Stand: 07.11.2018 10:40 Uhr

Tierquälerei: Schlachthof bestätigt Vorwürfe

"Wir zweifeln weder die Authentizität der Bilder an noch möchten wir die Vorfälle kleinreden", heißt es in einer Mitteilung des in die Kritik geratenen Schlachthofs GK Oldenburg. Das Deutsche Tierschutzbüro wirft dem Betrieb unter anderem vor, Rinder durch Elektroschocks malträtiert und augenscheinlich ohne ausreichende Betäubung ausbluten lassen zu haben. Die Videoaufnahmen seien schockierend und entsprächen nicht dem Standard der GK Oldenburg, heißt es von dem Betrieb weiter. "Wir können nachvollziehen, dass das Deutsche Tierschutzbüro, aber auch die Öffentlichkeit empört über die Vorfälle sind." Die Verantwortung sieht der Schlachtbetrieb nach eigenen Angaben bei einzelnen Werkvertragsarbeitern. Die Zusammenarbeit mit dem Subunternehmen solle beendet werden, so der Sprecher weiter.

Erste Konsequenzen: Strafanzeigen, Schlachtlizenzen entzogen, Aufsicht

Für den Schlachthof haben die Vorwürfe Konsequenzen: Das Deutsche Tierschutzbüro und das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium haben Strafanzeige gegen das Unternehmen erstattet. Die Stadt erwägt ebenfalls diesen Schritt. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt eigenen Angaben zufolge bereits. Außerdem lässt die Stadtverwaltung sämtliche Schlachtungen durch einen Veterinär überwachen und hat einigen Mitarbeitern des Betriebs die Lizenz zum Schlachten entzogen. Der Einsatz der Veterinäre ist eine zumindest umstrittene Entscheidung, weil auf den Videoaufnahmen auch Tierärzte und Amtsveterinäre zu sehen sein sollen, die bei den Quälereien weggeschaut beziehungsweise in einigen Fällen sogar mitgemacht haben sollen. Die Behörde will das nun intern untersuchen. Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) hat unterdessen selbst einen Tierarzt in den Schlachthof entsandt.

Ministerin: 30 Strafanzeigen gegen Betrieb in drei Jahren

Otte-Kinast ist nach eigenem Bekunden "stinksauer". Sie kündigte an, sich auf Bundesebene dafür einsetzen zu wollen, dass Schlachthöfe zukünftig ständig per Videokamera überwacht werden können. "Was wir dort erleben, ist eine Verrohung in der Mitarbeiterschaft, das sind untragbare Zustände", sagte die Ministerin weiter. Otte-Kinast räumte ein, dass gegen den Oldenburger Schlachthof in den vergangenen drei Jahren fast 30 Strafanzeigen gestellt worden seien. Warum er trotzdem weitermachen konnte, lasse sie jetzt klären.

Das Deutsche Tierschutzbüro

Das Deutsche Tierschutzbüro mit Sitz im nordrhein-westfälischen Sankt Augustin ist ein eingetragener Tierschutzverein. Er gehört zu den ersten sieben Verbänden, die eine staatliche Anerkennung nach dem Gesetz über das Verbandsklagerecht und Mitwirkungsrechte für Tierschutzorganisationen in Nordrhein-Westfalen erhalten haben. Als Ziel nennt der Verein die Schaffung und Erhaltung artgerechter und grundlegender Lebensbedingungen für Tiere. Quelle: Wikipedia

Hunderte Stunden Videoaufnahmen aus Betrieb

"Aus unserer Sicht zeigt das Material klare und schwerwiegende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und Straftaten", sagte Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro. Dem Verein liegen eigenen Angaben zufolge mehr als 600 Stunden Videomaterial aus dem Betrieb vor, die beweisen, dass viele Tiere "unzureichend und nicht fachgerecht betäubt" wurden, lebend gestochen und getötet wurden. Zudem würden die Tiere "verbotenerweise bis zu 28 Mal mit Elektroschockern malträtiert, mit Treibpaddeln oder anderweitig gewaltsam aus ihren Boxen getrieben". Der Betrieb gehört laut Tierschützern zu den bundesweit zehn größten Rinderschlachtbetrieben. Die Videos haben laut Tierschutzbüro Aktivisten mit versteckten Kameras gemacht. Die Aufnahmen entstanden demnach in den Monaten September und Oktober.

Veterinäramt: Derartige Szenen noch nicht gesehen

Der Leiter des Oldenburger Veterinäramts, Paul Morthorst, findet die Aufnahmen "in höchstem Maße irritierend". Er könne jedoch noch nicht abschließend beurteilen, ob die Schlachthofmitarbeiter in jedem Fall gegen das Gesetz verstoßen, sagt Morthorst. Eine Aufnahme zeigt etwa eine auf der Seite liegende Kuh, die sich stark bewegt und dann in den Hals gestochen wird, um ausgeblutet zu werden. Die Ruderbewegungen könnten auch ein Reflex sein und das Tier wie vorgeschrieben "wahrnehmungslos" sein. Abschließend könne der Veterinär dies erst beurteilen, wenn er sich die Aufnahmen gründlich angesehen habe. Dass das Tier auf der Seite liegend statt hängend ausblute, sei ungewöhnlich, aber grundsätzlich möglich. Morthorst räumt jedoch ein, dass er diese Methode während seiner Tätigkeit in Oldenburg noch nicht gesehen habe. Dasselbe gelte für andere Szenen wie das Einklemmen eines Kopfes vor der Betäubung.

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Für die Landestierschutzbeauftragte Michaela Dämmrich ist klar, dass die auf der Seite liegende, zuckende Kuh noch etwas spürt. "Das sieht für mich nicht nach Rückenmarksreflexen aus", sagt die Tierärztin, "die Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit ist nicht vollständig ausgeschaltet." Die vom Tierschutzbüro gemachten Aufnahmen lassen für sie den Schluss zu, dass die Schlachtungen in dem Betrieb "sehr unsachkundig" ablaufen. Für sich genommen seien dies erst einmal Verstöße gegen die Tierschutz-Schlachtverordnung und damit Ordnungswidrigkeiten. Stehe hinter dem Umgang mit den Tieren eine Systematik, könne es sich nach dem Tierschutzgesetz um einen Straftatbestand handeln.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.11.2018 | 08:00 Uhr

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