Stand: 30.10.2018 16:28 Uhr

Högel-Prozess muss auch Folgen für Kliniken haben

Ein ehemaliger Krankenpfleger, der bereits wegen Mordes an Patienten in sechs Fällen verurteilt ist, steht erneut vor Gericht - angeklagt nun wegen Mordes in 100 Fällen. Für die Angehörigen der Opfer ist nur schwer zu ertragen, was passiert ist. Hätten die Kliniken nicht früher ein System erkennen müssen? Zeigt es auch, wie schwierig die personelle Lage an Krankenhäusern ist?

Ein Kommentar von Ulrike Nehls, NDR 1 Niedersachsen

Mit Niels Högel steht seit Dienstag nicht nur ein Mann vor Gericht, der mutmaßlich 100 Menschen getötet hat. Es steht auch unser Gesundheitssystem am Pranger. Ein System, das es ermöglicht, dass ein Mann wehrlose Patienten auf Intensivstationen tötet, ohne, dass jemand einschreitet.

Am ersten Prozesstag schilderte der ehemalige Krankenpfleger noch einmal, was schon in früheren Prozessen erschreckend zu Tage trat: einen acht- bis zehnstündigen Arbeitsalltag auf einer Intensivstation. Heillos unterbesetzt mit Pflegekräften. Wo es mehr um das richtige Zusammenstöpseln von Apparaten geht, als um zugewandte Pflege. Stress pur. Immer weniger Pfleger sind für immer mehr Schwerstverletzte und Todkranke verantwortlich. Versuchen das auszuhalten. Irgendwie. Als vermeintlich harter Hund. Oder mit Medikamentenmissbrauch.

Nichts rechtfertigt Mord

Högel selbst nahm Opium, weil der Leistungsdruck so hoch war. Sagt er. Ja, dies sind zunächst alles Behauptungen des Angeklagten. Und wir alle, auch die Medien, müssen aufpassen, dass wir uns nicht von Högel instrumentalisieren lassen. Er nimmt gern die Opferrolle ein. Und eines muss auch klar gesagt werden: Kein noch so großer Stress rechtfertigt Mord.

Tatsache ist aber, dass Klinikleitungen einem Pfleger nachweislich erlaubten, acht bis zehn Stunden auf einer physisch und psychisch belastenden Intensivstation zu arbeiten, anschließend Nachtdienste auf einem Rettungswagen zu schieben, um von dort wieder in die nächste Pflegeschicht zu gehen. Ruhezeiten? Fehlanzeige.

Die Angst vor dem Gewinnverlust

Kein Wunder! Seit die Politik die Krankenhäuser immer weiter zum Sparen drängt, fehlt Personal an allen Ecken und Kanten. Seit 1995 haben die Kliniken bundesweit rund 25.000 Pflegekräfte eingespart. Effizienz heißt das Zauberwort. Und die Folge für die Krankenhäuser: Jeder vermeintliche Skandal, jedes Fehlverhalten ist gleichbedeutend mit Gewinnverlust. Ist der Ruf ruiniert, bleiben die Patienten weg - und damit die Einnahmen.

Nur so ist zu erklären, dass Verantwortliche in zwei Kliniken gezielte Hinweise lieber ignorierten, anstatt Ungereimtheiten nachzugehen, die während der Schichten von Högel offensichtlich waren.

Prozess legt den Finger in die Wunde

Patientenschützer fordern seit Langem, in den Kliniken eine Kultur des Hinschauens wieder einzuführen. Das geht aber nur, wenn es dort genügend Personal gibt, das nicht vom Alltagsstress aufgefressen wird.

Dieser Prozess legt erschreckend den Finger in die Wunde. Er kann aber auch als Chance aufgefasst werden: Der Tod dieser 100 Patienten muss Konsequenzen haben - nicht nur vor Gericht, sondern auch in den Krankenhäusern.

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NDR Info | Kommentar | 30.10.2018 | 17:08 Uhr

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