Stand: 22.10.2018 08:06 Uhr

Modellstudiengang Medizin in Oldenburg wackelt

von Christina Gerlach und Holger Bock
Ob auch weiter angehende Mediziner in Oldenburg studieren dürfen, ist ungewiss.

Aufnahmestopp und lange Wartezeiten, zu wenige Hausärzte auf dem Land - auch in Niedersachsen: Das Land hat reagiert und die Zahl der Studienplätze im Fach Medizin aufgestockt, seit sechs Jahren auch am neuen Standort in Oldenburg. Dort gibt es seit dem Wintersemester 2011/2012 einen Modellstudiengang Medizin, sozusagen auf Probe. Zusammen mit der niederländischen Universität Groningen und vier Kliniken in Deutschland hat die Universität Oldenburg die sogenannte "European Medical School" gegründet. Ende kommenden Jahres läuft das Modell nun aus und dann muss das Land entscheiden, wie es weitergeht. Die Entscheidungen werden jetzt vorbereitet und nach NDR Recherchen wackelt der Studiengang.

Wissenschaftsrat besucht Medizin-Studiengang

Grundlage für die Entscheidung über die Zukunft des Studiengangs ist das Gutachten des Wissenschaftsrates von Bund und Ländern. Das Gremium evaluiert derzeit das Oldenburger Modell und muss den Studiengang am Ende auch bundesweit zulassen. Nach NDR Informationen will die "Vor-Ort-Gruppe" des Wissenschaftsrates den Oldenburgern an diesem Donnerstag einen Besuch abstatten. Zwei Tage lang prüft eine Arbeitsgruppe dann, ob die eingereichten Unterlagen auch mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Lehre, Forschung und Finanzierung sind gleichrangige Faktoren der Bewertung, erläutert Thomas May, Generalsekretär des Wissenschaftsrates, im NDR Gespräch. In der Vergangenheit waren die Experten zwar überzeugt vom internationalen und praxisorientierten Konzept des neuen Studienganges, es fehle aber an genügend wissenschaftlichen Stellen für Lehre und Forschung, es fehle an Räumen und es fehlt an Investitionen. Zudem seien die Kliniken im Netzwerk nicht ausreichend genug vernetzt, so bisher das Urteil des Wissenschaftsrates.

Landesrechnungshof nimmt Studiengang unter die Lupe

Dabei treibt das Land einen erheblichen Aufwand für den Medizinstudiengang in Oldenburg: Der Landesrechnungshof schätzt, dass Niedersachsen dafür bisher rund 100 Millionen Euro ausgegeben hat. "Der Steuerzahler hat ein Anrecht darauf zu wissen, ob dieses Geld wirtschaftlich angelegt worden ist", sagt Hermann Palm, Senatsmitglied der Prüfbehörde. Darum hätten die Rechnungsprüfer nun auch eine umfangreiche Prüfung der "European Medical School" angesetzt. Pikant dabei: Der Landesrechnungshof prüft, ob sich das Land den Oldenburger Studiengang überhaupt leisten kann - und das auch noch in 20 oder 30 Jahren.

Kosten drei Medizinstudiengänge jährlich eine halbe Milliarde Euro?

Noch steht diese Prüfung ganz am Anfang, aber hinter vorgehaltener Hand nennen die Prüfer schon eine Summe, die das Land künftig wohl aufwenden muss, um drei Medizinstudiengänge auskömmlich auszustatten: rund 500 Millionen Euro im Jahr. In den Haushaltsplanungen des Landes ist davon allerdings wenig zu sehen. In der aktuellen, mittelfristigen Finanzplanung hat Niedersachsens Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) diese neuen Aufwendungen noch gar nicht eingeplant, obwohl der Landtag in dieser Woche über den Landeshaushalt für das kommende Jahr berät und im Dezember beschliessen will. In den bisherigen Planungen erscheinen nur die Medizinstudiengänge Göttingen und Hannover, zusammen mit Zuschüssen von rund 350 Millionen Euro im Jahr 2019.

Wo bleiben die Landeszuschüsse für Oldenburg?

Für Oldenburgs Medizinstudiengang sind derzeit für den laufenden Betrieb im kommenden Jahr nur 17,6 Millionen Euro vorgesehen. Hinzu kommen noch einmal etwa 560.000 Euro für Investitionen. Zwar hat Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) den Oldenburgern weit mehr versprochen - etwa 180 Millionen Euro für ein neues Medizin-Gebäude sowie eine erhebliche Steigerung der Zuschüsse zu laufenden Kosten. In den Haushaltsplänen des Finanzministers ist davon allerdings bisher wenig zu sehen. Wie lang der Wunschzettel an Steuermitteln der Oldenburger Fakultät ist, will Studiendekan Professor Klaus Kohse nicht sagen, das seien Interna der Universität.

Finanzausstattung, wie ein "Tretauto"

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Kostet der Oldenburger Medizinstudiengang als Teil der "European Medical School" zu viel? Das Land lässt das nun prüfen.

Um der Approbationsordnung für Ärzte zu genügen und den Anforderungen des Wissenschaftsrates gerecht zu werden, reiche die derzeitige Finanzierung jedoch nicht aus, muss Kohse im NDR Gespräch einräumen. Mit Blick auf die Finanzausstattung seiner Fakultät zieht er einen ungewöhnlichen Vergleich: "Sie können auch mit einem Tretauto fahren, wenn sie keinen Golf bekommen. Gehen tut das", sagt Kohse. Derzeit würden nur Dozenten mit einem Lehrauftrag die Lehre in Oldenburg übernehmen, sie würden das Fach aber nicht im Sinne einer Professur verwalten. Das sei, so Kohse, "als wenn sie in der Schule Hilfslehrer einstellten." Schon kursiert der Vorwurf, die Oldenburger würden letztlich nur eine "Arztschule light" anbieten können.

Oldenburgs junge Ärzte: mehr Verständnis?

Studierende, wie Alexandra Eberlei, haben sich für Oldenburg entschieden, weil dort sehr nah an der medizinischen Praxis unterrichtet wird: "Wir haben hier schon nach wenigen Wochen die ersten echten Patienten gesehen", sagt die Medizinstudentin. Das Konzept böte die Chance, "eine andere Art von Ärzten auszubilden, die vielleicht mehr Patientenverständnis haben", meint die 28-Jährige. Neben dem Universitätsklinikum im niederländischen Groningen können Studierende auf deutscher Seite Praktika in vier Kliniken absolvieren, darunter auch das städtische Klinikum Oldenburg-Kreyenbrück.

Größter Klinikpartner der Fakultät in den Negativ-Schlagzeilen

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Der Ausbildungs-Partner der Uni Oldenburg, das städtische Klinikum, ist schon länger in den Negativ-Schlagzeilen.

Ausgerechnet dieses Klinikum kommt aber seit Monaten nicht aus den Negativschlagzeilen heraus: Die Mordserie von Niels Högel nahm hier ihren Anfang, zudem berichteten Insider von ungewöhnlich vielen Toten nach Bauchspeicheldrüsen-OPs, die Krebsgesellschaft hat Zertifikate aberkannt, Chefärzte liegen im Dauerclinch mit dem Verwaltungschef und nun droht auch noch ein Millionen-Defizit. Inwieweit die Probleme am städtischen Klinikum aber auch eine Rolle bei der Begutachtung des Medizinstudienganges insgesamt spielen, könne er nicht sagen, sagt der Generalsekretär des Wissenschaftsrates, Thomas May. Mitte kommenden Jahres will der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen für Oldenburg veröffentlichen. Spätestens dann wird auch der Landesrechnungshof sagen, ob ein dritter Medizinstudiengang in Niedersachsen wirtschaftlich sinnvoll ist.

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Starkes Engagement aus der Region für neuen Studiengang

Die Region immer noch voll hinter der "European Medical School": Persönlichkeiten aus der Oldenburger Politik, aus Wirtschaft und Wissenschaft hatten sich für den neuen Medizinstudiengang eingesetzt. Ein Freundeskreis verpflichtete sich sogar bei der Wirtschaft rund fünf Millionen Euro für zwei Gast-Professuren einzusammeln. Statt der geplannten fünf hatte der Kreis das Geld bereits nach zwei Jahren zusammen. Das setzte die stimmte damalige schwarz-gelbe Landesregierung im Jahr 2010 so sehr unter Druck, dass sie schließlich zustimmte, einen neuen Medizinstudiengang in Oldenburg auf den Weg zu bringen und das Konzept vom Wissenschaftsrat weiter evaluieren zu lassen. Das Gutachten dieser unabhängigen Experten wird nun darüber entscheiden, ob die Landesregierung aus dem Modellversuch in Oldenburg einen regulären Studiengang Humanmedizin macht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.10.2018 | 08:00 Uhr

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