Stand: 14.02.2019 08:06 Uhr

"Schneebaby": Als der Panzer zum Kreißsaal wurde

von Catherine Grim

Anica Ehlers steht an einer Kreuzung an der B74, mitten im Landkreis Osterholz. Autos und Laster rauschen vorbei. Viel gibt es hier nicht - eine Ampel, ein Autohaus. "Wenn ich Leuten erzähle, dass ich hier geboren bin, fragen sie immer: Wo ist hier das Krankenhaus?", sagt die 39-Jährige. Das gibt es an dieser Stelle nicht, kein Kreißsaal, keine Station, wo Frauen ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Anica Ehlers wurde jedoch tatsächlich an dieser Kreuzung geboren - vor 40 Jahren in einem Panzer. Grund für diesen ungewöhnlichen Geburtsort war die Schneekatastrophe, die Norddeutschland im Winter 1978/1979 und Niedersachsen dann in einer zweiten Welle im Februar im Griff hatte. Auf diese schneereichen Tage blickt das Regionalmagazin Hallo Niedersachsen in der kommenden Woche zurück.

Geboren im Panzer: Das "Schneebaby" wird 40

Fahrt mit dem Unimog unmöglich

"Bis zum eigentlich errechneten Geburtstermin waren es noch drei Wochen", erinnert sich Gisela Ehlers, die Mutter von Anica. Die Familie wohnt noch immer in Hellingst, einer kleinen Ortschaft in der Gemeinde Holste im Landkreis Osterholz. Eigentlich sollte ihr Kind in der gut 30 Kilometer entfernten Klinik in Bremerhaven zur Welt kommen. Doch ausgerechnet am Abend des 14. Februars, während der Schneesturm über die Dächer fegt, setzten die Wehen ein. "Der Schnee lag so hoch", erzählt Carl-Heinz Ehlers, "wir haben einen Verwandten angerufen, der einen Unimog hatte, damit er uns nach Bremerhaven bringt." Der winkte ab - alles war zugeschneit. Noch nicht einmal der Hausarzt aus dem Nachbardorf schaffte es, die Familie zu erreichen.

Die letzte Rettung: Ein Transportpanzer

Der nächste Anruf ging zum Katastrophendienst. "Die wollten einen Hubschrauber schicken, aber das Schneetreiben war zu stark und die Sicht zu schlecht", erinnert sich Vater Carl-Heinz Ehlers. Die Wehen wurden immer stärker. Die letzte Rettung: Ein Mannschaftstransportpanzer aus der Kaserne der Bundeswehr in Schwanewede. "Das war der einzige, der noch da war. Mit defekter Heizung." Den schickten sie los ins 35 Kilometer entfernte Hellingst, samt Panzerfahrer, Panzerkommandanten und Stabsarzt. Die Bundesstraße war bis Vollersode geräumt, die Soldaten kamen zunächst gut voran. Danach lag der Schnee bis zu drei Meter hoch und die Sicht wurde immer schlechter.

Gefährliche Fahrt dicht am Graben

In Hellingst war Mutter Gisela mittlerweile die Fruchtblase geplatzt, Carl-Heinz Ehlers schaute ständig aus dem Dachfenster. Doch statt des Lichtkegels des Panzers sah er nur Schneegestöber. Um 23.30 Uhr erblickte er endlich den Panzer: "Der Stabsarzt sagte, wir müssten unbedingt ins Krankenhaus nach Osterholz-Scharmbeck, weil das Fruchtwasser schon weg war." Durch eine Klappe wurde Gisela Ehlers in den Panzer gehoben, der sich auf den Weg Richtung B74 machte. Zehn Kilometer lagen vor ihnen - normalerweise dauert die Fahrt zwischen 15 bis 20 Minuten. "Doch der Panzerfahrer musste die gleiche Spur im Schnee wiederfinden, die er auf dem Hinweg genommen hatte. Wären wir im Graben gelandet, hätte es böse enden können", sagt Carl-Heinz Ehlers.

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"Nach wenigen Minuten war das Baby da"

Seine Frau erinnert sich: "Es war furchtbar eng auf der Sanitätsliege im Panzer. Und lausig kalt. Obwohl ich eine Winterjacke, eine Mütze und eine Decke hatte." Und es war holprig. Das weiß Gisela Ehlers noch ganz genau. "Kein Wunder, dass das Baby da kommen wollte." Eine Stunde lang hielt die damals 24-Jährige es aus, bis sie an der B74 ankamen. Dort warteten schon ein Krankenwagen und der Dorfarzt Egbert Kutz. Er ist auch heute noch Hausarzt der Familie und wird diese besondere Geburt wohl nie vergessen: "Ich kam durch die Klappe in den Panzer und nach wenigen Minuten war schon das Kind da. Ich hab es in sterile Tücher und dann in meine Jacke gewickelt. Wir hatten ja keine Heizung." Danach kamen Mutter und die gesunde neugeborene Tochter in den Krankenwagen, der sie in die Klinik in Osterholz-Scharmbeck brachte. "Einer der ersten Glückwünsche kam von der Bundeswehr", erzählt Gisela Ehlers.

Bundeswehr in Kontakt zum "Schneebaby"

Der Kontakt zum Heer zog sich weiter durch das Leben von Anica Ehlers, die in der Region als "Schneebaby" bekannt geworden war. "Zu jedem Geburtstag kam jemand von der Bundeswehr aus Schwanewede, ich bekam auch viele Grüße von überall aus der Welt", erzählt sie. Auch bei ihrer Taufe war der Panzerkommandant dabei, der ihre Geburt miterlebt hatte. Knapp 40 Jahre nach der dramatischen Geburt steht auch Gisela Ehlers wieder an der Kreuzung, ihre Tochter dicht bei sich. Es sind wenige Grad über Null, sie zittert. "Wenn ich an damals denke, friere ich noch mehr. Und mir ist gleichzeitig so bewusst, wie dankbar ich sein kann." Dafür, dass alles doch noch so gut gelaufen ist in der Schneenacht 1979.

Hallo Niedersachsen zeigt weitere Ereignisse

Das ist nur ein Ereignis, das den Menschen aus diesem Winter im Gedächtnis geblieben ist. Während der Schneekatastrophe ging nicht vieles zwischen Harz und Küste. Auch der Verkehr stand still auf der A7. Auf zwölf Kilometern steckten hunderte Autos im Schnee fest.

Auch im ostfriesischen Westeraccum kämpften die Menschen gegen die Schneemassen. Eine gut acht Meter hohe Schneewehe verdeckte ein komplettes Haus in dem Ort. Die letzten Reste verschwanden erst Ende April. Hallo Niedersachsen war auch an diesen Orten und sprach mit den Menschen über ihre Erinnerungen an die eisigen Wochen vor 40 Jahren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Plattdeutsch | 04.02.2019 | 19:00 Uhr

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