Millimeterarbeit: Insektenforscher entdeckt die Borkum Fliege

Stand: 14.08.2021 15:15 Uhr

Jens-Hermann Stuke hat eine unbekannte Fliegen-Art direkt in den Dünen der Insel Borkum entdeckt. Er hat sie Hyadina Borkumensis genannt.

von Matthias Schuch

Mit gemessenem Schritt stapft Stuke durch den Schlosspark der Evenburg in Leer. Dabei schwenkt er ein großes Insektennetz - über den frisch geschnittenen Rasen, an den blühenden Beeten vorbei. Mit Schwung fliegt sein Netz durch die Springkrautwildnis unter den alten Eichen, über die mit Entenkot übersäten Uferstreifen am Schlossgraben. Stuke ist auf der Jagd. Seine Beute: Fliegen. Und davon gibt es im Schlossgarten - so wie überall sonst auch - unzählige. "Fliegen sind Spezialisten, die oft nur ganz kleine Lebensräume haben", erzählt Stuke, während er das Netz über die Grasnarbe schwenkt. "Manche leben nur in bestimmten Pflanzen, andere brauchen Aas oder Kot, wieder andere die Nähe zum Wasser." Allein hier im Park, vermutet er, könnten es bis zu 2.000 verschiedene Arten sein, von denen zumindest einige wahrscheinlich noch nie von Forscherinnen und Forschern beschrieben worden sind.

Zwei Millimeter groß: die Borkum Fliege

Der Forscher Jens-Hermann Stuke sitzt vor einem Mikroskop. © NDR
Eigentlich ist Jens-Hermann Stuke Lehrer, aber auch bekannt für seine Insektenforschung.

Jens-Hermann Stuke ist einer dieser Forscher. Dabei arbeitet er eigentlich als Gymnasiallehrer in Leer. Die Fliegen sind sein Hobby. Aber eines, dem er sich seit Jahrzehnten mit Hingabe widmet. Und das mit Erfolg. Denn auch wenn er mit der Fliegenforschung nicht seinen Lebensunterhalt verdient, ist er ein international anerkannter Experte auf dem Feld, der immer wieder spektakuläre Funde macht. Erst vor Kurzem hat er wieder eine bisher völlig unbekannte Fliegenart entdeckt. Und das nicht im Amazonas-Dschungel oder der inneren Mongolei, sondern in den Dünen direkt am Hauptstrand der Insel Borkum. Gerade mal zwei Millimeter ist das Tierchen groß, das Stuke - nach seinem Fundort - Hyadina Borkumensis getauft hat. "Neue Vogelarten oder Schmetterlinge zu entdecken, das ist bei uns praktisch ausgeschlossen", sagt Stuke. "Bei Fliegen dagegen ist es zu erwarten. Das ist natürlich ein tolles Feld für Entdecker."

100 neue Arten entdeckt

Stuke weiß, wovon er spricht. In den vergangenen 30 Jahren hat er rund 100 völlig neue Arten entdeckt, wissenschaftlich beschrieben und mit lateinischen Namen versehen. Zurzeit gilt sein Hauptaugenmerk vor allem einer Gattung: den Uferfliegen. "Das sind mit die kleinsten Fliegen, die es gibt, meistens nur ein paar Millimeter groß. Da braucht man ein geschultes Auge, um interessante Exemplare überhaupt erst zu entdecken."

Mit dem Kopf im Netz

Der Forscher Jens-Hermann Stuke untersucht in einem Fangnetz gefangene Fliegen. © NDR
Jens-Hermann Stuke schaut genau hin.

Auch bei seinem Fangzug im Schlosspark der Evenburg verlässt sich Stuke erst einmal auf seinen geschärften Blick. Immer wenn er ein Netz voller Fliegen hat, steckt er den Kopf hinein und schaut aus der Nähe. Für Laien sieht das ein bisschen befremdlich aus, für Stuke ist es ganz normaler Forscheralltag: "So versperre ich den Fliegen den Ausgang und kann gleichzeitig schon mal aus der Nähe gucken, ob spannende Tiere dabei sind." Die Fliegen, die sein Interesse wecken, saugt er dann mit einem sogenannten Exhauster ein. "Das ist so eine Art mundbetriebener Staubsauger", erklärt er zwischen zwei Zügen. "Hinten sauge ich und vorne werden die Fliegen durch den Sog in einen Plastikbehälter gezogen, in dem ich sie dann mit zur Untersuchung nehme." Gerade bei den ganz kleinen Arten sei das die einzige Möglichkeit, die Tiere überhaupt zu erwischen.

Bestimmung ist Millimeterarbeit

Nach gut einer Stunde Fliegenfangen ist Stuke mit seiner Ausbeute zufrieden. Nun kommt der komplizierte Teil seiner Arbeit: die Bestimmung. Das geht nur mit dem Binokular-Mikroskop am heimischen Schreibtisch. Dort schaut Stuke sich seine Ausbeute stark vergrößert an und präpariert alle interessanten Tiere. Eine frickelige Angelegenheit, denn Stuke muss die winzigen Fliegen mit einer extrem feinen Pinzette auf haardünne Nadeln aufpieksen. "Und das ist nicht mal das Schwierigste daran", meint er. "Bei manchen Gattungen kann man die Arten nur anhand ihrer Genitalien unterscheiden - und die liegen oft innerhalb des Unterleibs. Da muss man dann ein millimetergroßes Insekt sezieren, um ranzukommen. Das braucht eine sehr ruhige Hand."

Und es braucht Zeit. Die meisten Fliegen, die er jetzt im Sommer fängt, bewahrt er erst einmal bis zum Herbst auf. Erst wenn das Wetter schlechter und die Fliegenfängerei schwieriger wird, macht er sich dann an die Bestimmung der Tiere. Und wer weiß, vielleicht ist dann auch wieder eine bisher unbekannte Art dabei.

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