Stand: 07.07.2020 15:08 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Leiser Abschied vom Medizin-Studiengang Oldenburg?

von Christina Gerlach & Holger Bock
Bild vergrößern
Der European Medical School in Oldenburg droht das Aus.

In diesen Tagen hat der Niedersächsische Landtag ein Gutachten des Deutschen Wissenschaftsrats zur European Medical School aus dem Vorjahr als Landtagsdrucksache veröffentlicht. Das Land Niedersachsen hatte selbst darum gebeten und sich Unterstützung erhofft, im Nordwesten Niedersachsens Spitzenmedizin zu verankern. Die meisten Punkte des Gutachtens sind schon lange bekannt. Doch gebündelt auf 156 Seiten - inklusive einer hinzugefügten 20-seitigen Zusammenfassung - dürfte es bei der Landesregierung und vor allem im Wissenschaftsministerium für wenig Begeisterung gesorgt haben. Zwar würdigen die Wissenschaftler die Idee einer grenzüberschreitenden Medizinerausbildung zwischen den Universitäten Groningen und Oldenburg. Und auch einzelne Forschungscluster seien "exzellent", wie beispielsweise die Neurosensorik und die Hörforschung. Doch auf den Rest blickt der Wissenschaftsrat "mit Sorge".

Videos
02:44
Hallo Niedersachsen

Oldenburg: European Medical School vor dem Aus?

07.07.2020 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Dem Medizin-Studiengang in Oldenburg fehlt Geld. Erste Hilfe soll vom Land Niedersachsen fließen, doch das Kabinett sieht erstmal keine Mittel dafür vor. Video (02:44 min)

Zentrale Kritikpunkte "bislang nicht ausgeräumt"

Bereits im November 2010 hatte sich der Wissenschaftsrat, das hochkarätig besetzte Beratungsgremium für Lehre und Forschung, mit der Idee einer European Medical School in Oldenburg beschäftigt. Noch bevor die ersten Studierenden einzogen, mahnte der Wissenschaftsrat ein tragfähiges Kooperationsmodell zwischen der Universität und den vier beteiligten Kliniken am Standort Oldenburg an. Diese Kritikpunkte seien "bislang nicht ausgeräumt" worden, schreiben die Wissenschaftler jetzt, zehn Jahre später. Da gäbe es "erheblichen Nachbesserungs- und Entwicklungsbedarf". Insbesondere sei es nicht gelungen, eine tragfähige Lösung für ein gemeinsames Universitätsklinikum beziehungsweise ein Kooperationsmodell der vier Kliniken zu finden.

Downloads

Landtagsdrucksache: Stellungnahme zur Evaluation des Wissenschaftsrates

Download der Landtagsdrucksache mit Stellungnahme zum Gutachten des Wissenschaftsrats im Bezug auf die Weiterentwicklung der Universitätsmedizin in Oldenburg. Download (1 MB)

Kaum Professoren für Modellstudiengang Medizin gefunden

Auch ein personeller Aufbau sei trotz des zehnjährigen Vorlaufs "erst in Ansätzen" erfolgt, schreibt der Wissenschaftsrat. Die vielen offenen Professoren-Stellen würden Fragen nach der Qualität der Wissenschaft aufwerfen. Der Wissenschaftsrat mahnt "rasch offene Ausschreibungsverfahren voranzutreiben". Als einen Knackpunkt sieht das Gremium die fehlende Attraktivität des Standorts Oldenburg. Insbesondere sei die Ausstattung mit Laboren und Hörsälen zu verbessern, um die Attraktivität für neue Professoren zu erhöhen.

Bis 2024 will das Land 200 Medizin-Studienplätze schaffen

Nach ursprünglich 40 und jetzt 80 will das Land in vier Jahren 200 Studienplätze für angehende Mediziner in Oldenburg schaffen. Damit möchte das Land dem Ärztemangel auf dem Land - insbesondere im Nordwesten Niedersachsen - begegnen. Allerdings fehle ein "strukturelles und finanzielles Konzept für den Aufbau der Studienplätze", urteilt der Wissenschaftsrat in seinem Gutachten. Gerade mit Blick auf die Kooperation mit Groningen, seien keine Lösungskonzepte erkennbar. Vor dem weiteren Aufbau der Kapazitäten müsse das Land jetzt erst einmal ein Konzept dazu entwickeln.

European Medical School von Beginn an unterfinanziert

Dreh- und Angelpunkt bleibt bei der European Medical School das Geld. An Ideen mangelte es den Befürwortern nie, wohl aber an den finanziellen Ressourcen. Ein 2009 in Oldenburg gegründeter Verein sammelte bei Betrieben, Banken und Privatleuten sowie den Kommunen der Region rund fünf Millionen Euro ein, um den Medizin-Studiengang im Nordwesten möglich zu machen. Auch das Land Niedersachsen hat nach Schätzungen des Landesrechnungshofs bislang mehr als 100 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Und trotzdem musste Studien-Dekan Klaus Kohse im vergangenen Jahr einräumen, sein Studiengang sei chronisch unterfinanziert. Im NDR Gespräch verglich er die Oldenburger Ausstattung mit einem Tretauto im Vergleich zu einem Golf an anderen Medizin-Standorten.

Wissenschaftsrat: Starkes Bekenntnis zum Standort Oldenburg nötig

Vor verbaler Unterstützung - auch aus der Landesregierung - kann sich der Oldenburger Medizin-Studiengang kaum retten. Geld für konkrete Projekte aber fließt kaum, es tröpfelt eher. So mahnt der Wissenschaftsrat einen Neubau für Lehre und Forschung an. Die Kosten dafür beziffert das Kultusministerium auf 142 Millionen Euro. Das Lehr- und Forschungsgebäude soll eine Fläche von 12.300 Quadratmetern aufweisen - also eine Größe von etwa anderthalb Fußballfeldern. Der Wissenschaftsrat sieht hier sogar ein Investitionsbedarf von 226 Millionen Euro.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro für den Standort Oldenburg?

Und damit ist noch lange nicht Schluss: Die beteiligten vier Kliniken beziffern ihren eigenen Investitionsstau auf mehr als 400 Millionen Euro. Das macht einen Finanzbedarf von mehr als 600 Millionen Euro. Kaum zu stemmen für ein Land wie Niedersachsen hatte der Landesrechnungshof bereits im vergangenen Jahr festgestellt. Vor allem deshalb, weil das Wissenschaftsministerium für die bereits eingeleiteten Neubauten an den etablierten Universitätsmedizin-Standorten in Hannover und Göttingen mittlerweile von mehr als 5 Milliarden Euro ausgeht. Das alles sind Schätzungen aus der Vor-Corona-Zeit. Ob Niedersachsen sich diese Kraftanstrengungen auch jetzt noch leisten kann, ist mehr als fraglich.

Unterstützer aus der Region befürchten das Ende der European Medical School

Der lang zur Schau gestellte Optimismus ist selbst bei den Anhängern des Studiengangs verflogen. Der Oldenburger Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) sagte NDR Niedersachsen, ohne das Geld aus Hannover drohe der leise Abschied des Projekts. Vor vier Wochen schlugen die Direktoren der Lehrkrankenhäuser Alarm. In einem öffentlichen Brandbrief an die Landesregierung forderten sie ein deutliches Zeichen für die Mediziner-Ausbildung in Oldenburg. Darin sprachen die Direktoren von einer mangelhaften Infrastruktur in Oldenburg. Wenige Wochen zuvor hatten bereits zahlreiche Persönlichkeiten der Region das Land aufgefordert, Geld für den Medizin-Neubau bereitzustellen. Schon jetzt gebe es Probleme, wissenschaftliche Mitarbeiter zu finden, weil Labore und Hörsäle fehlten. Aktuell könnten sieben Professuren nicht besetzt werden, weil die von den Bewerbern geforderten Arbeitsbedingungen nicht zugesagt werden können. Ein Scheitern des Projektes sei nicht mehr ausgeschlossen, sagte jüngst der Vorsitzende des Vereins Universitätsmedizin Nordwest, Gerd Pommer.

Weitere Informationen

Modellstudiengang Medizin in Oldenburg wackelt

22.10.2018 08:00 Uhr

Ob der Modell-Studiengang Medizin an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg im kommenden Jahr weitergeführt wird, ist unklar. Nach NDR Recherchen gibt es erhebliche Zweifel. mehr

Neue Mediziner für das flache Land?

01.10.2012 17:00 Uhr

In Oldenburg ist ein neuer Medizinstudiengang gestartet: Erstsemester aus Deutschland und den Niederlanden studieren gemeinsam - auch, um den Ärztemangel der Region zu beheben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.07.2020 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:01
Hallo Niedersachsen
02:19
Hallo Niedersachsen
01:27
Hallo Niedersachsen

Lingen bei 35 Grad Hitze

Hallo Niedersachsen