Sendedatum: 28.08.2017 19:30 Uhr

Die "Karriere" eines Serienmörders

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Der ehemalige Pfleger Niels Högel, so wie ihn ein Gerichtszeichner sieht.

Mehr als 90 Tötungsdelikte können dem ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel inzwischen nachgewiesen werden. Etwa ebenso viele Verdachtsfälle lassen sich nicht mehr beweisen. Am Anfang gab es nur Hinweise und ein ungutes Gefühl bei Kollegen, am Ende ist es möglicherweise die größte Mordserie der deutschen Kriminalgeschichte. Niels Högel soll im Dienst Patienten vergiftet haben, um sie zu reanimieren. Viele sterben dabei, immer und immer wieder. Zuerst im Klinikum Oldenburg, anschließend im Klinikum Delmenhorst. Högel verbüßt seit 2008 bereits eine lebenslange Haftstrafe für mehrere Morde. Die Sonderkommission "Kardio" hat ab 2014 noch Dutzende weitere Taten aufgedeckt. Eine Chronologie der Ereignisse.

1994: Die "Karriere" von Niels Högel beginnt

Högel beginnt eine Ausbildung als Krankenpfleger im St. Willehad-Hospital im Wilhelmshaven. Hier ist er zwei Jahre als Krankenpfleger beschäftigt.

Juni 1999

Wechsel auf die herzchirurgische Intensivstation Klinikum Oldenburg. Dort fällt Högel auf, weil er sich bei Reanimationen in den Vordergrund drängt.

Februar 2000

Högel tötet am 7. Februar 2000 offenbar den ersten seiner Patienten. Die Tat wird ihm die Soko "Kardio" 2017 nachweisen. Demnach manipuliert er ab Dezember 2.000 Patienten auch mit Kaliumchlorid.

2001

Die Zahl der Taten steigt. Die Soko "Kardio" ermittelt: 58 Prozent aller Sterbefälle während Högels Dienstzeiten fanden 2001 statt. Er benutzt zu diesem Zeitpunkt bereits fünf verschiedene Medikamente an den Patienten. Laut Soko "Kardio" ist auch klar: Högel hat Patienten bis zu dreimal vergiftet, wenn sie eine Reanimation überlebten. Das Klinikum führt ab 2001 eine Statistik über die Beteiligung von Pflegepersonal bei Wiederbelebungen ein. Demnach ist Högel am häufigsten beteiligt. Diese Statistik liegt der damaligen Geschäftsleitung des Klinikums vor.

August 2001

Auf der Station 211 gibt es eine Besprechung mit allen Ärzten und Pflegern. Danach meldet sich Högel für drei Wochen krank.

September 2001

Högel ist wieder im Dienst. An seinem ersten Dienstwochenende nach der Krankmeldung gibt es auf der Station insgesamt 14 Reanimationen an fünf Patienten. Drei sterben an diesem Wochenende, die zwei anderen an den folgenden Tagen. Mehrere Zeugen können sich bei Befragungen der Soko "Kardio" an dieses Wochenende explizit erinnern. Die Soko geht davon aus, dass die bis dahin vorliegenden Beweise schon zu diesem Zeitpunkt ausgereicht hätten, um Högel zu entlarven. Das Klinikum versetzt ihn im späteren Verlauf in die Anästhesieabteilung des Klinikums Oldenburg.

September 2002

Ein leitender Arzt eröffnet Högel, dass man nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten möchte, weil er sich auch in der Anästhesie des Klinikums Oldenburg bei Reanimationen in den Vordergrund drängte. Er wird unter vollen Bezügen freigestellt und erhält ein gutes Zwischenzeugnis zu Bewerbungszwecken. Später stellt sich heraus, dass Högel nachweislich für 36 Todesfälle am Klinikum Oldenburg verantwortlich ist.

Dezember 2002

Högel beginnt am 15. Dezember seinen Dienst am Klinikum Delmenhorst. Auf der dortigen Intensivstation gibt es rund ein Dutzend Betten. Bereits am 22. Dezember tötet er dort den ersten Patienten.

28. März 2003

Die Mutter von Nebenklägerin Kathrin Lohmann stirbt.

März 2003 - Juni 2005

Die Todesrate auf der Intensivstation in Delmenhorst steigt dramatisch. Von etwa 200, wie üblich in diesem Zeitraum, auf 411. Im gleichen Zeitraum steigt der Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal von 50 bis 60 Einheiten auf bis zu 380 im Jahr. Niemandem fällt das offenbar auf.

22. bis 24. Juni 2005

Am 22. Juni wird Niels Högel in einem Patientenzimmer auf frischer Tat ertappt. Er hatte Dieter Maaß (63) 40 Milliliter Gilurytmal gespritzt und eine Pumpe mit einem lebenswichtigen Medikament abgeschaltet. Eine Schwester wird misstrauisch. Vier leere Gilurytmal-Ampullen werden entdeckt. Högel darf weiter arbeiten. Am 24. Juni beraten sich verantwortliche Ärzte und Pfleger. Weil Högel im Anschluss an seine Schicht am 24. Juni Urlaub hat, verabreden sie zunächst nichts. Noch am Abend des 24. Juni tötet Högel den nächsten Patienten am Klinikum Delmenhorst.

Ende 2005

Kurt Schwender, damals Oberarzt im Klinikum Delmenhorst und Vorgesetzter von Högel, ermittelt Sterberaten und Medikamentenverbrauch auf der Intensivstation. Er gewinnt den Eindruck, dass Högel mehr als 100 Menschen umgebracht haben könnte. Er meldet dies der Polizei. Die gibt es nach Schilderung Schwenders an die Staatsanwaltschaft Oldenburg weiter, doch die Behörde bleibt in dieser Angelegenheit zunächst untätig.

22. Dezember 2006

Högel wird wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und einem befristeten Berufsverbot verurteilt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen in Revision. Schon im erstinstanzlichen Urteil wegen versuchten Totschlags gab es konkrete Hinweise auf erhöhte Todesraten und einen erhöhten Medikamentenverbrauch.

2007 - 2008

Högel arbeitet in zwei Altenheimen weiter als Pfleger. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg und das Gericht hatten es versäumt, ein vorläufiges Berufsverbot auszusprechen. Das wäre nötig gewesen, weil das Urteil wegen der Revision nicht rechtskräftig war. Högel bestreitet später, dort Manipulationen vorgenommen zu haben.

23. Juni 2008

Niels Högel wird im Revisionsverfahren vom Landgericht Oldenburg zu siebeneinhalb Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbots wegen versuchten Mordes verurteilt. Das Mordmerkmal Heimtücke wird festgestellt. Seitdem sitzt er im Gefängnis in Oldenburg. Im Revisionsurteil widmet Richter Sebastian Bührmann dem Klinikum Oldenburg mehrere Seiten, obwohl damals nur der eine Fall in Delmenhorst verhandelt wurde. Bührmann stellt in seiner Urteilsbegründung fest, dass Högel schon in Oldenburg massive Probleme verursacht hat, insbesondere bei Reanimationen.

In beiden Verfahren, 2006 und 2008, hatte Kurt Schwender vom Klinikum Delmenhorst ausgesagt, dass der Verbrauch des als Mordwaffe verwendeten Medikaments Gilurytmal sich in Högels Dienstzeit versiebenfacht hatte. Und statt 200 Patienten, wie es im statistischen Mittel normal gewesen wäre, starben in den zweieinhalb Jahren seiner Tätigkeit 411 Menschen. Davon mehr als 300 während Högels Schicht oder unmittelbar (innerhalb von zwei Stunden) danach. Nach keinem der beiden Urteile nimmt die Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungen auf.

Weitere Ermittlungen: 2008

Kathrin Lohmann erfährt durch die Zeitung von der Verurteilung. Sie erinnert sich, dass auch ihre Mutter auf der Intensivstation in Delmenhorst gestorben ist. Sie wendet sich an die Polizei und fordert weitere Ermittlungen. Diese nimmt die Polizei auch auf und stellt fest, dass Högel zum Todeszeitpunkt der Mutter Dienst hatte. Die Polizei hält eine Exhumierung für sinnvoll und teilt dies der Staatsanwaltschaft Oldenburg mit. Die bleibt aber untätig. Lohmann lässt nicht locker. Sie wendet sich selbst an die Staatsanwaltschaft, telefoniert mit dem zuständigen Staatsanwalt. Der lehnt die Exhumierung ab, da sie zu aufwendig und zu teuer sei. Kathrin Lohmann erinnert sich später daran, dass der Staatsanwalt sie gefragt habe, "was sie wolle, der Täter sei ja schon verurteilt." Lohmann drängt immer wieder, bis die Staatsanwaltschaft endlich tätig wird.

April 2009

Kathrin Lohmanns Mutter wird exhumiert.

2010

Das Mittel Ajmalin wird in der Hirnflüssigkeit der verstorbenen Mutter von Kathrin Lohmann nachgewiesen. Erst danach werden sieben weitere Leichen exhumiert. Bei vier von diesen wird Ajmalin nachgewiesen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 28.08.2017 | 19:30 Uhr

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