Sendedatum: 21.08.2018 21:15 Uhr

Enercon zieht sich aus der Verantwortung

von Kaveh Kooroshy und Jonas Schreijäg

Karl Janßen hat eine Ehrenmedaille bekommen. "ENERCON" steht groß darauf und auf der Rückseite "20 Jahre". Seit über zwei Jahrzehnten baut der Monteur Betontürme für die Windräder von Enercon. Zum Jubiläum haben ihn die Geschäftsführer frühmorgens auf der Baustelle überrascht, erzählt Janßen. "Gott sei Dank", hatte er gedacht. "Du bist noch was Wert in der Firma." Ein halbes Jahr später soll Janßen gekündigt werden. Und plötzlich heißt es, er habe gar nicht für Enercon gearbeitet.

Enercon © NDR

Firmenkonstrukt bei Enercon benachteiligt Mitarbeiter

Panorama 3 -

Enercon baut 835 Stellen ab, bei Firmen, die jahrelang exklusiv für den Windkraftprojektierer produzierten. Die sind plötzlich "Zulieferer" - und Enercon damit raus aus der Verantwortung.

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"Das war wie ein Brett vor dem Kopf", sagt Janßen und blickt auf seine Ehrenmedaille. Denn plötzlich will das Unternehmen, dem sich Janßen 20 Jahre zugehörig gefühlt hat, nichts mehr mit ihm zu tun haben – so empfindet es Janßen. Nach seinem Empfinden will sich das Unternehmen vor seiner sozialen Verantwortung drücken. Denn: Enercon fühlt sich nicht einmal für seine Kündigung, geschweige denn eine Abfindung verantwortlich. Denn nach dem Verständnis von Enercon hat Karl Janßen nur bei einem "Zulieferer" gearbeitet. 

Trickreiches Firmenkonstrukt benachteiligt Mitarbeiter

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Karl Janßen ist sehr enttäuscht von der Firma Enercon, für die er 20 Jahre lang als Monteur gearbeitet hat.

Enercon ist nach eigenen Angaben der fünftgrößte Windradbauer der Welt, Markführer in Deutschland. Und im niedersächsischen Aurich, dem Hauptsitz, ist Enercon der wichtigste Arbeitgeber. Hunderte Mitarbeiter betrifft der Stellenabbau in Niedersachsen, mindestens 835 Stellen in Deutschland. Mitarbeiter, die teils jahrelang Enercon-Kleidung trugen, Enercon-Firmenwagen fuhren und Enercon-Emailadressen hatten. Für deren Sozialplan und Abfindungen fühlt sich Enercon jetzt bei der Entlassung allerdings nicht mehr zuständig. Denn rechtlich sind diese "Zulieferer" eigenständige Unternehmen.

Die einen bauen die Türme der Windmühlen, die anderen die Rotorblätter. In acht dieser Firmen soll nun entlassen werden. Nach Panorama 3-Recherchen gibt es deutschlandweit mindestens 30 Firmen, die laut Jahresabschluss exklusiv für Enercon arbeiten. Das heißt: sie haben keine anderen Firmen, die sie beliefern.

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Diese verzweigte Firmenstruktur ist kein Zufall, glaubt der Arbeitsrechtler Hajo Köhler: "Wenn man diese Strukturen schafft, verfolgt man damit ein bestimmtes Ziel. Hier wird es relativ deutlich, dass ein Arbeitgeber diese Struktur gewählt hat, um sich aus der Verantwortung zu nehmen." Denn: Für die Mitarbeiter, die entlassen werden sollen, hat diese Firmenstruktur direkte Folgen. Wenn es beispielsweise um Abfindungen geht, sei nur der finanzschwache Zulieferer zuständig, so Köhler, und nicht der finanzstarke Konzern Enercon. Die Folge: Die Abfindungen fallen deutlich niedriger aus.

Auf Anfrage von Panorama 3 schreibt der Windkraftanlagenhersteller: "Die ENERCON GmbH entzieht sich keiner sozialen Verantwortung und hatte dies auch nie vor."

Firmenkonstrukt baut auf Gesetzeslücke

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Arbeitsrechtler Hajo Köhler sieht in der Firmenstruktur eine gezielte Strategie, sich der sozialen Verantwortung zu entziehen.

Zulieferer, die ausschließlich ein Unternehmen bedienen. Mitarbeiter, die unter dem Glauben stehen, für den Mutterkonzern zu arbeiten. Und ein Weltkonzern, der zwar Medaillen zum Betriebsjubiläum verteilt, aber bei der Abfindung fein raus ist. Rechtlich wird es für Karl Janßen und seine Kollegen schwer, gegen die Kündigung und die geringe Abfindung anzugehen. Denn Enercons Firmengeflecht ist rechtens. Für Arbeitsrechtler Hajo Köhler ist das eine legale Möglichkeit  Arbeitnehmer-Rechte zu beschränken. "Ich würde sagen, dass das eine Schutzlücke ist, die dringend geschlossen werden muss und, dass der Gesetzgeber gefordert ist, das zu tun."

Bisher lässt sich Enercon von der Politik offenbar nicht beeindrucken.  Die Konzern-Chefs haben vergangenen Woche sowohl Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier als auch den niedersächsischen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann versetzt. Beide wollten in dem Konflikt um die Stellenstreichungen vermitteln. "Wir sind mehr als verwundert", sagt Bernd Althusmann im Panorama 3-Interview. Die Gesetze will er allerdings nicht anfassen. "Das ist letztlich Marktwirtschaft, das können Unternehmen so machen."

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 21.08.2018 | 21:15 Uhr

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