Stand: 06.05.2018 19:30 Uhr

Bandscheiben-Skandal: Weitere Fälle angeklagt

von Holger Bock
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Die Anklage gegen einen früheren Chefarzt des Klinikums Leer wird ausgeweitet.

Der Skandal um fehlerhafte Bandscheibenprothesen nimmt offenbar größere Ausmaße an als bisher bekannt. Nach Recherchen von NDR 1 Niedersachsen und dem NDR Fernseh-Regionalmagazin Hallo Niedersachsen wird die Anklage gegen einen ehemaligen Chefarzt ausgeweitet. Das Amtsgericht Leer hat die neuen Anklagepunkte bereits zugelassen. Es geht um mehrfache Körperverletzung, weil Patienten falsch über Operationen aufgeklärt worden sein sollen. Angeklagt ist der ehemalige Chef der Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Leer. Die Anwälte des Mediziners bestreiten alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

Bandscheiben-Prothese.

Falsche Bandscheiben-Prothesen: Chirurg angeklagt

Hallo Niedersachsen -

Ein Chirurg am Klinikum Leer soll Patienten andere Bandscheiben-Prothesen eingesetzt haben, als er ihnen vor der Operation angekündigt hatte. Mit verheerenden Folgen.

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Jetzt Anklage wegen 59-facher Körperverletzung

Den NDR Recherchen zufolge legt die Staatsanwaltschaft Aurich dem ehemaligen Chefarzt jetzt sechs weitere Fälle von Körperverletzung zur Last. Insgesamt seien durch den Mediziner 59 Patienten nachweisbar geschädigt worden, lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. In allen Fällen habe der Arzt andere als die versprochenen Bandscheibenprothesen eingesetzt. Bis zu fünf Jahre Haft drohen dem Chirurgen, sollte er verurteilt werden.

Anwälte: Zeigen von Implantaten hat nur informellen Charakter

Der Mediziner selbst will sich den Fragen des NDR nicht im Detail stellen, seine Anwälte teilen lediglich schriftlich mit: "Welches Implantat letztlich zur Anwendung kommt, kann erst während der Operation entschieden werden. Infolgedessen kann das Zeigen eines oder mehrerer Implantate nur informellen Charakter haben." Im Übrigen bestreite der Arzt alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe, schreibt die Anwaltskanzlei aus Oldenburg dem NDR.

Anklage auch wegen des Verdachts der Korruption

Das gilt auch für einen anderen Vorwurf. Denn der Mediziner muss sich auch wegen einer Korruptionsanklage vor Gericht verantworten. Die hatte die Staatsanwaltschaft Osnabrück eingereicht. Vorgeworfen wird dem Arzt, dass er als Chefarzt am Klinikum Leer Geld- und Sachleistungen von Implantat-Herstellern erhalten habe.

Klinikum verweist auf ehemaligen Chefarzt

Das Klinikum Leer will nichts von den vorgeworfenen fehlerhaften Aufklärungsgesprächen gewusst haben. Das Amtsgericht Leer will in den kommenden Tagen mitteilen, wann der Prozess wegen des Vorwurfs der Körperverletzung beginnt. Wann der Prozess wegen der Korruptionsvorwürfe stattfindet, ist dagegen noch offen.

Patienten hoffen auf Schmerzensgeld und Schadenersatz

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"Ich kann kaum laufen und nur kurze Zeit stehen", berichtet Patient Christoph Brüggemann.

Im strafrechtlichen Verfahren muss sich der ehemalige Chef der Leeraner Wirbelsäulenchirurgie auch mit seinen Patienten auseinandersetzen. Sie treten dort als Nebenkläger auf und erhoffen sich Schmerzensgeld und Schadenersatz. "Seit der ersten Operation ist nichts mehr so, wie es mal war", sagt Christoph Brüggemann. "Ich wache nachts mehrfach auf, weil ich so starke Rückenschmerzen habe, kann kaum laufen und nur kurze Zeit stehen." Dem 33-jährigen Familienvater aus Bunde im Landkreis Leer sind durch den ehemaligen Chefarzt gleich drei Bandscheibenprothesen eingesetzt worden. Jedes Mal habe der Arzt ihm eine künstliche Bandscheibe aus Titan gezeigt, eingesetzt habe er dann aber welche aus Kunststoff. Weil die dann auch noch fehlerhaft waren, mussten sie wieder raus - die Wirbelsäule von Christoph Brüggemann ist nun versteift. Arbeiten kann er nur noch wenige Stunden am Tag.

Medizinische Gutachter kommen zu unterschiedlichen Bewertungen

Die Anwälte des Mediziners weisen in dem Schreiben an den NDR darauf hin, dass dem Arzt in einem von ihnen selbst in Auftrag gegebenen Gutachten keine Behandlungsfehler vorzuwerfen seien. Das sehen die Rechtsvertreter der Patienten anders und verweisen darauf, dass bei einigen Patienten eine Operation gar nicht nötig gewesen wäre. Das Gericht wird also auch die unterschiedlichen Sichtweisen der medizinischen Gutachter zu bewerten haben.

Krankenkassen beziffern Schaden auf rund 18.500 Euro pro Patient

Derweil haben die Krankenkassen den Schaden ermittelt, der ihnen durch Nachoperationen und Folgeuntersuchungen entstanden ist. Und dieser Schaden könnte den NDR Recherchen zufolge in die Millionen gehen. Denn den Kassen sei wegen erneuter Operationen und Nachbehandlungen ein Schaden von rund 18.500 Euro pro Patient entstanden. Allein in Leer sind 114 Patienten mit diesen fehlerhaften Prothesen versorgt worden. Angeklagt sind derzeit nur die Fälle, in denen die Staatsanwaltschaft glaubt, die fehlerhafte Aufklärung nachweisen zu können.

Bundesweit mindestens fünf weitere Kliniken mit fehlerhaften Bandscheibenprothesen beliefert

Aus der Ermittlungsakte, die der NDR einsehen konnte, geht hervor, dass bundesweit fünf weitere Kliniken auf der Kundenliste des deutschen Vertriebspartners standen. Ob die Kassen sich ihren Schaden vom Klinikum Leer oder vom ehemaligen Chefarzt zurückholen wollen, steht noch nicht fest. Aus Kassenkreisen ist zu hören, dass sie zunächst den Ausgang der Prozesse wegen der Korruptionsvorwürfe und wegen der möglichen Körperverletzungen abwarten wollen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.05.2018 | 19:30 Uhr

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