Die Secretarius bei einem Einsatz © NDR

War Seenotrettungsboot als Wassertaxi unterwegs?

Stand: 23.04.2021 15:24 Uhr

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) finanziert sich durch Spenden - auch das Rettungsboot auf Langeoog. Das ist offenbar auch als Wassertaxi unterwegs gewesen.  

von Christina Gerlach

Die Langeooger Seenotretter sind mächtig stolz auf ihr Boot, die "Secretarius". Gut zehn Meter lang, 380 Pferdestärken, aus Spenden finanziert. "Ein absolut tolles Schiff. Wir fühlen uns damit absolut sicher", schwärmt DGzRS-Vormann Sven Klette in einem kleinen Video, veröffentlicht zum Tag der Seenotretter 2020. "Wir werden alarmiert bei Tag und bei Nacht." Auf die Frage, wie viele Notfall-Einsätze die "Secretarius" im vergangenen Jahr tatsächlich hatte, gibt die DGzRS-Pressestelle in Bremen keine Antwort.

Gemeindemitarbeiter nutzen Rettungsboot statt Fähre

Wer im Internet recherchiert, etwa auf vesseltracker.com, kann sich ein eigenes Bild machen. Dabei fällt eine Fahrt besonders auf. Am 1. Dezember 2020 um kurz nach neun Uhr morgens legt die "Secretarius" Richtung Festland ab. An Bord sind zwei Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Langeoog. Einer ist auch freiwilliger Seenotretter. Die IT-Spezialisten müssen ein Problem am Ticketschalter der Fährlinie in Bensersiel beheben.

Dass die beiden für ihren Arbeitseinsatz nicht die Fähre nutzen, sondern das Rettungsboot, war der DGzRS-Zentrale offensichtlich bekannt. "Selbstverständlich ist die Seenotleitung (MRCC) Bremen über jede Fahrt informiert", schreibt DGzRS-Sprecher Christian Stipeldey in einer Mail an den NDR Niedersachsen.

DGzRS verteidigt Fahrt der "Secretarius"

Die Seenotleitung war also informiert und einverstanden, dass die "Secretarius" nicht an ihrer Station auf Langeoog lag, sondern mehr als sechs Stunden am Festland in Bensersiel. Stipeldey begründet das so: "Da (...) lediglich ein Bootsführer zur Verfügung stand, ist dieser mit dem Seenotrettungsboot nach Bensersiel gefahren, um dort (...) seiner beruflichen Tätigkeit (...) nachzugehen. Anderenfalls hätte das Seenotrettungsboot stundenlang als 'unklar' gemeldet werden müssen."

"Unklar" bedeutet "nicht einsatzbereit". Aber war tatsächlich nur der eine Mitarbeiter der Gemeinde als freiwilliger Seenotretter verfügbar? Waren alle 18 anderen auf Langeoog verhindert? Und nimmt ein freiwilliger Feuerwehrmann einen Löschzug mit zur Arbeit, nur weil die Kameraden gerade mal nicht greifbar sind? 

Boot lag sechseinhalb Stunden in Bensersiel

Hätte die "Secretarius" bei Alarm aber tatsächlich von Bensersiel auslaufen dürfen? Nach den strengen Regeln, die an Bord gelten, wäre das kaum möglich gewesen. DGzRS-Sprecher Stipeldey gibt keine Antwort auf die Frage, wie die Einsatzbereitschaft während der sechseinhalbstündigen Liegezeit in Bensersiel sichergestellt wurde, wenn laut Vorschriften bei einer Einsatzfahrt mindestens zwei Seenotretter an Bord sein müssen. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wie die Mitnahme von Passagieren während eines Einsatzes geregelt ist. Der Seenotretter aus dem Langeooger Rathaus hatte am 1. Dezember einen Arbeitskollegen mit an Bord, der kein Retter ist.

Bürgermeisterin verbietet Dienstfahrten mit Rettungsboot

Nimmt es die Seenotrettungsleitung nicht so genau, wie Langeoogs Bürgermeisterin, Heike Horn (parteilos)? Sie wurde nicht über den ungewöhnlichen Törn informiert. "Aus versicherungsrechtlichen Gründen hätte ich das selbstverständlich untersagt. Üblicherweise nehmen die Gemeindemitarbeiter die Fähre oder das Frachtschiff, wenn sie dienstlich ans Festland müssen." Die Verwaltungschefin hat jetzt alle dienstlichen Fahrten mit dem Rettungsboot verboten.

Insulaner bestätigen Einsatz als Wassertaxi

Die "Secretarius" als Wassertaxi? Ist schon vorgekommen, sagen Insulaner, die nicht namentlich genannt werden wollen. "Wenn die Fahrten als Kontroll- oder Übungsfahrten deklariert werden, kriegt das niemand mit", heißt es hinter vorgehaltener Hand. 

DGzRS arbeitet auf Spendenbasis

Die Arbeit der Seenotretter finanziert sich aus Spenden. Im vergangenen Jahr kamen auch über die bekannten Schiffchen-Spendendosen fast 50 Millionen Euro zusammen. Jede Spende ist ein Zeichen großen Vertrauens, heißt es im Jahresbericht 2020. Die DGzRS versichert dort, alles Geld werde ordnungsgemäß verwendet.

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NDR Info | 23.04.2021 | 14:00 Uhr

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