Stand: 13.01.2018 08:41 Uhr

Junge und Mutter retten Papa nach Herzstillstand

von Silke Rudolph
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Die Ärzte Bernd Schwedhelm (l.) und Ralf Weßel behandelten den Patienten im Krankenhaus.

Diesen Tag wird Familie Täubert aus Verden wohl nie vergessen. Vater Helge Täubert war gerade noch mit dem Hund draußen, dann setzt er sich zum Spielen mit seinem vierjährigen Sohn Jonne aufs Sofa. Und dann, wie aus dem Nichts: Herzstillstand. "Aus Erzählungen weiß ich, dass ich wohl noch gesagt habe: 'Mir geht es schlecht', aber danach kann ich mich an nichts mehr erinnern", sagt der 47-Jährige. Doch sein kleiner Sohn reagiert genau richtig, als er den Vater nicht mehr wecken kann: Er läuft zu seiner Mutter, die gerade das Bad putzt. Mutter Dörthe Agena denkt zuerst, dass sei wieder ein "Arzt-Patient-Spiel", wie es Papa und Sohn öfter spielen, aber dann schaut sie zum Glück nach. Schnell erkennt sie: Es ist ernst. Ihr Mann ist seltsam grau und hat kalten Schweiß auf der Stirn. Unter der Telefonnummer 112 erreicht sie die Leitstelle der Feuerwehr.

Helge Teubert mit seinem Sohn

Herzinfarkt: Vierjähriger als Retter

Hallo Niedersachsen -

In Verden reagierte ein Vierjähriger richtig, als sein Vater einen Herzinfarkt erlitt und zusammensackte. Er informierte schnell die Mutter, die dann Erste Hilfe leistete.

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Etwa 65.000 Fälle im Jahr

Sofort beginnt der Disponent mit den Anweisungen: "Nehmen Sie ihrem Mann vom Sofa und legen sie ihn auf den Boden." Dörthe Agena beginnt mit der Herzdruckmassage, bis der Rettungswagen da ist. "Man darf keine Angst haben, man kann nichts falsch machen. Jede Sekunde zählt", sagt die 38-Jährige. Nachdem sie den ersten Anweisungen von der Rettungsleitstelle gefolgt ist, habe sie sich auch wieder an ihre Ersthelfer-Schulungen erinnert und sei deutlich ruhiger geworden. "Der einzige Fehler wäre, nichts zu tun", sagt ihr Mann. Jedes Jahr gibt es mindestens 65.000 vergleichbare Fälle in Deutschland. Und nur zehn Prozent der Betroffenen, die außerhalb der Klinik einen Herzstillstand erleiden, überleben diesen - oft mit Hirnschäden. Deshalb ist dieser Fall auch für den behandelnden Kardiologen Bernd Schwedhelm außergewöhnlich.

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Alle gesund und munter: Helge Täubert mit seiner Lebensgefährtin und dem kleinen Helden Jonne.
"Patient hatte fünffach Glück"

"Der Patient hatte fünffach Glück: Erstens war der vierjährige Sohn auf Zack, dann die Ehefrau, die sofort mit der Wiederbelebung angefangen hat, unterstützt vom Disponenten in der Leitstelle. Er ist dafür ausgebildet, telefonisch Ersthelfer anzuleiten, auch der Rettungsarzt war Kardiologe. Und dann kam Herr Täubert auch noch sofort in unser Herzkatheterlabor", sagt Schwedhelm. Das Labor existiert erst seit August 2017. Ralf Weßel, Chefarzt in der Aller-Weser-Klinik für innere Medizin und Kardiologie, sagt, dass zwar immer mehr Leitstellen diese Hilfe anböten, dass dies aber bei weitem noch nicht überall üblich wäre. Denn die Schulungen seien aufwendig und es müssten dann ja auch immer mindestens zwei Disponenten anwesend sein. "Doch eigentlich ist es überall nötig, denn es kommt bei Herzinfarkten auf jede Minute an. Das Kernziel ist eben auch, dass keine Durchblutungsstörung im Kopf entsteht, sodass man die wenigen Minuten nutzen sollte, bis der Krankenwagen kommt", so Weßel weiter.

Regeln für die Wiederbelebung

Die Regeln für die Wiederbelebung nach einem Herzstillstand haben sich in den vergangenen Jahren geändert: Heute gilt es, bei Bewusstlosen, die nicht richtig atmen würden, schnell und kräftig in der Mitte des Brustkorbes zu drücken. "Mindestens 100 Mal pro Minute, summen sie im Geist 'Stayin' alive' von den Bee Gees mit, das sind 103 Beats pro Minute - oder 'Hoch auf dem gelben Wagen', das ginge auch", sagt Kardiologe Schwedhelm. Die Beatmung sei nicht entscheidend: "Im Blut des Patienten befindet sich eine Sauerstoffreserve, um ihn am Leben zu erhalten, bis der Rettungsdienst eintrifft. Hauptsache, Sie machen die Herzdruckmassage, damit der Sauerstoff auch zirkulieren kann."

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Die einzige Chance, einem Menschen nach plötzlichem Herzstillstand zu retten, ist die Reanimation. Nur wenige Regeln sind wichtig - Leben retten ist nicht schwer. Video (05:00 min)

Herzinfarkt ohne Schäden überstanden

Helge Täuberts Erinnerung setzt erst vier Tage später wieder ein: "Da hat mir der Arzt das Ultraschallbild meines Herzens gezeigt und gesagt: 'Sie hatten einen Herzinfarkt, aber ihr Herz schlägt wieder vollständig.'" Eine Woche nach dem Infarkt kann der Agrarwissenschaftler das Krankenhaus wieder selbstständig verlassen, begleitet von seiner Frau und seinem Sohn. "Es ist mir schon bewusst geworden, wie knapp das war. Dass man sein Leben verlieren kann, auch wenn man gesund ist." Bis er das verarbeitet hat, werde noch einige Zeit vergehen, glaubt Täubert. Auch dafür ist die vierwöchige Reha da.

Weitere Informationen

Den plötzlichen Herztod verhindern

Der plötzliche Herzstillstand ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Ursache ist meist eine akute Herzrhythmusstörung. Gibt es Warnsymptome? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 12.01.2018 | 07:30 Uhr

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