Stand: 04.02.2019 18:30 Uhr

Weil besucht Vorzeige-Schlachthof in Garrel

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zeigte sich beeindruckt vom Betrieb in Garrel.

Tierquälerei, Ausbeutung von Werkvertragsarbeitern, an Tuberkulose erkrankte Arbeiter: Seit Monaten produziert die Schlachthof-Branche in Niedersachsen Negativ-Schlagzeilen. Am Montag hat Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) einen Schlachthof besucht und sich dabei selbst ein Bild gemacht. Allerdings fiel die Wahl auf einen Betrieb der Böseler Goldschmaus GmbH in Garrel (Landkreis Cloppenburg) - und der gilt in der Branche als Musterbeispiel der Branche. Mit dabei war auch der katholische Prälat Peter Kossen, der seit Jahren auf die Missstände in der Fleischindustrie aufmerksam macht. Auch der Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft NGG, Matthias Brümmer, nahm an dem Rundgang teil.

Ein Musterbetrieb in der Branche

Anders als viele Schlachthöfe hat der Schlachthof in Garrel die osteuropäischen Werkvertragsarbeiter für das Kerngeschäft fest eingestellt. 600 wurden übernommen, derzeit zählt das Unternehmen 1.500 Beschäftigte. "Das hat bei Kundenaudits von Großabnehmern für positive Rückmeldungen gesorgt", sagte Weil. Es lohne sich also für Schlachthöfe, fest angestellte Mitarbeiter zu beschäftigen. Wohnen können sie in Garrel in Unterkünften, die das Unternehmen für sie gebaut hat. Zwar sei auch bei Böseler noch nicht alles gut, sagte NGG-Funktionär Brümmer: So gebe es keinen Betriebsrat. Andernorts sehen die Bedingungen für Werkvertragsarbeiter jedoch deutlich schlechter aus. Obwohl die Branche vor einigen Jahren eine Selbstverpflichtung abgegeben hatte, die Arbeitsverhältnisse der Werkarbeiter auf deutsches Arbeitsrecht umzustellen, sehen Kritiker bei diesem Punkt noch Missstände. Prälat Kossen etwa spricht von Ausbeutung und Menschenschinderei. Oft seien Behörden nicht in der Lage, das Recht durchzusetzen, etwa weil es dem Zoll als Überwachungsinstanz an Mitarbeitern fehle. Manchmal habe man auch den Eindruck, dass auf Lobbyinteressen zu viel Rücksicht genommen werde, so Kossen.

Arbeiter an Tuberkulose gestorben

In einer Unterkunft für Werkvertragsarbeiter in Cloppenburg gab es etwa monatelang keine Heizung und kein warmes Wasser. Dort lebte auch ein Rumäne, der an Tuberkulose (TBC) starb. An der Lungen-Krankheit sind mehrere Arbeiter aus den Landkreisen Cloppenburg und Osnabrück erkrankt. Für die Erkrankten sowie für die Familie des Toten wollen ehren- und hauptamtliche Caritasmitarbeiter der Region einen Hilfsfonds auflegen.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Tierquälerei

Neben den menschlichen Schicksalen rückte jüngst auch das Schicksal von Tieren in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Tierschützer veröffentlichten Videoaufnahmen aus Schlachthöfen, die grobe Tierquälereien zeigten. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin Ermittlungsverfahren gegen Verantwortliche aus zwei Schlachthöfen ein. Der Betrieb in Garrel wurde von Weil gelobt, weil er bereits auf Videoüberwachung in sensiblen Bereichen setze. Damit sei der Betrieb in Sachen Tierwohl vorbildlich, sagt Weil. Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) setzt auf Videoüberwachung. "Das ist gut für den Tierschutz und die Rechtssicherheit der Betreiber", sagte er laut einer Mitteilung. Gewerkschafter Brümmer lehnt eine Videoüberwachung von Schlachthöfen hingegen ab. Das bedeute eine Überwachung der Mitarbeiter. Der einzige Weg zu mehr Tierschutz und sozialeren Arbeitsbedingungen sei, möglichst viele Werkvertragsarbeiter festanzustellen. Nach NGG-Informationen sind immer noch 60 Prozent der Mitarbeiter in der deutschen Fleischbranche Werkvertragsarbeiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 04.02.2019 | 08:30 Uhr

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