Stand: 13.02.2018 15:03 Uhr

In Cuxhaven fährt ein Bus nach Nirgendwo

"Es fährt ein Bus nach Nirgendwo": In Cuxhaven ist das bittere Realität. Mehrmals täglich fährt ein Linienbus ans Fährterminal, von dem es früher einmal nach Brunsbüttel ging. Früher, denn der Fährbetrieb wurde eingestellt. Der Bus aber fährt weiter. Pflichterfüllung nennt man das - und Ausdruck eines letzten Funkens Hoffnung.

Eine Glosse von Eckart Pohl

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Dem Busfahrer wird es vielleicht egal sein, wohin er fährt - und wer ein- oder aussteigt.

Wenn ein Flieger nicht fliegt oder die Bahn den Zugverkehr einstellt, ist die Aufregung jedes Mal groß. Alles ärgert sich, weil die mobile Gesellschaft nicht vom Fleck kommt.

Und dann gibt es da einen Bus in Cuxhaven, der einfach nur seine Route fährt. Pünktlich, verlässlich, viermal täglich. Und was passiert? Die Leute regen sich auch wieder auf. Dabei macht die Busgesellschaft nur das, wozu sie vertraglich verpflichtet ist: Sie verbindet den Bahnhof von Cuxhaven mit dem Fähranleger.

Vertrag ist Vertrag

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Ein Bus ohne Fahrgäste: So fährt Cuxhaven!

NDR Info - Auf ein Wort -

Viel Platz im Bus ist garantiert: In Cuxhaven startet ein Linienbus täglich zu einem Fähranleger, obwohl dort gar keine Fähren mehr ablegen. Eckart Pohl bittet auf ein Wort.

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Trotzdem schlagen an der Elbmündung nun die Wellen der Empörung hoch, denn der Fähranleger ist eigentlich kein Fähranleger mehr. Der Fährbetrieb rüber nach Brunsbüttel wurde eingestellt, und seither fehlen schlicht die Passagiere. Niemand steigt mehr um, doch der Bus fährt. Pünktlich, verlässlich - und leer. Vertrag ist Vertrag, wo kämen wir hin, wenn man dieses Prinzip infrage stellte?   

Deutschland ist schließlich das Land der Prinzipien. Nehmen wir nur Kants Kategorischen Imperativ - oder die Gewaltenteilung. Oder das Prinzip, dass in der Kantine die Soße immer genau auf die Panade gekippt wird. Das gefällt auch nicht jedem. Aber es wird gemacht, weil es gemacht wird. Aus Prinzip. Mag alles ins Wanken geraten im politischen Berlin, mögen Stürme übers Land ziehen - der Cuxhavener Bus zieht treu und brav seine Spur.

Was für eine Buslinie!

Erster Halt nach dem Hauptbahnhof: die Fischmeile - wir sind an der Nordsee. Zweiter Halt der kurzen Strecke ist die Präsident-Herwig-Straße. Präsident Herwig hieß einer der ersten Fischdampfer auf dem Atlantik. Endstation Steubenhöft. Friedrich Wilhelm von Steuben, preußischer Offizier und amerikanischer General, Steuben-Parade, Sie wissen schon ...

Was für eine Buslinie! Sie schmeckt nach Salzwasser und Meereswind, Tugend und Pflichterfüllung. So eine Linie darf man doch nicht aufgeben, nur weil ihr etwas so Banales fehlt wie ein praktischer Zweck!

Symbol für den Zustand unserer Zivilisation

Nicht zuletzt ist dieser Fährzubringer ohne Fähre auch ein Symbol für den Zustand unserer Zivilisation. Wir nehmen Anlauf, aber wir springen nicht. Wir sondieren, aber regieren eher ungern. Wir wissen, wo wir eigentlich hin wollen, kommen aber nicht weiter. Wir stehen direkt am Strom der Erkenntnis, aber kein Schiff wird kommen - weder in die Zukunft noch nach Brunsbüttel. Nur der Bus fährt ab und kommt an, täglich, verlässlich, pünktlich. Ich finde, das ist in diesen unruhigen Zeiten doch mal eine gute Nachricht.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 13.02.2018 | 18:25 Uhr