Ein Angeklagter steht vor Prozessbeginn neben seinem Verteidiger in einem Gerichtssaal. © dpa-Bildfunk Foto: Sina Schuldt

Bandscheiben-Prozess: Gutachter widerspricht Anklage

Stand: 04.06.2021 17:06 Uhr

Seit Freitag muss sich der Ex-Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Leer im "Bandscheibenskandal" vor dem Amtsgericht verantworten. Zum Auftakt hat ein Gutachter seine Einschätzung abgegeben.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Körperverletzung in 52 Fällen vor. Zuvor waren es 53, ein Fall ist aber mittlerweile verjährt. Der Arzt soll Patienten zugesagt haben, ihnen Titanprothesen einzusetzen. Tatsächlich habe er aber britische Kunststoffimplantate verwendet, so die Staatsanwaltschaft. Durch das andere verwendete Material habe keine "wirksame Einwilligung" zu der Operation vorgelegen, begründete die Staatsanwaltschaft ihren Vorwurf der Körperverletzung.

Einwilligung in Methode, nicht Implantat

Der Sachverständige, ein Wirbelsäulen-Chirurg der Universitätsklinik Göttingen, erläuterte, dass es mehr als ein Dutzend verschiedener Hersteller für solche Implantate gebe. Bei der Konstruktions- und Funktionsweise und bei den operativen Eingriffen gebe es jedoch keine nennenswerten Unterschiede. Alle Prothesen hätten das Ziel, die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu gewährleisten, sagte der Mediziner. Darauf habe auch die Einwilligung der Patienten gezielt. Die Patienten willigten demnach in eine Operationsmethode ein, nicht in ein spezielles Implantat.

Nicht üblich, Implantate auf Bögen zu benennen

Zwar sei auf den vor den Operationen unterzeichneten Aufklärungsbögen beispielhaft auch auf die Metall-Implantate hingewiesen worden. Dies sei formell aber nicht so zu verstehen, dass genau diese Implantate auch eingesetzt werden sollten, sagte der Experte. Es sei auch nicht üblich, auf den Bögen einzelne Implantate zu benennen. Sebastian Wendt, der Verteidiger des Angeklagten, sagte dazu: "Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, dass den Arzt kein strafrechtliches Verhalten trifft."

Patienten leiden noch immer

2015 hatte sich herausgestellt, dass die Plastikprothesen zwischenzeitlich vom Hersteller zurückgerufen worden waren. In mehr als 100 Fällen waren sie im Körper der Operierten verrutscht und zerbröselt. Patienten mussten anschließend bis zu zwölfmal operiert werden. Viele von ihnen leiden noch immer an den Folgen. Das Gutachten war für viele ehemalige Patienten offenbar ein deutlicher Fingerzeig, dass niemand für ihr wahrscheinlich lebenslanges Leiden verantwortlich gemacht werden kann. "Das hörte sich ganz so an. Es ist sehr traurig", sagte einer von ihnen dem NDR in Niedersachsen. "Es war für mich Betrug, schier Betrug."

Weiteres Verfahren am Landgericht Aurich

Der Mediziner muss sich vor dem Landgericht Aurich demnächst auch noch wegen Korruption und Vorteilsannahme verantworten, weil er Geld von anderen Prothesenherstellern erhalten haben soll. In dem Verfahren geht es in insgesamt 74 Fällen um Vorteilsannahme und Bestechlichkeit in besonders schwerem Fall. Der Korruptionsprozess war im vergangenen Jahr geplatzt, weil der Ex-Chefchirurg wegen einer Herzerkrankung in eine Klinik kam und verhandlungsunfähig war.

Verhandlung aus Platzgründen in Hotel

Auch das Verfahren vor dem Amtsgericht Leer hatte sich verzögert. Der Prozess wegen Körperverletzung sollte eigentlich bereits Ende 2018 beginnen - wurde aber nach einem Befangenheitsantrag gegen den Richter verschoben. Weil bei dem Prozess drei Dutzend Nebenkläger erwartet werden, findet er aus Platzgründen im Saal eines Leeraner Hotels statt. Ein Urteil soll nicht vor November fallen, heißt es.

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NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 04.06.2021 | 15:00 Uhr

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