Vor der Ubbo-Emmius-Klink in Aurich steht ein Hinweisschild für Besucher. © picture alliance/dpa/Carmen Jaspersen Foto: Carmen Jaspersen

Vorzeitige Impfung: Klinik-Chef soll freigestellt werden

Stand: 15.02.2021 10:42 Uhr

Der Aufsichtsrat der Ubbo-Emmius-Klinik muss nach einem Votum des Auricher Kreisausschusses erneut über Konsequenzen für den Klinik-Chef abstimmen. Er hatte vorzeitig eine Corona-Impfung erhalten.

von Christina Gerlach

Trotzdem hatte der Aufsichtsrat Klinik-Chef Claus Eppmann vor einigen Tagen mit sechs zu vier Stimmen das Vertrauen ausgesprochen. Daraufhin hatte der Kreisausschuss des Landkreises Aurich der Mehrheit der Aufsichtsratsmitglieder deutlich gemacht, dass Verstöße gegen die Corona-Impfverordnung keineswegs ein Kavaliersdelikt seien, sondern von neutraler Seite untersucht werden müssten. Bis das Ergebnis vorliegt, soll Eppmann freigestellt werden. Der Beschluss wird allerdings erst dann wirksam, wenn die Gesellschafter der Klinik, das sind der Landkreis Aurich und die Stadt Emden, dem Votum des Kreisausschusses folgen. Deshalb tagen morgen der Auricher Kreistag und der Emder Stadtrat.

Schreiben an Belegschaft als Rettungsversuch?

Während sich die Politik mit der Zukunft des Geschäftsführers Eppmann beschäftigt, versucht das Impf-Organisationsteam der Ubbo-Emmius-Klinik zu retten, was noch zu retten ist - in einer umfangreichen internen Erklärung an die Belegschaft. Sie soll "dazu beitragen, die Kritikpunkte noch einmal zu überdenken". Das Schreiben konnte NDR.de einsehen. Es umfasst sechs eng beschriebene Seiten und ist von vier Mitgliedern des sogenannten Impfteams unterzeichnet.

Offenbar massive organisatorische Probleme

Chronologisch, wie in einem Tagebuch, werden darin die Ereignisse aus dem Januar aufgelistet. Auffällig ist, dass in dem Schreiben dabei ständig von dem "Impfteam" die Rede ist, wobei es sich aber eigentlich um das Team handelt, das die Organisation des Ablaufs der Corona-Impfaktion übernommen hat und nicht etwa um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die tatsächlich impfen. Und das Organisationsteam kämpfte offenbar mit massiven Schwierigkeiten: Mal fehlten Geburtsdaten impfbereiter Mitarbeiter, mal klappte die Registrierung nicht, mal funktionierte sie online, dann nur von Hand.

Excel-Datei offenbar fehlerhaft

"Ein MA (Mitarbeiter, Anmerkung der Redaktion) der Personalabteilung gab die händisch ausgefüllten Anmeldedokumente der Mitarbeiter in die Excel-Datei ein", heißt es in dem Schreiben. Und es gab offenbar Probleme mit der verschlüsselten Excel-Datei, die an das Impfzentrum ging. Fehlerhafte Angaben mussten dem Schreiben zufolge korrigiert, die Liste erneut geschickt werden. Sogar der Zusteller eines privaten Postdienstleisters findet sich in der Chronologie wieder. Es habe eine längere Diskussionen mit ihm gegeben. Anscheinend hatte ihn niemand vorgewarnt, dass er eine umfangreiche Briefsendung mit einer Mitarbeiter-Info abholen sollte. Ausführlich werden dann die organisatorischen Schwierigkeiten beschrieben, den Impftermin in Aurich am 9. Januar 2021 auf die Beine zu stellen, Impfwillige zu finden und ordnungsgemäß zu melden. Dazu heißt es:

"Aber gegen 15.30 Uhr hatten sich immerhin 83 MA aus den priorisierten Bereichen (Paragraph 2) gemeldet. (…) Dazu gehörten: 18 MA der Anästhesie, 12 MA der Intensivstation, 3 MA Impfteam (alle auch Pflegefachkräfte), 12 MA der Quarantänestation/Onkologie, 11 MA des Corona-Sichtungsbereichs/Containerdienst, 2 MA des Empfangs (übernehmen den Corona-Sichtungsbereich ab 19 bis 6 Uhr), 6 MA der IMC/Überwachungsstation, 18 MA der Zentralen Notaufnahme.

Unklarheiten wegen Anspruchs auf Impfung

Offenbar hat sich hier ein Rechenfehler in die Aufstellung eingeschlichen: Zusammen sind das nur 82, keine 83 Personen, wie es in dem internen Rechtfertigungsschreiben heißt. Unklar bleibt auch, weshalb 13 der oben aufgeführten Mitarbeiter einen Anspruch auf Impfung nach Paragraf 2 der entsprechenden Verordnung des Landes Niedersachsen haben sollen. Dort ist die verbindliche Reihenfolge der Impfungen gegen Corona festgelegt: Personen, die insbesondere auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und bei Rettungsdiensten arbeiten, in der Palliativversorgung, der Onkologie und der Transplantationsmedizin sowie in Bereichen, in denen "relevante aerosolgenerierende Tätigkeiten durchgeführt werden". Gemeint sind damit beispielsweise Zahnarztpraxen. Anderes Personal, etwa die jobbenden Studierenden, die im Eingangsbereich der Auricher Klinik in Containern den Zugang zum Krankenhaus regeln, gehören eindeutig nicht zu der priorisierten Gruppe.

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Klinik-Chef signalisierte wohl Impfbereitschaft

Zu der Frage, warum der Klinik-Geschäftsführer dann bereits am 9. Januar die Erstimpfung bekam, obwohl er laut Verordnung keinerlei Anspruch darauf hatte, heißt es in dem Schreiben weiter: "Als die letzten Dosen noch vorrätig waren und wir keine MA mehr in der Klinik fanden, besprachen wir auch, dass Herr Eppmann noch zur Verfügung stünde. (…) Im Team war das Anrufen des Geschäftsführers ein völlig logisches Vorgehen, da er auf der Registrierungsliste stand (Nicht Impfliste!)." Außerdem habe er in den Tagen zuvor seine Impfbereitschaft signalisiert, heißt es in dem Schreiben.

War Beteiligten Brisanz der Aktion bewusst?

Eine Dreiviertelstunde nach dem Anruf traf Eppmann demnach im Impfzentrum in Aurich ein, ließ sich impfen - und dabei auch fotografieren. "Im Team diskutieren wir mit ihm kurz an, ob wir es nicht zur Veröffentlichung nutzen sollten." Offensichtlich hat man sich dann dagegen entschieden. Jedenfalls ist das Foto des geimpften Klinikgeschäftsführers nicht öffentlich verbreitet worden. Möglicherweise ist den Beteiligten seinerzeit bereits die Brisanz der Aktion bewusst gewesen. Eppmann hatte zu seiner Entschuldigung später gesagt, die übrig gebliebenen Impfdosen hätten sonst entsorgt werden müssen. Das ist mittlerweile widerlegt: Auch aufgetauter Impfstoff ist mindestens einen weiteren Tag haltbar, möglicherweise sogar vier Tage lang. Seine zweite Impfung erhielt Claus Eppmann am 30. Januar. Ein paar Tage später wurde das Vorgehen bekannt.

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Auch Betriebsrat geimpft

Sogar das Team aus der Verwaltung der Ubbo-Emmius-Klinik, das die Impftermine organisiert, hat sich selbst auf die Liste gesetzt. Dazu heißt es entschuldigend: "Es gab auch keinen Hinweis, dass wir eventuell auch Patienten hätten impfen sollen. Für uns stand fest, dieser Impfstoff ist ausschließlich für unsere KollegInnen bestimmt." Davon haben dann schließlich auch Betriebsratsmitglieder der Auricher Klinik beim Impftermin in Norden am 14. Januar profitiert. "Laut Impfzentrum stünden uns rund 130 Impfdosen zur Verfügung. Auf die Nachfrage, ob wir auch 20 Personen mehr benennen dürften, bekamen wir später eine positive Rückmeldung." Damit war dann der Weg für die Arbeitnehmervertreter frei.

Organisationsteam: "Impftermine gut gemeistert"

Das Organisationsteam ist jedenfalls mit sich und dem bisherigen Ablauf der Impfaktion offensichtlich zufrieden: "In der Nachbetrachtung haben wir aus Sicht des Klinik-Impfteams die kurzfristigen Impftermine gut gemeistert", heißt es in dem internen Schreiben. Möglicherweise ist diese Feststellung etwas zu vollmundig geraten. Der Unmut über die "Impf-Vordrängler" ist nicht nur innerhalb der Belegschaft des Klinikums nach wie vor groß und ob die entscheidenden Gremien, der Auricher Kreistag und der Stadtrat in Emden, das genauso sehen, wird sich in der Abstimmung über die Zukunft des Klinik-Geschäftsführers zeigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 15.02.2021 | 11:00 Uhr

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