Stand: 07.03.2019 21:39 Uhr

Högel: Zeugin beklagt Maulkorb durch Klinik

Niels Högel soll mindestens 100 Patienten mit Medikamenten getötet haben.

Vor dem Oldenburger Landgericht ist im Mordprozess gegen Niels Högel die Vernehmung von Mitarbeitern der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst abgeschlossen worden. Eine langjährige Intensivschwester aus Delmenhorst sprach am Donnerstag von Verdachtsmomenten und einem unguten Gefühl gegenüber dem Krankenpfleger Högel. Unter Kollegen habe man darüber geredet, dass "irgendetwas komisch" sei. Zuerst war Högel hoch anerkannt gewesen, diese Einstellung sei dann nach und nach umgeschlagen, sagte die Schwester. Der Stationsleitung und anderen Vorgesetzten seien die Verdachtsmomente gemeldet worden, doch das Krankenhaus habe nicht gehandelt - im Gegenteil.

Stationsleiter wollte von Verdacht nichts wissen

Einmal habe ein Kollege dem Stationsleiter vier leere Gilurytmal-Ampullen gebracht, so die Intensivschwester. Obwohl das Mittel auf der Station nie von Ärzten verordnet worden sei, habe der Chef den Kollegen abgewiegelt. Dieser habe ihr wütend erzählt, ihm sei ein Maulkorb verpasst worden. Högel hatte der Anklage zufolge in Delmenhorst und Oldenburg zwischen 2000 und 2005 mindestens 100 Menschen getötet. Er löste demnach mit Medikamenten - darunter Gilurytmal - einen Herzstillstand oder Kammerflimmern bei Patienten aus, um sie anschließend zu reanimieren. Zahlreiche Patienten starben jedoch. Nie habe sie so viele Reanimationen und Todesfälle erlebt wie zu der Zeit, als Högel in der Klinik arbeitete, erklärte die Intensivschwester.

"Ich war beruhigt, wenn Niels Dienst hatte"

Dass Högel zunächst großen Respekt genoss, berichteten auch andere Zeugen. Fast alle beschrieben ihn als lustig und sehr kompetent. Und offenbar schöpfte nicht jeder Verdacht. Eine Ärztin, die etwa zeitgleich mit Högel in der Delmenhorster Klinik anfing, sagte: "Ich war beruhigt, wenn Niels Dienst hatte, denn ich wusste, er kann sehr gut reanimieren." Bis zuletzt habe sie es nicht für möglich gehalten, dass an den Vorwürfen gegen ihn etwas dran sein könnte. Auch ein früherer Kollege von Högel aus Oldenburg fand lobende Worte. Högel habe technisch einwandfrei gearbeitet und Reanimationen "brillant gemacht". Er sei allerdings auch ein "Rettungs-Rambo" gewesen. "Er war bei Reanimationen immer einer der ersten und hat andere weggedrängt, die eigentlich zuständig waren", sagte der Pfleger, der inzwischen in Rente ist.

Viele Erinnerungslücken bei den Zeugen

In den vergangenen Wochen hatte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann zahlreiche ehemalige Kollegen von Högel befragt. Viele der Zeugen machten nur spärliche Angaben und beriefen sich auf Erinnerungslücken. Gegen sieben von ihnen hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg mittlerweile Ermittlungen wegen Meineids eingeleitet. Die Angehörige eines Opfers von Högel beklagte am Donnerstag am Rande des Prozesses, sie habe den Eindruck, als seien die Zeugen "gebrieft worden, dass sie nichts sagen sollen".

Högel bestreitet fünf Mordvorwürfe

Im Prozess geht es in erster Linie um die Frage, für wie viele Morde der Ex-Krankenpfleger verantwortlich ist. Högel hat 43 Taten eingeräumt und fünf Fälle ausdrücklich bestritten. An die übrigen Todesfälle kann er sich eigenen Angaben zufolge nicht erinnern. Wegen fünf weiterer Taten war Högel 2015 bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

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Niels Högel: Die Morde eines Krankenpflegers

Niels Högel soll mehr als 100 Patienten getötet haben. Die wohl größte Mordserie der Nachkriegszeit, begünstigt von beispiellosem Versagen. Eine Multimedia-Doku, optimiert für Desktop-Nutzung. mehr

Rechtsmediziner sollen aussagen

Um die Mordvorwürfe, die Högel bestreitet, dürfte es in der Verhandlung am Freitag gehen. Dann sollen zwei rechtsmedizinische Sachverständige befragt werden, die die Exhumierungen und Obduktionen der Verstorbenen begleitet haben. Zuvor wird die Kammer jedoch den neuen Gutachter Henning Saß über die von ihm verpassten Prozesstage informieren. "Dabei werden die wesentlichen Punkte zusammengefasst, damit Saß in der Lage ist, ein Gutachten über Högel anzufertigen", so Gerichtssprecherin Melanie Bitter. Der bisherige psychiatrische Sachverständige Konstantin Karyofilis war wegen einer schweren Erkrankung ausgefallen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.03.2019 | 14:00 Uhr

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