Stand: 10.10.2017 15:24 Uhr

Kindesmissbrauch: Festnahme nach Facebook-Fahndung

In einem schweren Fall von Kindesmissbrauch führt die Spur nach Niedersachsen: Nach einer öffentlichen Fahndung ist am Montagabend ein 24-jähriger Mann aus dem Landkreis Wesermarsch festgenommen worden. Ihm wird vorgeworfen, ein vierjähriges Mädchen zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 mehrfach schwer sexuell missbraucht zu haben. Er soll Aufnahmen davon gemacht und diese anschließend auf einer kinderpornografischen Plattform im sogenannten Darknet verbreitet haben. Der Mann war polizeilich zuvor nicht bekannt. Inzwischen aber hat die Polizeiinspektion Oldenburg/Delmenhorst eine Sonderkommission eingerichtet. Nach Informationen des NDR geht man davon aus, dass es Mitwisser oder gar Mittäter geben könnte.

Medien: Mutter und Großeltern gingen zur Polizei

Zum schnellen Erfolg führte die öffentliche Fahndung nach Opfer und Täter durch Veröffentlichung von Opfer-Fotos im Internet am Montagmorgen. Rund 160 Menschen meldeten sich daraufhin bei der Polizei. Laut "Bild"-Zeitung waren auch Angehörige darunter: Demnach kamen die Mutter und die Großeltern mit dem Mädchen zur Polizei und zeigten den 24-Jährigen an. Wenig später bestätigte das Bundeskriminalamt (BKA) auf seiner Facebook-Seite die Festnahme des Mannes. Das BKA schreibt in einer Pressemitteilung, dass der Tatverdächtige aus dem "persönlichen Nahbereich" des Opfers stamme. Laut "Bild" soll es sich um den Lebensgefährten der Mutter handeln. Laut Nordwest-Zeitung (NWZ) soll der entscheidende Hinweis auf einer Wache in Brake (Unterweser) eingegangen sein.

Sonderkommission ermittelt

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Mannes wurden laut BKA Beweismittel sichergestellt. Der 24-Jährige soll im Laufe des heutigen Tages dem Haftrichter vorgeführt werden. Das Kind wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft psychologisch betreut. Dem Mädchen soll es den Umständen entsprechend gut gehen, es sei körperlich unversehrt. Die Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch hat eine Sonderkommission eingerichtet.

Hinweis im August aus dem Ausland

Bemerkenswert ist das Vorgehen der Ermittler: Der bei Facebook gepostete Link zur BKA-Seite mit den Fotos des Opfers, die letztendlich zur Festnahme des Tatverdächtigen führten, hatte die Behörde am Montagmorgen in Abstimmung mit der Generalstaatsanwaltschaft veröffentlicht. Die Beamten waren zuvor in ihren Ermittlungen nicht weitergekommen: Bereits seit Mitte August fahndete das BKA erfolglos nach Täter und Opfer, nachdem eine Ermittlungsbehörde aus dem Ausland auf den Fall aufmerksam gemacht hatte.

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Staatsanwalt verweist auf hohe Wiederholungsgefahr

Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk, Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT), verteidigte das Vorgehen der Ermittler, Fotos des Opfers zu veröffentlichen. "Das ist die letzte Maßnahme, um den Täter zu identifizieren. Darauf greifen wir nur zurück, wenn alle anderen Möglichkeiten nicht zum Ziel geführt haben", so Ungefuk. Zudem sei Eile geboten gewesen, da man davon habe ausgehen müssen, dass das Kind weiter dem Zugriff des Täters ausgesetzt sei. In einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag bekräftigte Ungefuk dies und sprach von einer hohen Wiederholungsgefahr. Insgesamt sollen neun Videos aufgetaucht sein, die den Missbrauch belegen.

BKA: Geteilte Bilder bitte löschen

Das Social-Media-Team des BKA bittet nun darum, die Bilder des Kindes, die während der Fahndung online geteilt wurden, aus Gründen des Opferschutzes zu löschen. Um das Mädchen zu schützen, teilen die Ermittler auch nicht mit, aus welchem Ort in der Wesermarsch es stammt. Die Plattform, auf der die Videos auftauchten, ist Medienberichten zufolge noch nicht abgeschaltet. Von welchem Land aus sie betrieben wird, wollen die Ermittler nicht preisgeben. Einen Zusammenhang zur kinderpornografischen Plattform "Elysium", die im Juli zerschlagen wurde, hat ZIT-Sprecher Ungefuk ausgeschlossen. Die Videos von dem Mädchen seien auf einer anderen Plattform gefunden worden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 10.10.2017 | 08:00 Uhr