Stand: 08.01.2020 12:49 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Gänse fressen Weide kahl: Ministerien streiten

von Christina Gerlach
Wildgänse auf der Wiese. © NDR Foto: NDR
Auf der Weide der Brüder Venema haben Wildgänse das Gras ausgerupft.

Der Gänsefraß im Rheiderland sorgt dafür, dass sich zwei niedersächsische SPD-geführte Ministerien vor dem Oldenburger Verwaltungsgericht streiten. Das Innenministerium hat zwei Milchviehhaltern knapp 39.000 Euro Entschädigung zugesprochen, weil ihnen die streng geschützten Wildgänse das Gras wegfressen, das sie so dringend als Viehfutter brauchen. Dagegen klagt das Umweltministerium. Minister Olaf Lies (SPD) bezweifelt die geltend gemachte Schadenshöhe. "Die Berechnung, ist für uns nicht akzeptabel."

VIDEO: Ministerien streiten um Entschädigung für Bauern (3 Min)

Vögel rupfen Gras auf der Weide raus

Darüber ärgern sich Amos und Jan Venema, die beiden betroffenen Milchviehhalter aus Jemgum. Sie halten 170 Kühe, die auf den Weiden kein Gras mehr finden. Denn regelmäßig rasten dort Wildgänse, rupfen das Gras raus und hinterlassen dicke Kothaufen. "Das Innenministerium hat uns das Geld zugesprochen", sagte Jan Venema. "Warum sich das Umweltministerium sperrt, wo Kosten und Schäden offensichtlich sind, ist für uns nicht ersichtlich."

Wildgänse dürfen nicht vertrieben werden

Sein Bruder Amos stochert unterdessen mit der Spitze seines Gummistiefels in der braunen kahlgefressenen Grasnarbe der ehemals grünen Viehweide. "Wir sind Milchviehhalter, keine Gänsewirte", stellte er im Gespräch mit NDR Niedersachsen unmissverständlich fest. Vertreiben dürfen die Brüder die Vögel nicht. Das verbietet der Naturschutz. Also müssen sie Kuhfutter dazu kaufen, denn die Mahd der rund 100 Hektar Grünland reicht nicht, um ihr Vieh zu versorgen.

Betrieb droht wirtschaftlicher Ruin

Weil ihnen der wirtschaftliche Ruin droht, haben sie Entschädigung für die Jahre 2013 und 2014 beantragt. 2017 hat das zuständige niedersächsische Innenministerium die Entschädigung bewilligt. Auf 28 Seiten, die dem NDR vorliegen, begründet das Ministerium seinen Beschluss: "Die Gänse fressen den [...] Milchkühen das Futter weg. Dieses in einer Art und Weise, dass die Antragstellerin in wirtschaftliche Bedrängnis geraten ist", heißt es da.

Umweltrechtler sieht gute Chance für Brüder

"Die Chancen, dass sie die knapp 39.000 Euro auch bekommen, stehen gut", sagte Ulrich Meyerholt, Umweltrechtler der Uni Oldenburg. Er vermutet, dass das Umweltministerium mit seiner Klage vor Gericht unterliegen wird. "Das Bundesnaturschutzgesetz sieht bei außergewöhnlicher Härte Zahlungen vor." Daran müssten sich die Behörden halten. "Falls so eine Härte vorliegt, ist dann eben auch eine Entschädigung zu zahlen", so Meyerholt.

Entschädigung für zwei weitere Milchviehhalter

Zahlen muss die Summe das Umweltministerium. Und das misstraut der Berechnung des Innenministeriums. Umweltminister Lies sagte, dass seine Behörde eine eigene Berechnungsmethode erarbeitet, das sogenannte Rastspitzenmodell. Das sei individueller auf jeden einzelnen Landwirt zugeschnitten, der wegen der Gänse Verluste beklagt. Allerdings brütet das Ministerium schon seit Jahren über dem neuen Berechnungs-Modell. Die Venemas warten nämlich schon seit Juli 2015 auf das Geld. Und die beiden Brüder aus Jemgum haben auch schon Mitstreiter gefunden. Das Innenministerium hat zwei weiteren Milchviehwirten eine Entschädigung zugesprochen. Auch dagegen klagt das Umweltministerium.

Weitere Informationen
Wildgänse auf der Durchreise.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 07.01.2020 | 19:30 Uhr

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