Das Bild zeigt das Medikament Tilidin in Nahaufnahme. © NDR

Tilidin-Sucht: "Ich hab nur noch gezittert und lag im Bett"

Stand: 23.07.2021 19:30 Uhr

Die erste Tablette nahm er auf einem Spielplatz hinter einer Grundschule. Ein Freund hatte Tilidin dabei. Das Medikament wird in der Schmerztherapie eingesetzt und kann schnell süchtig machen.

Finn (Name von der Redaktion geändert) ist heute 18 Jahre alt. Als er mit dem Konsum beginnt, ist er ein Musterschüler, besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums in Oldenburg. Aus der ersten Tablette wird schnell mehr. Im Interview mit dem NDR schildert der Jugendliche seinen Kampf mit der Sucht und wie er sie überwunden hat.

Finn, wie bist du dazu gekommen, Tilidin zu nehmen?

Finn: Das erste Mal habe ich im Mai letzten Jahres Tilidin konsumiert. Ein Freund hat mir eine Tablette angeboten, die habe ich dann für 5 Euro gekauft.

Wie kam es dazu, dass du von Tilidin abhängig wurdest?

Finn: Ich habe es dann immer mehr konsumiert. Zunächst nur am Wochenende, dann in den Sommerferien auch teilweise innerhalb der Woche. Als das Schuljahr begann, habe ich dann auch Tage wie den Mittwoch mit einbezogen, weil ich am Donnerstag die ersten beiden Stunden frei hatte und da dachte ich mir: Ich kann ja länger schlafen, dann kann ich auch da mal was nehmen. Mit dem Schulstress ist dann der Konsum immer weiter angestiegen. Vor allem, weil ich auch psychische Vorbelastungen habe: Depressionen, Angststörungen und eine Zwangsstörung. Und das Tilidin hat mir einfach diesen greifbaren Kick gegeben. Ich war einige Stunden von meinen Problemen isoliert. Und im Herbst habe ich dann gemerkt, dass ich kaum noch einen Tag ohne konnte. Ab Dezember habe ich jeden Tag konsumiert.

Was ist Tilidin?

Tilidin ist ein rezeptpflichtiges Schmerzmedikament aus der Gruppe der Opioide. Es wird zur Behandlung von starken Schmerzen eingesetzt.

Tilidin kann unter anderem Schwindel und Übelkeit hervorrufen. In Zusammenhang mit Alkohol kann es bis zum Atemstillstand führen. Außerdem kann es abhängig machen. Mehr zu den Gefahren von Tilidin und den Hintergründen der Recherche von STRG_F erfahrt ihr hier.

HINWEIS: Wenn ihr Hilfe oder Beratung zum Thema Drogenabhängigkeit braucht, findet ihr hier Anlaufstellen und Beratungsangebote.

Wusstest du, was Tilidin ist, als du es zum ersten Mal genommen hast?

Finn: Ich wusste das. Ich wusste es auch schon vorher. Ich hab es im Internet nachgeschaut. Es gibt verschiedene Foren, wo über die Auswirkungen berichtet wird. Und da dachten wir, dass wir das einfach mal ausprobieren.

Wie warst du nach der Einnahme drauf?

Finn: Ich hab mich sehr euphorisch gefühlt, wie in Watte gepackt. Und mein Interesse für Kunst und Musik ist auch ziemlich angestiegen. Ich habe wirklich meine schwerwiegendsten Probleme für ein paar Stunden vergessen.

Wie hast du dich verändert?

Finn: Erst mal dachte ich, dass ich mich positiv verändert habe, weil ich mich viel mehr für Musik und Kunst interessierte. Und ich dachte, dass das irgendwie einen positiven Einfluss auf meinen Charakter hat. Aber wie mir mittlerweile klar ist, und was auch mein Umfeld erzählt hat, bin ich ein körperliches Wrack geworden. Ich habe sehr viel Gewicht abgenommen und hatte auch irgendwie eine Fassade aufgebaut, die keine Emotion mehr an mich rangelassen hat. Ich war innerlich abgestumpft und hatte keine soziale Bindung mehr zu Menschen und konnte keine Emotionen mehr richtig erleben.

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Wie bist du an die Medikamente rangekommen und was kostete dein Konsum?

Finn: Eine Tablette kostet 5 Euro. Und wenn man sie im Blister, also zehn Tabletten, kauft, kostet das 30 Euro bis 35 Euro. Es kommt immer ein bisschen auf die Zeit an. Es gab Zeiten, da hatten es viele Leute. Es gab Monate, da hat man es gefühlt an jeder Ecke, rund um jeden Spielplatz gekriegt. Aber dann gab es auch mal wieder Zeiten, da musste man wirklich suchen, Leute anschreiben. Man hat sich durchtelefoniert und der Tag war dann einfach nur die reinste Qual. Da habe ich stundenlang nur vor dem Handy verbracht. Es gab auch Tage, wo ich es dann nicht bekommen habe. Da habe ich gemerkt, dass ich wirklich abhängig geworden bin, weil das teilweise der reinste Horror war.

Du warst 17 Jahre alt. Wie konntest du deine Tilidin-Sucht finanzieren?

Finn: Anfangs durch das Geld auf meinem Konto. Als ich irgendwann kein Geld mehr hatte, habe ich meine Eltern beklaut und belogen. Mir ging es auch gar nicht mehr gut. Ich habe nur noch gezittert, weil ich so dünn war. Ich konnte kaum noch an irgendwas Freude finden ohne den Konsum. Und selbst mit Konsum war mir irgendwann auch klar, dass das keine Zukunft mehr haben kann.

Wussten denn deine Freunde in der Schule davon, dass du abhängig bist?

Finn: Meine Freunde wussten das. Die haben sich auch Sorgen um mich gemacht. Ich selbst wollte das Ganze auch ab irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr. Doch die Entzugssymptome waren so stark, und ich war so lustlos, dass mir in dem Moment keine andere Möglichkeit erschien, als weiter zu konsumieren.

Hast du neben Tilidin auch noch andere Medikamente oder andere Drogen konsumiert?

Finn: Ich habe viele Sachen auf jeden Fall schon mal ausprobiert. Was auch noch sehr schwerwiegend war, dass irgendwann auch noch Oxycodon (Anmerkung der Redaktion: Sehr starkes Opioid mit hohem Suchtpotenzial) dazugekommen ist. Und ich habe, um die Wirkung von Tilidin zu verstärken, wenn ich mit Freunden zusammen war, noch Alkohol oder Gras dazu konsumiert.

Haben deine Eltern denn etwas bemerkt oder konntest du durch das Lügen gut verschleiern, dass du süchtig bist?

Finn: Irgendwann hatte ich wirklich keinen Antrieb mehr. Ich habe die leeren Verpackungen einfach in meine Schublade geschmissen, es war mir einfach egal. Ich wollte vielleicht sogar, dass sie alles finden, damit ich ein bisschen Unterstützung kriege. Die haben dann auch mal Hunderte leere Verpackungen in meiner Schublade gefunden. Da habe ich sie aber immer noch weiter belogen und gesagt, dass ich das hier für einen Freund aufbewahre, weil ich das meinen Eltern - auf eine gewisse Art und Weise - einfach nicht antun wollte. Ich wollte nicht, dass sie sozusagen einen drogenabhängigen Sohn haben. Aber irgendwann war es nicht mehr möglich. Sie haben ja auch meine Veränderung gesehen. Ich habe damals nur noch gezittert und lag im Bett.

Wie bist du aus der Abhängigkeit rausgekommen?

Finn: Ich habe mehrmals versucht, allein damit aufzuhören. Das hat aber nie wirklich geklappt, denn wenn ich dann zu Hause war und ich einmal wieder diese Idee des Konsums in meinem Kopf hatte, konnte mich nichts mehr davon abbringen. Ich bin dann direkt losgefahren, habe mir neue Tabletten gekauft. Meine Eltern konnten das Ganze auch nicht mehr ansehen, ich selbst wollte ja auch aufhören. Und dann haben wir einen Entzug organisiert. Da war ich für zwei Wochen. Das war auch am Anfang sehr schwierig, auch aufgrund der Entzugssymptome. Aber ich habe mir halt immer wieder vor Augen gehalten, wofür ich das Ganze eigentlich machen will, also für mich und auch für meine Familie.

Du bist den Weg mit deinen Eltern und mit der "Rose 12", der Suchtberatungsstelle der STEP in Oldenburg, gegangen. Wie war das für dich?

Finn: Unterstützung ist für mich auf jeden Fall sehr wichtig. Man kommt da allein nicht raus. Meine Eltern haben mich unterstützt, sich um Termine bei der STEP gekümmert, weil ich selbst gar nicht mehr in der Verfassung dazu war. Irgendwann habe ich die Hilfe dann auch angenommen.

Warum sprichst du heute mit uns?

Finn: Mir ist es sehr wichtig, vor allem andere Jugendliche davor zu warnen, weil ich selbst jetzt erfahren habe, wie schlimm das ist. Und auch bei anderen Leuten sehe, wie schlecht es denen noch geht. Die Droge kann wirklich das komplette Leben eines Menschen zerstören. Das war mir am Anfang auch nicht bewusst.

Wie geht es dir jetzt?

Finn: Mir geht es jetzt sehr gut. Ich erfreue mich auch wieder an normalen Sachen, zum Beispiel Essen oder mit Freunden treffen. Es ist wirklich ein ganz anderes Gefühl. Ich bin auch sehr froh, dass mein Umfeld das jetzt so wahrnimmt und dass die mir alle noch eine zweite Chance sozusagen geben, das schätze ich sehr wert. Ich bin sehr motiviert, weiter durchzuhalten, weil ich auch weiß, dass eine Suchterkrankung nicht von einem auf den anderen Tag geheilt werden kann. Ich werde wahrscheinlich noch viele Jahre, wenn nicht mein ganzes Leben, krank sein, auch wenn ich nichts konsumiere, aber ich bin auf jeden Fall motiviert, weiter durchzuhalten.

Das Interview führte Marie-Caroline Chlebosch

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.07.2021 | 19:30 Uhr

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