Stand: 09.02.2017 15:23 Uhr

Mit dem Passat und der "Alex II" in die Karibik

von Peter Becker

"Herzlich Willkommen, stell die Tasche weg, geh unter Deck in die Messe, dann bekommst du noch was zu essen." Kurz und pragmatisch begrüßt Matrose Alex von der Stammcrew den Neuling Marvin Wawoczny, als der 24-Jährige zur Mittagszeit die "Alexander von Humboldt II" zum ersten Mal betritt. Der Lehramtsstudent aus Hannover wagt das Abenteuer, mit dem Großsegler aus Bremerhaven den Atlantik zu überqueren. Da kann eine Stärkung aus der Kombüse nicht schaden. Dass sich Wawoczny für seine erste Reise auf der "Alex II" - so nennt die Mannschaft ihre Bark - gleich den Törn über den großen Teich ausgesucht hat, hat einen einfachen Grund: "Ich hatte sonst keine Zeit."

Mehrere freiwillige Matrosen hissen die Segel des Schiffes "Alexander von Humboldt II". © NDR Fotograf: Peter Becker

Leinen los auf der "Alex II"

67 freiwillige Matrosen haben auf der "Alexander von Humboldt II" den Atlantik überquert. NDR Reporter Peter Becker war mit an Bord und hat den Alltag auf See dokumentiert.

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Leinen los auf den Kapverden

Startpunkt der Atlantik-Überquerung ist Sal, eine Insel des Kapverden Archipels vor Westafrika. Zusammen mit dem 24-Jährigen treffen in der Mittagshitze nach und nach die Stammcrew, die aus Ehrenamtlichen besteht, und knapp vierzig Mitsegler ein. Diese Trainees sind aber keine Kreuzfahrtgäste, die sich bedienen lassen wollen, sie sind vielmehr von Beginn an Teil der Mannschaft. Die Trainees packen mit an, denn sie wollen das Segeln auf dem Rahsegler erlernen. Einzige Grundvoraussetzungen: körperliche Fitness und ein Mindestalter von 14 Jahren.

Im Reich der Smuts

Zum Anpacken hat Wawoczny sofort Gelegenheit: Es müssen noch Lebensmittel für die lange Reise im Unterdeck gebunkert werden: frische Eier, Milch, Birnen, Äpfel, Paprika und Tomaten. Die Zeiten, in denen Seefahrer durch Vitamin-C-Mangel an Skorbut starben, sind zum Glück lang vorbei. Die "Alexander von Humboldt II" ist zwar ein Traditionssegler, doch die Smuts Peter und Thomas müssen in der Kombüse nicht auf die Raffinesse moderner Küchentechnik verzichten. Dank zweier großer Kühlkammern kann auf Pökelfleisch wie zu den Zeiten von James Cook verzichtet werden.

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Das Rigg ist das Highlight

Der Geist der alten Seefahrer ist dennoch überall an Bord spürbar, vor allem im Rigg, in das Wawoczny, begleitet von Leichtmatrosin Kerstin Bücker und gesichert durch einen Klettergurt, noch vor dem Auslaufen aufentert. Die Trainees sollen so die notwendige Sicherheit in den Masten und auf den Rahen erlangen, bevor sie dann auf hoher See mithelfen, die Segel entweder auszupacken oder festzuzeisern, also wieder festzubinden. "Ich wollte schon immer mal Pirat sein; da ist das Rigg natürlich ein Highlight, weil das der Ort ist, an dem man sich am ehesten als Pirat fühlt," erzählt der Student nach seinem ersten Ausflug in die Spitze des Großmastes in 30 Metern Höhe.

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"Der Käpt'n sieht rot, wenn er kein grün sieht"

Am Abend gibt es dann eine erste knappe Begrüßung durch den Kapitän Stefan Lange. Er möchte das Ziel der Reise, die Insel Saint Martin in der Karibik, möglichst unter Segeln erreichen. Auf den Motor zurückzugreifen ist ihm ein Graus. In der Mannschaft macht schnell ein Satz die Runde: "Der Käpt'n sieht rot, wenn er kein grün sieht." Damit sind die berühmten grünen Segel der "Alex II" gemeint, die das Segelschulschiff seit einiger Zeit wieder trägt, ebenso wie sein Vorgänger, die "Alexander von Humboldt". Im Hafen von Palmeira auf den Kapverden liegen die Schiffe dann aber doch so eng beieinander, dass der Kapitän zum Auslaufen doch kurz auf den Unterwasserbesan, den Schiffsmotor, zurückgreifen muss. Am Ende werden diese zwei Meilen aber die einzigen unter Motor auf der langen Reise gewesen sein - dem steten Passatwind sei Dank.

Die "Alex II" und die Atlantik-Reise

Schiffstyp: Dreimastbark
Heimathafen: Bremerhaven
Baujahr: 2011
Länge: 65 Meter
Breite: 10 Meter
Segelfläche: 1.360 Quadratmeter
Bauwerft: Brenn- und Verformtechnik (BVT) Bremen
Eigner: Deutsche Stiftung Sail Training
Gesamtreisezeit: 12.1. bis 4.2.2017
Seemeilen: 2.439
Schnitt: 5,3 Knoten
Kapitän: Stefan Lange
Besatzung: 67 Personen
Alter der Besatzung: 17 bis 80 Jahre

"Hundewache" für Student Marvin

Doch das ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Stammcrew und Trainees sind erst einmal damit beschäftigt, sich in ihrer jeweiligen Wache zurechtzufinden. Auf der "Alex II" gibt es drei Wachen, die abwechselnd jeweils vier Stunden für das Schiff verantwortlich sind. Danach hat die Wache acht Stunden Freiwache, es sei denn, es gibt ein sogenanntes All-Hands-Manöver, bei dem jeder mit anpacken muss. Wawoczny wird in die 0-4 Wache eingeteilt, die "Hundewache". Zusammen mit 20 Mitstreitern hat der Hannoveraner also Dienst von 12 Uhr mittags bis 16 Uhr und von Mitternacht bis 4 Uhr morgens. Irgendwann hat Wawoczny seinen Rhythmus gefunden: vor Mitternacht wach bleiben und nur vormittags länger schlafen: "Solange wir was tun, fällt es nicht so schwer, wach zu bleiben", findet er.

Jede Wache will schnell segeln

Deswegen freuen sich Wawoczny und die anderen aus seiner Wache auch meistens, wenn Toppsmatrose Jan Stammschulte, der Wachführer, nachts mit neuen Aufgaben lockt: Je nach Wetterlage müssen Segel gesetzt oder geborgen werden oder die Rahen angebrasst, also so eingestellt werden, dass mit dem vorhandenen Wind mehr Fahrt aufgenommen werden kann. Jede Wache will in ihrer Dienstzeit ein wenig schneller fahren als die anderen. So entsteht eine gesunde Konkurrenz unter den drei Wachen.

Bord-Olympiade gegen den Lagerkoller

Damit es dabei bleibt und nicht irgendwann der Lagerkoller auf der dreiwöchigen Überfahrt um sich greift, initiiert Kapitän Lange zum Bergfest nach elf Tagen eine Bord-Olympiade: Kartoffeln schälen und Segelsetzen auf Zeit, dazu Zielwerfen und ein Hindernisparcour. Im Kartoffelschälen liegt Wawocznys Wache klar vorn, denn das ist ohnehin eine Hauptbeschäftigung der 0-4-Wache. Etwas weniger beliebt ist das Handtücherfalten für die Bordwäscherei.

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Der Rahsegler - eine ewige Baustelle

Treue Begleiter der Reise sind zwei Zwergwale, die immer wieder längsseits des Schiffes auftauchen und auch bei rund sechs Knoten Fahrt, also 10,8 Kilometern pro Stunde, noch mit der "Alex II" mithalten können. Für Abwechslung sorgt auch Bootsmann Tönne, der auf der ewigen Baustelle eines Rahseglers immer eine Aufgabe an jeden zu verteilen hat, der auch nur eine Sekunde gelangweilt dreinblickt. Die Lieblingsaufgabe von Student Wawoczny ist es, im Besanmast die Holzblöcke, durch die die Leinen der Segel laufen, zu schleifen und zu lackieren. Hilfreich ist es dabei, dass ihn die Seekrankheit - wie die meisten an Bord - auf dieser Reise zumeist verschont.

Gänsehaut vor Saint Martin

Nach 19 Tagen Fahrt erschallt kurz vor 10 Uhr plötzlich der Ruf "Land in Sicht!". Ein Gänsehaut-Moment. Zwei Stunden später ist die Insel Saint Martin erreicht und das Schiff geht vor Anker. Die Crew der "Alexander von Humboldt II", die ausnahmslos aus Ehrenamtlichen besteht, und die Trainees haben die Karibik erreicht. 2.439 Seemeilen und unzählige kleine Abenteuer liegen hinter den 67 Frauen und Männern an Bord. Das Gefühl, wie ein Pirat die Freiheit auf dem Meer zu erleben, hat bei Marvin Wawoczny bis zum letzten Tag angehalten.

Leichtmatrose auf der Alexander von Humboldt II

NDR Reporter Peter Becker ist privat Mitglied der Stammcrew der "Alexander von Humboldt II". Als Leichtmatrose kümmert er sich ehrenamtlich um den Erhalt der traditionellen Seemannschaft. Von seiner jüngsten Reise hat er eine Reportage für NDR.de geschrieben.

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Hallo Niedersachsen | 29.05.2016 | 19:30 Uhr