Stand: 07.08.2018 12:03 Uhr

Gothic: Eine düstere, tolerante Jugendkultur

von Yannik Schüller

Früher nannte man sie "Grufties", böse Zungen verlachten sie als "Grabsteinkipper": die Anhänger der Gothic-Kultur. Wie ticken diese oft schwarz gekleideten, blass geschminkten Menschen?

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Schwarze Kleidung ist Kult und Erkennungsmerkmal der Szene.

"Ein Goth ist jemand, der Schönheit in Dingen erkennt, die andere für düster halten", heißt es auf dem Szene-Blog "whatisgoth.com". Der morbide Look wirkt auf manche unheimlich oder angsteinflößend, das führt zu Vorurteilen. Ein Großteil der Klischees, mit denen sich die "Schwarze Szene" konfrontiert sieht, ist jedoch schlichtweg falsch. So trifft auch der Vorwurf eines satanischen Sektendaseins nicht zu: "Das ist aber eher ein Diskurs des medialen Mainstreams, wo die Szene sehr kritisch beäugt wurde. Mit der Praxis hat das wenig zu tun", erklärte Markus Tauschek, Kulturanthropologe an der Universität Freiburg, in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" im Mai dieses Jahres. Dem stimmt auch Klaus Farin, Autor und Experte für Jugendkulturen, zu: "'Grufties, die auf Särgen schlafen' - allein der Begriff 'Gruftie' ist ja nicht selbst gewählt. Zu Friedhöfen haben sie allerdings eine Nähe: Es sind für sie Orte der Kontemplation, der Ruhe. Sie verabscheuen Menschen, die Grabmäler schänden."

Erst "Punk light", heute musikalisch vielfältig

Entstanden ist die Gothic-Kultur aus der britischen Punk-Szene Ende der 70er-Jahre. "Das waren diejenigen, die mit dem aggressiveren, straßenkompatiblen Punk-Stil nichts anfangen konnten, die es prollig fanden. Die haben dann eine 'Punk-Light-Version' gemacht", erklärt Farin. Im Kern hat sich diese Bewegung also aus der Vorliebe für einen Musikstil entwickelt. Mittlerweile beschränkten sich Gothics jedoch nicht mehr nur auf "klassischen" Gothic-Rock à la The Cure. Ob Dark Rock (Lord Of The Lost), Mittelalter-Rock (In Extremo) oder Elektro - die Musik ist so verschieden wie ihre Anhänger. Allein in Deutschland, so schätzt Farin, gebe es über 100.000 Szenemitglieder - die meist aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammen würden.

Auch wenn Musik in der Gothic-Kultur als Ankerpunkt angesehen werden kann, sind es vor allem die mit der Szene verbundenen Ansichten, die die Lebensart der Goths bestimmen. "Geordneter Rückzug ist ihre Antwort auf eine als intolerant, konsumorientiert und egoistisch empfundene Gesellschaft", so beschreibt es Autor Ingo Weidenkaff im Buch "Jugendkulturen in Thüringen". Dennoch seien Goths für gewöhnlich eher unpolitisch. Mit ihren Schlüsselthemen "Tod und Vergänglichkeit" setze sich die Szene eher auf philosophische Art auseinander. Im Gegensatz zu den oftmals als provokant und ideologisch angesehenen Punks lege die "Schwarze Szene" weniger Wert auf eine echte Einflussnahme ihrer Umwelt. Dennoch sei ihre Weltanschauung nicht inhaltsleer: "Vor allem Toleranz ist in der Szene ein ganz wichtiger Begriff. Homophobie, Rassismus, Sexismus - das sind ihre Gegner. Auch sind Goths eher antifaschistisch geprägt. Gothic ist sicherlich die Jugendkultur, die am stärksten und eindeutigsten Gewalt ablehnt", erläutert Farin.

Der Tod als Gewand

Was aber haben die Goths gemeinsam? Neben der Musik würden sie sich vor allem über ihre Kleidung identifizieren: "Wer im pinkfarbenen Smiley-T-Shirt auftaucht, ist vielleicht kein Gothic", so Farin. Schwarz sei Kult - ebenso wie leichenblass geschminkte Gesichter und ein eher androgynes Erscheinungsbild.

"Die Provokation der Gothics besteht darin, den Tod in den Mittelpunkt ihres Stils und ihres Lebens zu stellen", schrieb Professor Heiko Kleven von der Universität Witten bereits 2003. Durch schwarze Kleidung und farblose Haut würden die Goths sich darum bemühen die Ästhetik des Todes aufzuzeigen, glaubt auch Farin. Markenkleidung spiele dabei keine Rolle. Teuer können die teils extrem aufwendigen Kostüme jedoch allemal sein. Von einer szenenspezifischen Uniform lässt sich jedoch kaum sprechen. "Wie bei allen Jugendkulturen gilt auch hier ein 'Do-it-yourself-Prinzip': Wer in der Gothic-Szene seine Klamotten nur im Online-Shop kauft, der wird wenig Respekt genießen", erklärt der Experte für Jugendkulturen.

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Die "Steampunks" in ihren viktorianischen Gewändern bilden eine Subkultur der Gothics.

"Der Begriff [Gothic] steht für mich für ein veraltetes Bild einer damals in den 80er-Jahren sehr jungen und neuen Szene, die inzwischen glücklicherweise fast alle Grenzen durchbrochen hat", meint Chris Harms, Sänger der Dark-Rock-Band Lord Of The Lost, die dieses Jahr bereits zum fünften Mal auf dem M'era Luna Festival spielt. Seit Entstehung der Szene haben sich verschiedenste Subkulturen herausgebildet, die teils nur noch wenig mit der ursprünglichen Gothic-Darstellung gemein haben: "Steampunks" in ihren viktorianischen Kleidern, "Cyber-Goths" in teils grellen Farben oder Mittelalterfans in voller Rüstung - die Liste der mit den Goths verbundenen Szenen ist lang. Jede Generation wolle sich eben von ihren Vorgängern abheben, resümiert Farin.

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Hallo Niedersachsen | 11.08.2018 | 19:30 Uhr

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