Stand: 10.04.2018 14:19 Uhr

Etzel und das Leben auf dem Pulverfass

von Olaf Kretschmer

Die Bewohner der ostfriesischen Ortschaften Horsten und Etzel leben auf dem sprichwörtlichen Pulverfass. Zwischen den beiden Dörfern erstreckt sich ein riesiges Kavernenfeld, eingebettet in einen Salzstock. In 29 von 52 Kavernen wird in mehreren hundert Metern Tiefe Gas gespeichert. Mit einem Druck von 200 Bar wird der Brennstoff in die Kammern gepresst. Jede einzelne ist etwa so groß wie der Eiffelturm. Die Horster und Etzeler misstrauen der Betreiberfirma Storag Etzel. Das Unternehmen versichert seit Jahren, dass es keinen denkbaren Störfall gibt, der die zum Teil nur etwa 100 Meter entfernten Häuser und die darin lebenden Menschen gefährdet. In einem Sicherheitsbericht gibt Storag an, dass 90 Meter Abstand zum oberen Auslass (genannt Kavernenkopf) einer solchen Kaverne ausreichen - selbst dann, wenn Gas ausweichen und es eine Explosion geben sollte. Aber genau daran zweifeln die Anwohner. Offenbar aus guten Grund.

Das Protokoll aus dem Internet

Im Internet haben sie ein internes Sitzungsprotokoll entdeckt, das vom Bundesverband Erdöl und Erdgas offenbar irrtümlich veröffentlicht wurde. Der Bundesverband ist die Lobbyorganisation der Erdgasspeicherfirmen. Und im Arbeitskreis Kavernen sitzen auch Vertreter der Storag. Die Anwohner staunten über das, was sie da lasen: Der Lobbyverband hält ein Katastrophenszenario offenbar für möglich. In dem Protokoll steht zu lesen: "Aufgrund von aktuellen Ereignissen (Packerversagen/Steigrohrabriss) war nach Ansicht des Arbeitskreises ein Casing Blow-out nicht mehr grundsätzlich auszuschließen." Ein sogenannter Blow-Out ist der größtmögliche Störfall in einer Gaskaverne. Das Gas würde dabei ungehindert ausströmen und sich mit der Umgebungsluft und dem darin enthaltenen Sauerstoff verbinden. Dabei kann ein explosionsfähiges Gemisch entstehen.

"Wahrscheinlichkeit extrem gering"

Eine Gasspeicheranlage in Etzel. © NDR Foto: Olaf Kretschmer
Die Anwohner der Gasspeicheranlagen in Etzel fürchten um ihre Sicherheit. (Screenshot)

Obwohl der Lobbyverband solch ein Ereignis nicht grundsätzlich ausschließen kann, bleibt die Storag bei ihrer Meinung, ein solcher Fall könne so gut wie ausgeschlossen werden. "Die Wahrscheinlichkeit sehen wir als extrem gering an, denn das setzt voraus, dass ein externes Unfallereignis einsetzt", sagt Hans Joachim Schweinsberg von Storag. Soll heißen, es müsste schon ein Flugzeug oder ein Meteorit auf einen Kavernenkopf stürzen, bevor er komplett zerstört wird. Aber schon dieses Risiko ist den Anwohnern zu groß. Schweinsberg ist Vorsitzender des Arbeitskreises Kavernen des Lobbyverbandes. Er war bei der Sitzung, dessen Protokoll dem NDR vorliegt, anwesend. In dem Protokoll wird auch auf ein Youtube-Video verwiesen, als Information für die Mitglieder des Arbeitskreises. Dieses Video beunruhigt die Anwohner, denn es zeigt einen Blow-Out, der sich in den USA ereignet hat. Dort ist zu sehen, wie das Gas weit über die Landschaft geweht wird.

Empörung bei Bürgerinitiative

Grafik des Erdgasspeichers in Jemgum. © EWE ENERGIE AG
Erdgaskavernen sind Hohlräume tief unter der Erde. Die Kammern (hier eine Skizze der Anlage in Jemgum) können mehrere hundert Meter hoch sein.

In dem Protokoll kommt der Arbeitskreis dann zu einem Schluss, der der Ansicht der Storag offenbar widerspricht: "Deshalb wurden die Berechnungen (...) erweitert, wodurch sich für diese Durchmesser erheblich größere Sicherheitsabstände ergeben." Diese größeren Sicherheitsabstände tauchen auch in einem Leitfaden des Lobbyverbandes auf. Nach diesen Berechnungen muss bei einem unkontrollierten Blow-Out ein Sicherheitsabstand von mindestens 184 Metern eingehalten werden. Doppelt so viel, wie die Storag in Etzel für ausreichend hält. Innerhalb dieser 184 Meter liegen in der Region viele Wohnhäuser. Im Jahr 2014 waren in Etzel bei zwei Gaskavernen sogenannte Rohrstränge abgerissen und in die Kavernen gestürzt. Also genau solch ein Szenario, wie es der Arbeitskreis als Grundlage für die neuen Berechnungen und einen möglichen Blow-Out nennt. Andreas Rudolph von der Bürgerinitiative Horsten Etzel ist empört. "In ihrem eigenen Protokoll haben sie geschrieben, dass nach den Strangabrissen hier am Standort Etzel solche Vorfälle, also ein Casing-Blow-Out, für möglich gehalten werden. Sie sagen es ja selbst, dass solche Vorfälle möglich sind."

LBEG will neuen Sicherheitsbericht

Für die Genehmigung und Kontrolle der Gasspeicher ist das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Hannover zuständig. Auch die Behördenvertreter halten einen Kavernenkopfabriss für sehr unwahrscheinlich - aber eben nicht für unmöglich. Für ein solches Szenario gibt es sogar ein Wort: Es heißt "Dennoch Störfall", also ein Störfall, der zwar sehr unwahrscheinlich ist, aber nicht komplett ausgeschlossen werden kann. Die Kontrolleure aus Hannover sagen, dass solche Szenarien von der Storag berücksichtigt werden müssen. "Es gehört zu den sogenannten Betreiberpflichten, dass der Betreiber den Sicherheitsbericht vorlegen muss. Zu diesem Sicherheitsbericht gehört dann eben auch die Betrachtung des 'Dennoch Störfalls'", sagt Klaus Söntgerath vom LBEG. Bis Juli soll die Storag dem Bergbauamt nun einen neuen Sicherheitsbericht vorlegen. Aber die Betreiberfirma will den Blow-Out und den höheren Sicherheitsabstand von 184 Metern darin nicht berücksichtigen. "Die 184 Meter stehen nicht zur Debatte. Das ist ein exzeptioneller Störfall, wie wir meinen. Das setzt eben das Ereignis voraus, dass beide Rohrtouren beschädigt werden, dass der Kavernenkopf weg ist und das betrachten wir nicht", sagt Schweinsberg von der Storag.

"Man spielt mit dem Leben der Bevölkerung"

Die Bürgerinitiative findet, das Unternehmen werde damit seiner Verantwortung nicht gerecht. "Man bleibt bei den alten 90 Metern und spielt hier mit dem Leben der Bevölkerung", sagen sie. Das LBEG hat angekündigt, den Bericht genau zu prüfen und fehlende Bewertungen einzufordern. Die Anwohner verlangen, dass zumindest die Kavernen, die weniger als 184 Meter Abstand zur Wohnbebauung haben, nicht mehr mit Gas gefüllt werden dürfen. Bis Juli hat die Storag nun Zeit, die Sicherheit ihrer Anlagen lückenlos nachzuweisen. Danach dürfte der Streit in die nächste Runde gehen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 01.04.2017 | 19:30 Uhr

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