Stand: 11.08.2018 18:58 Uhr

"Dampf-Punks" und SM-Pferde: Fans auf dem M'era Luna

von Tino Nowitzki

Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Auf dem M’era-Luna-Festival tummeln sich morbide ausschauende Gestalten in Outfits, die selbst Graf Dracula als "farblos" empfinden würde? Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Denn tatsächlich ist das Festival ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Subkulturen und Fetische. Wer auf dem Festival-Gelände rund um den Flugplatz Hildesheim unterwegs ist, hat den Eindruck, eine Windhose sei einmal quer durch 400 Jahre Geschichte gefegt und hätte rund 20.000 Menschen hier abgeladen: Schwarz trifft auf Pink, Trinkhorn meets Schleier, Zylinder grüßt Gasmaske. Satt sehen? Zwei Augen reichen dazu nicht aus. Die Fans hier sonnen sich darin, möglichst noch auffälliger herumzulaufen als der nächste. Eindrücke gefällig?

Trefft die "Steam-Punks"

Gilian und Claudia - waschechte "Steam-Punks" im viktorianischen Outfit. Ihre Kostüme haben sie in akribischer Arbeit selbst geschneidert.

Gilian und Claudia aus Hameln sind sogenannte Steam-Punks. Sie sehen nicht zufällig aus, wie einem Jules-Verne-Roman entsprungen. "Genau das wollten wir auch", sagen die zwei, die im wahren Leben Berufssoldat und Sozialarbeiterin sind. Für das M'era Luna haben sie Uniform und Bluse gegen Zylinder und Korsett getauscht. Übrigens alles komplett in Weiß. "Um sich ein bisschen von den ganzen Schwarzträgern abzuheben", ulkt das Paar. Mal eben im Versandhaus stöbern reicht da allerdings nicht: In reiner Handarbeit haben die beiden Festival-Besucher ihr viktorianisches Outfit kreiert - wochenlanges Nähen, Schneidern und Kleben inklusive. Für Gilian und Claudia völlig selbstverständlich: Wenn "Steam-Punks" sich schon an der Zeit der Dampfmaschinen und ersten Erfinder orientieren - dann gehöre eben auch eine dicke Portion Kreativität dazu.

"Bis dass der Tod euch scheidet"

Liebe ist der Titel des Outfits von Manfred und Christa. Aber auch der Tod gehört für die zwei M'era-Luna-Besucher immer dazu - daher die Skelette. Immerhin: Die Liebe geht laut beiden über den Tod hinaus.

Schon stereotypischer für das Gothic-Festival kommen Christa und Manfred daher. Schließlich lautet das Motto ihres Outfits auch Liebe und Tod. Manfreds Hut liest sich dementsprechend wie ein schaurig-schöner Gothic-Roman. Auf der einen Seite ein quicklebendiges Pärchen, auf der anderen das traute Paar in Skelett-Form. Dazwischen irgendwo: ein verwelkter Braut-Strauß. Traurig machen soll das Ganze trotzdem nicht. Laut den beiden geht es darum, dass die Liebe den Tod überwindet. Und ja, auch Gothics können lieben. "Besonders die", sagt Manfred. Und feiern dürfen sie natürlich auch. Daher hat das Paar auch die rund 600 Kilometer aus dem bayerischen Landsberg am Lech nach Hildesheim zurückgelegt - einfach weil sie extrem gerne zum M'era Luna mit seinen coolen Leuten fahren, wie beide betonen. Und natürlich wegen der Musik und der Party. Manfred: "Noch sind wir ja nicht tot."

Hysterische Schreckenskönigin, made in USA

Cathryn aus Michigan in den USA stellt eine sogenannte "Hysteria Machine" dar. Auch wenn man es nicht glaubt - die Frau, die im wahren Leben eine Künstlerin ist, kann mit ihrer aufwendigen Maske alles gut sehen.

Eine der wahrscheinlich entferntesten Festival-Besucher dürfte Cathryn aus Michigan in den USA sein. Ihr Kostüm mag so mach einer schon in seinen schlimmsten Albträumen gesehen haben: Eine Krone aus scharfen Stacheln, dazu angespitzte Eckzähne. Augen? Fehlanzeige. Auch wenn es ihre eigene Kreation ist, hat der Stil sogar einen Namen: "Hysteria Machine" - eine Mischung aus Gothic, "Steam-Punk" und ein bisschen italienische Renaissance steckt da auch noch drin, sagt Cathryn. Das Ganze sieht zwar extrem aufwendig aus. Cathryn braucht nach eigener Aussage aber tatsächlich nur eineinhalb Stunden um sich vom "Normalo" mit schwarzer Jeans in eine hysterische Schreckens-Königin zu verwandeln. Ob sie beim Blick in den Spiegel dann auch manchmal eine Gänsehaut bekommt? "Im Gegenteil", sagt Cathryn. Sie möge es einfach, anders auszusehen und sich selbst auszudrücken: "Ich fühle mich so glücklich und richtig schön."

Bonanza im Sado-Maso-Gewand

Niedersachsen - das Land der Pferde, könnten sich diese beiden gedacht haben. Tatsächlich steckt hinter dem extravaganten Kostüm aber ein spezieller Fetisch

Ob das "Morgenross" wirklich glücklich ist, weiß man nicht: Der Festival-Besucher im Pferdekostüm kann nicht reden. "Nein, darf nicht", sagt seine Halterin Sue, die für die Frage auch mal kurz die Zügel locker lässt. Der Sinn des Ganzen? Ein Rollenspiel der besonders ausgefallen Sorte: Das Ross gebe durch das eingeschränkte Sichtfeld alle Verantwortung an seine strenge Besitzerin ab. Und das habe eben einen gewissen Reiz, meint Sue. Und nein, Tierquälerei sei das ganz und gar nicht. Das "Morgenross" begebe sich schließlich rein freiwillig in seine devote Rolle. Beide wollen damit ihren persönlichen Fetisch ausleben, wie Sue sagt. Im normalen Leben ginge das meistens nicht und auf dem Festival - da fühlten sich die strenge Halterin und ihr Pferd unter Gleichgesinnten und irgendwie auch "frei".

Schwarze Großfamilie

Und das scheint das M’era Luna-Festival wirklich einzigartig zu machen. Wen immer man fragt: Immer wird die familiäre Atmosphäre betont. Das, was viele Besucher in der "normalen" Gesellschaft vielleicht zu Außenseitern macht, macht sie hier zu dem Teil einer großen Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die keinesfalls die zurückgezogenen, melancholischen und knurrigen Züge hat, die manch einer ihr andichten möchte. Fast jeder spricht gerne über sein Outfit und die Geschichte dahinter - gerne auch bei einem Schluck Met in der osmanischen Taverne in Sichtweite der großen Sensenmann-Pappfigur.

Weitere Informationen

Lack, Latex und nackte Haut auf dem Laufsteg

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Zwei Tage hat NDR.de ausgewählte Konzerte vom diesjährigen M'era-Luna-Festival gezeigt. Einige der Auftritte stehen als Video zur Verfügung. mehr

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.08.2018 | 19:30 Uhr

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