Stand: 15.04.2016 13:55 Uhr

"Risiken für Leben und Gesundheit der Patienten"

von Olaf Kretschmer

Für viele niedergelassene Ärzte in Cuxhaven sind schwerwiegende Vorwürfe gegen die lokale Helios-Klinik bitterer Alltag. Immer wieder beschweren sich ihre Patienten, dass sie in der Klinik teilweise stundenlang in der Notaufnahme warten müssen, bis sie behandelt werden. Und das, obwohl ihr Hausarzt sie aufgrund akuter Beschwerden und großer Schmerzen eingewiesen hatte.

Internist: "Der ärztliche und der pflegerische Bereich sind definitiv unterbesetzt"

Klaus Haferkamp führt seit mehr als 20 Jahren in Cuxhaven eine allgemeinmedizinische Praxis. Der Internist macht den Personalabbau, der nach seinen Erkenntnissen in der Helios-Klinik systematisch betrieben wird, für die Wartezeiten verantwortlich: "Es ist definitiv so, dass nicht nur der ärztliche Bereich, sondern auch der pflegerische Bereich unterbesetzt ist", sagt Haferkamp. "Sie werden das von allen hören und bestätigt bekommen, die dort Einblick haben. Man ist sowohl auf ärztlicher als auch auf pflegerischer Seite geradezu verzweifelt bemüht, die größten Katastrophen zu verhindern. Aber das Bedauerliche an der ganzen Geschichte ist, dass die Geschäftsführung den Ärzten und dem Pflegepersonal ständig Knüppel zwischen die Beine wirft, weil ständig weiter Stellen abgebaut werden." Man verfahre laut Haferkamp nach dem Motto: "'Ja, wir wollen doch mal sehen, wie weit dieser Bogen noch zu spannen ist."

Dreieinhalb Stunden Wartezeit - trotz Darmverstopfung

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Viola Bröker hatte massive Schmerzen - und wurde trotz stundenlangen Wartens nicht behandelt.

Viola Bröker ist eine der Patientinnen, die das an eigenem Leibe zu spüren bekamen. Im August 2015 wurde die 82-Jährige von ihrem Hausarzt in die Klinik überwiesen. Medikamente halfen nicht, ihr Darm war chronisch verstopft. Als sie sich nur noch erbrechen konnte, schickte der Arzt sie ins Krankenhaus. Viola Bröker beschreibt ihren Bauch, als ob sie im neunten Monat schwanger gewesen wäre. Dennoch ließ das Klinikpersonal sie nach ihren Angaben dreieinhalb Stunden in der Notaufnahme warten. Für ihren Hausarzt, Sieghard König, ist das unverständlich: "Sie hat Schmerzen gehabt. Ihr war übel, sie hatte das Gefühl, sich wieder erbrechen zu müssen. Und das ist natürlich eine ganz unangenehme Situation."

Im Nachbarort erfolgt die Untersuchung sofort - und die OP am nächsten Morgen

Auch nach stundenlangem Warten wurde Viola Bröker in Cuxhaven nicht behandelt. Eine Krankenschwester vertröstete sie weiter, sagt Bröker: "Dann sagte sie aber: 'Wir haben im Moment nur einen Chirurgen da und Sie brauchen ja einen Internisten. Also gedulden Sie sich bitte noch.'" Und halb acht hätten Viola Bröker und ihr Mann dann entschieden: Jetzt ist das Warten zuende. Die 82-Jährige verließ die Klinik und fuhr ins 18 Kilometer entfernte Otterndorf. Dort wurde sie sofort behandelt und bereits am nächsten Morgen operiert. Die Ärzte entfernten ein großes Krebsgeschwür, das den Darm verschlossen hatte.

Herzflimmern, akute Schlaganfall-Gefahr, und dennoch stundenlanges Warten

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Internist Klaus Haferkamp bemängelt, dass bei Helios ständig Stellen abgebaut werden: "Das Geldverdienen steht im Vordergrund, nicht der Patient"

Kein Einzelfall. Dieter Adlung war mit seiner Frau Ingeborg im September 2015 in der Helios-Klinik Cuxhaven. Eigentlich eine Routine-Untersuchung mit Termin. Aber der untersuchende Arzt stellte eine akute und ernste Erkrankung fest: "Ein Herzflimmern, ein extrem hoher Puls, hochgradig Schlaganfall gefährdet. Sie müssen dringend hier bleiben." Seine Frau habe dann gesagt: "Ich möchte erst noch mal mit meinem Mann nach Otterndorf fahren und meine sieben Sachen packen", erzählt Adlung. Aber trotz der Auskunft, das sei nicht zu verantworten, sie müssten da bleiben, musste das Ehepaar zweieinhalb Stunden in der Aufnahme warten. Entnervt verließen die Adlungs die Klinik. Ingeborg Adlung ließ sich dann bei ihrem Hauskardiologen behandeln.

Ist das Geldverdienen wichtiger als die Patienten?

Sieghard König, der Hausarzt der beiden, kennt die Probleme in der Notaufnahme. "Wir haben in der Ambulanz, in der Notaufnahme immer wieder sehr lange Wartezeiten. Also diese zweieinhalb Stunden, das höre ich in der Tat alle paar Tage. Auch längere Wartezeiten." Nach Ansicht der niedergelassenen Ärzte steht bei der Cuxhavener Helios-Klinik das Geldverdienen und nicht der Patient im Vordergrund. "Um mit dem Krankenhausbetrieb ausreichend Gewinne erwirtschaften zu können, wird die personelle Ausstattung des Hauses drastisch und kontinuierlich weiter reduziert", sagt etwa Klaus Haferkamp. "Wir haben es mit systembedingten personellen Engpässen ganz drastischer Art inzwischen zu tun. Es ist allgemein bekannt, dass seit Übernahme des Krankenhauses durch den Helios-Konzern zehn leitende Chefärzte und Oberärzte das Haus verlassen haben. Diese Lücken, die gerissen wurden, können nur partiell wieder gefüllt werden."

Helios: Weniger Personal, aber die medizinische Qualität leidet nicht

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Hausarzt Jens-Holger Ruppelt kritisiert, dass in Entlassungsbriefen wichtige Angaben zu Medikamenten fehlten.

Der Helios-Konzern hatte die Klinik 2014 übernommen. Seitdem wurden mehr als 40 Beschäftigte entlassen. Die Klinik bestreitet trotzdem, dass zu wenig Personal da sei. Die medizinische Qualität leide darunter nicht. Das sieht Internist Jens-Holger Ruppelt anders. Auch er ist seit mehr als 20 Jahren niedergelassener Arzt in Cuxhaven. Er beklagt, dass erfahrene leitende Ärzte, mit denen er vertrauensvoll zusammen arbeiten konnte, die Klinik verlassen hätten. Neue Ärzte kämen meist aus dem Ausland, oft aus Nordafrika. Er sagt, dass es dadurch auch immer wieder zu Kommunikationsproblemen käme: "Unsere Patienten sprechen uns fast regelmäßig an, dass sie ihren Arzt nicht verstanden haben. Ich habe Fälle, wo Patienten mir geschildert haben, sie haben sechs Ärzte gesehen und keinen dieser Ärzte konnten sie verstehen."

In den Entlassungsbriefen fehlen Hinweise auf lebenswichtige Medikamente

Durch schlechte Deutschkenntnisse der Assistenzärzte würde auch die Qualität der Entlassungsbriefe leiden. Das sind die Briefe, die einem Patienten für den Hausarzt mitgegeben werden, damit der weiß, was im Krankenhaus passiert ist und welche Medikamente der Patient benötigt. Immer wieder seien solche Briefe schlicht unverständlich. Teilweise, so Ruppelt, fehlten sogar wichtige, teils überlebenswichtige Medikamente in den Auflistungen am Ende der Schreiben. Jeder Entlassungsbrief würde deshalb in seiner Praxis genau geprüft. Der Mediziner sagt, er verließe seine Praxis oft erst nach 22 Uhr, weil er die Papiere genauestens prüfen müsse. "Ärgerlich ist es deshalb, weil offensichtlich aufgrund des Personalnotstandes im Krankenhaus diese Entlassungsberichte nicht mehr von den Oberärzten und vom Chefarzt gegengelesen werden können", sagt Jens-Holger Ruppelt. "In meiner Zeit, als ich als Assistenzarzt in der Inneren tätig war, ist jeder herausgehende Brief vom Oberarzt oder vom Chef selbst noch mal gegengelesen worden. Und ich kann mich selbst noch erinnern, dass ich mehrfach zum Chef zitiert worden bin, um bestimmte Dinge gerade zu richten, bzw. noch mal fachlich zu kommentieren. Diese Zeit ist in diesem Krankenhaus nicht mehr gegeben. Und zwar seit mehreren Jahren mittlerweile."

Hausarzt: "Risiken für Leben und Gesundheit der Patienten"

Die Konzernleitung von Helios sagt, es sei ganz normal, dass leitende Ärzte Krankenhäuser verließen, um sich woanders eine berufliche Zukunft zu suchen. Die niedergelassenen Cuxhavener Mediziner sind hingegen überzeugt, dass die leitenden Ärzte das Krankenhaus fluchtartig verließen. Dafür, dass die Klinik unterbesetzt ist, spricht auch, dass die Medizinische Hochschule Hannover für die Cuxhavener Klinik gerade den Status als akademisches Lehrkrankenhaus ausgesetzt hat. Viele Chefarztstellen sind nicht besetzt. Das reicht nicht, um Studenten auszubilden. Klaus Haferkamp will weiter gegen die für ihn offensichtlichen Missstände am Cuxhavener Krankenhaus kämpfen. Auch wenn er sich dabei mit einem großen Klinik-Konzern anlegt. "Ich sehe gravierende Mängel", sagt Klaus Haferkamp. "Ich sehe Risiken für Leben und Gesundheit der dem Krankenhaus anvertrauten Patienten. Und ich bin der festen Überzeugung, dass der gegenwärtige Zustand in dieser Form nicht fortgeschrieben werden kann, sondern dringend einer Korrektur bedarf."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.04.2016 | 19:30 Uhr

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