Stand: 22.02.2019 18:05 Uhr

Högel-Prozess: Arzt verweist auf Gedächtnislücken

Der angeklagte Niels Högel ist bereits 2001 aufgefallen - gehandelt wurde deswegen aber nicht.

"11 oder 14" Wiederbelebungsversuche habe es auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg an einem Wochenende gegeben, vier Patienten seien damals gestorben. Das hat ein ehemaliger Oberarzt am Freitag im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel vor dem Oldenburger Landgericht ausgesagt. Spätestens mit dem "Wochenende der Reanimationen" im September 2001 sei auffällig gewesen, dass Högel bei Krisenfällen immer einer der ersten am Krankenbett war, sagte der Mediziner. Dies habe jedoch noch nicht zu dem Verdacht geführt, dass Högel absichtlich Patienten schade. Bei weiteren wesentlichen Fragen und Nachfragen des Gerichts zu Högels Zeit am Klinikum berief sich der 53-jährige Arzt immer wieder auf Erinnerungslücken.

Oberarzt testete angeblich Inhalt einer Spritze

So erinnerte sich der Mediziner nach eigenen Angaben auch nicht an einen "Brillentest", von dem mehrere Zeugen im Verfahren berichtet haben - teilweise allerdings nur durch Hörensagen. Den Zeugenaussagen zufolge soll der Arzt einmal eine Spritze aus Högels Kittel genommen haben, um sich mit der Flüssigkeit die Brille zu putzen. Die Vermutung der Zeugen: Der Arzt wollte möglicherweise testen, was in Högels Spritze war. Kalium hätte demnach die Brille verschmiert. Und normalerweise tragen Intensivpfleger keine Kaliumspritzen bei sich. Darüber hinaus soll es zu dieser Zeit auf der Oldenburger Intensivstation vermehrt auffällig hohe Kaliumwerte bei Patienten gegeben haben, die verstorben waren. Auch an eine interne Konferenz, bei der es um einen erhöhten Kaliumverbrauch im Klinikum ging, erinnerte sich der Mediziner nach eigenen Angaben nicht. "Es ist schwierig zu erzählen, wie es war und nicht war. Ich habe ein total verschwommenes Bild", sagte der 53-Jährige.

Richter zweifelt an Erinnerungslücken des Zeugen

Dem Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann fiel es sichtlich schwer, das zu glauben: "Wie kann es sein, dass Sie von alldem behaupten, keine Kenntnis zu haben?" Der Zeuge wurde - wie schon sechs andere im Laufe des Prozesses - vereidigt. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat bereits gegen mehrere Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg Meineid-Verfahren eingeleitet. Der 53-jährige Arzt sagte am Freitag weiter aus, sich nicht an Verdächtigungen gegen Högel erinnern zu können. Wenn über den Krankenpfleger geredet worden sei, dann sei das an den Chefarzt weitergegeben worden. "Damit ist es zur Chefsache geworden", betonte der Arzt. Högel habe die Abteilung dann verlassen und man habe sich nicht weiter darum gekümmert.

Richter appelliert erneut an Angeklagten

Am vorherigen Prozesstag am Donnerstag hatte Richter Bührmann nochmals an Högel appelliert, umfänglich zu gestehen. Die Befragungen nähern sich unterdessen dem Ende der Zeugen-Liste. Drei Aussagen von früheren Kollegen Högels sind noch für Anfang März geplant. Voraussichtlich Anfang April könnte dann die Beweisaufnahme abgeschlossen werden.

Högel wegen hundertfachen Mordes angeklagt

Die Staatsanwaltschaft legt dem 42 Jahre alten ehemaligen Krankenpfleger 100 Patientenmorde an den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg zur Last. Demnach hat Högel zwischen 2000 und 2005 immer wieder Intensivpatienten Medikamente gespritzt, die zu Herzstillständen geführt haben. Anschließend habe der damalige Pfleger versucht, die Patienten wiederzubeleben, um als Held dazustehen. Högel ist in anderen Fällen bereits wegen mehrfachen Mordes und versuchten Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 22.02.2019 | 17:00 Uhr

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