Stand: 30.10.2018 20:56 Uhr

Högel-Prozess: Das aufwühlende Treffen mit dem Täter

von Oliver Gressieker
Zum ersten Mal haben die Angehörigen der mutmaßlichen 100 Opfer Niels Högel beim Prozessauftakt zu Gesicht bekommen.

Dem mutmaßlichen Mörder eines Angehörigen nach mehr als einem Jahrzehnt erstmals ins Gesicht zu sehen - mit dieser schwierigen Herausforderung sind zum Auftakt des dritten Prozesses gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel am Dienstag 70 der insgesamt 126 Nebenkläger konfrontiert. Bereits auf dem Weg in den provisorischen Gerichtssaal in der Oldenburger Weser-Ems-Halle ist den meisten von ihnen die Anspannung deutlich anzusehen. "Högel gegenüberzutreten ist für mich und meine Familie extrem schwer", sagt etwa Andrea Wenneker. "Da hat man schon ein sehr komisches Gefühl im Bauch." Wennekers Vater gehört zu den 100 Opfern, die Högel zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten zu Tode gespritzt haben soll.

Angeklagter, der sich eine Mappe vor das Gesicht hält.

Ex-Krankenpfleger Högel räumt 100 Morde ein

Hallo Niedersachsen -

Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Oldenburg hat der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel die ihm vorgeworfenen Morde an 100 weiteren Patienten gestanden.

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Die erste Begegnung mit dem Ex-Krankenpfleger

Im Kleinen Festsaal der Weser-Ems-Halle rückt der bedrückende Moment immer näher. In auffälliger Stille warten die Nebenkläger, aber auch die rund 200 Zuschauer und Journalisten - darauf, dass der bereits verurteilte Mörder den Saal betritt. Um 9.07 Uhr ist es dann so weit: Mit einem blauen Aktendeckel vor dem Gesicht nimmt Högel seinen Platz auf der Anklagebank ein. Einige der Nebenkläger, die nur wenige Meter von ihm entfernt sitzen, können ihre Emotionen nur schwer zurückhalten. Die eine oder andere Träne der Wut und Trauer wird aus den Augen gewischt. Andere haben wie zum Schutz die Arme vor dem Körper verschränkt.

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Schweigeminute für die Opfer

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann greift die schwierige Situation auf und wendet sich mit einfühlsamen Worten direkt an die Angehörigen. Es sei absolut nachvollziehbar, dass diese mit klopfendem Herzen auf einem heißen Stuhl sitzen würden, betont er. Bei Bedarf könnten sie jederzeit den Saal verlassen und sich von Vertretern der anwesenden Opferschutzorganisationen betreuen lassen. Bührmann entschuldigt sich zudem schon vorab für die im Verfahren unumgängliche juristische Sprache, mit der die tragischen Schicksale der toten Angehörigen möglicherweise zu kühl beschrieben werden. Danach herrscht erneut absolute Stille im Saal, denn die Verhandlung beginnt mit einer Schweigeminute für die Opfer von Högel. "Alle ihre Angehörigen haben es verdient, dass man ihnen in Ehren gedenkt", so Bührmann.

Staatsanwältin verliest alle 100 Fälle

Bei der anschließenden Anklageverlesung wird noch einmal das unfassbare Ausmaß der Taten deutlich: Mehr als anderthalb Stunden lang schildert Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann die 100 Fälle, die Högel zur Last gelegt werden. Dabei nennt sie die Namen, Geburtsdaten und die Todestage sämtlicher Opfer. "Für die Hinterbliebenen ist das ein besonders aufwühlender Moment, wenn sie den Namen direkt in Verbindung mit dem Täter hören", sagt der Angehörigen-Sprecher Christian Marbach in einer Verhandlungspause im Gespräch mit NDR.de. "Das gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt, denn da kommen vielen Erinnerungen hoch." Die Nebenkläger bleiben dennoch weitgehend gefasst und lassen sich bis auf ein paar Tränen kaum Gefühlsregungen anmerken.

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Aussage von Högel auf Leinwänden

Noch näher kommen die Nebenkläger Högel, als dieser kurz darauf erklärt, dass er sich zur Sache einlassen will. Wegen des großen Saales wird dessen Aussage auf zwei Leinwände übertragen, spätestens jetzt können die Angehörigen sein Gesicht sehen. Högel wirkt mit seinem akkuraten Haarschnitt deutlich gepflegter als beim Prozess vor drei Jahren. Ruhig und mit fester Stimme beantwortet er die Fragen des Richters. Nachdem er sich zunächst ausführlich zu seinem Werdegang, zu seinen privaten Beziehungen und zum Missbrauch von Schmerzmitteln äußert, legt er fast beiläufig eine Art Geständnis ab. Auf die Frage von Richter Bührmann, ob die zur Anklage gebrachten Vorwürfe gegen ihn größtenteils zutreffen, antwortet Högel knapp, aber deutlich mit "Ja". Die folgende Stille im Saal zeigt, dass diese Aussage für die meisten sehr unerwartet kommt.

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Mordprozess: Högel hat Glaubwürdigkeit verspielt

30.10.2018 19:30 Uhr
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Sagt der Angeklagte die Wahrheit?

"Es ist für mich eine Überraschung, dass sich Högel gleich zum Auftakt des Prozesses so umfangreich äußert", sagt auch Angehörigen-Sprecher Marbach. "Damit sind wir schon einen großen Schritt weiter. Wenn er die Wahrheit sagt, ist das gut." Ganz wichtig sei allerdings, dass er sich später auch zu den einzelnen Taten einlasse. An der Glaubwürdigkeit von Högel bleiben allerdings offensichtlich Zweifel. Das wird deutlich, als der Richter und die Anwälte der Nebenkläger nachbohren, warum der Angeklagte im Prozess im Jahr 2015 Taten am Klinikum Oldenburg noch vehement bestritten hat. Högel versucht glaubhaft zu machen, dass er die dortigen Manipulationen aus Scham völlig verdrängt habe. "Das war kein taktisches Gelüge", betont er. Eine Aussage, die für ein ungläubiges Raunen in den Reihen der Nebenkläger sorgt.

"Es war schwer und anstrengend"

Nach Ende der Verhandlung ist spürbar, dass der erste Prozesstag und die Begegnung mit dem mutmaßlichen Massenmörder ihre Spuren hinterlassen haben. Fast alle Nebenkläger verlassen kommentarlos den Gerichtssaal. Ein älterer Mann sagt, es sei "schwer und anstrengend gewesen", aber immerhin habe Högel ausgesagt und die Vorwürfe eingeräumt. Andrea Wenneker und ihre Familie äußern sich nur knapp: "Wir müssen das erst einmal verdauen und einen Kaffee trinken."

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Hallo Niedersachsen | 30.10.2018 | 19:30 Uhr

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