolaus Kern von der Gemeinsamen Kommission für historische Wasserfahrzeuge (GSHW). Nach seiner Einschätzung sind in Norddeutschland etwa 110 Schiffe von der geplanten Sicherheitsverordnung betroffen und 90 Prozent davon sogar in ihrer Existenz bedroht. "Die Übertragung von Vorschriften der Berufsschifffahrt auf ehrenamtliche Organisationen kann nicht funktionieren", so der Sprecher des Dachverbands für Traditionsschiffe. Der bürokratische und finanzielle Aufwand für Schulungen sei enorm und kaum zu stemmen. Kern verweist zudem darauf, dass zahlreiche Schiffe für viel Geld umgerüstet werden müssten, um die baulichen Anforderungen zu erfüllen. Teilweise ist dies technisch auch überhaupt nicht möglich, zum Beispiel wenn schwere Brandschutztüren oder Anker die Gewichtsverteilung eines relativ leichten Schiffes völlig durcheinanderbringen würden.

Hoffen auf Einsicht

Obwohl die neue Verordnung schon in Kürze in Kraft treten soll, haben Harrie und seine Crew die Hoffnung auf ein Einlenken der Verantwortlichen noch nicht aufgegeben. "Verkehrsminister Dobrindt hat erkannt, dass es Probleme gibt und über die Anforderungen nochmal nachgedacht werden muss", sagt der Technische Leiter. "Wir müssen jetzt auf die endgültige Richtlinie warten, bevor wir reagieren können und wissen, wie es mit der 'Wal' weitergeht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 23.05.2017 | 15:30 Uhr

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