In diesen Vorrichtungen sammeln Wissenschaftler Insekten und zählen sie später aus. © NDR Foto: Katrin Schwier

Projekt für Insektenschutz auf Niedersachsens Äckern

Stand: 06.08.2021 06:30 Uhr

Ein bundesweit einmaliges Insektenschutzprojekt soll mehr biologische Vielfalt aufs Feld bringen. Dabei setzt der Ökolandbau Niedersachsen auf die Kooperation von konventionellen und Öko-Landwirten.

von Katrin Schwier

Wie können Landwirte auf Pflanzenschutz- und Insektenvernichtungsmittel verzichten, ohne dass Qualität und Menge der Ernte zu sehr sinken? Um diese Frage geht es beim "Finka"-Projekt. "Finka" steht für "Förderung von Insekten im Ackerbau". Dabei teilen Landwirte ihre Äcker in zwei Hälften. Auf der einen Seite setzen sie Pflanzenschutzmittel ein, auf der anderen Seite nicht. Jetzt steht in Undeloh in der Lüneburger Heide die erste Ernte an.

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Die beiden Ackerhälften unterscheiden sich kaum

Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu sehen. Der Roggen auf dem Acker bei Undeloh (Landkreis Harburg) steht in vollem Korn. Sobald es trocken ist, kann geerntet werden. Doch quer über den Acker läuft eine Trennlinie. Auf der einen Seite hat Landwirt Thore Cordes Pflanzenschutzmittel eingesetzt, auf der anderen Seite nicht. Der 21-Jährige schaut genau hin. Wenn er auf der Trennlinie entlang in den Acker geht, kann er aber doch einen Unterschied erkennen: Auf der Seite, die nicht gespritzt wurde, hat sich die ein oder andere Margerite durch den Roggen gekämpft. "Das lässt sich nicht ganz verhindern, wenn man auf Pflanzenschutzmittel verzichtet", sagt Cordes. "Wie es aussieht, wächst das Unkraut aber nur am Ackerrand."

Ohne Pflanzenschutzmittel ist der Arbeitsaufwand höher

Landwirt Thore Cordes steht mit seinem Vater genau auf der Trennlinie zwischen dem Ackerteil der mit Pflanzenschutzmittel bearbeitet (rechts) und dem Teil, der nicht gespritzt wurde. Einen Unterschied sieht man nicht. © NDR Foto: Katrin Schwier
Landwirte Cordes machen mit beim ""Finka""-Projekt.

Wächst zu viel Unkraut, dann gibt es weniger Ernteertrag. "Im Moment sieht es aber gut aus", sagt Cordes. Genau kann er das allerdings erst sagen, wenn die beiden Ackerhälften abgeerntet sind. Eines ist aber jetzt schon klar: Ohne Pflanzenschutzmittel ist der Arbeitsaufwand deutlich höher. Denn das Unkraut muss anders bekämpft werden. Zum Beispiel mechanisch mit einem Striegel. Das ist eine überdimensional große Harke, die am Traktor hängt und Beikräuter herausrupft, den Roggen aber stehen lässt. Bei diesem Verfahren hat Cordes von den Erfahrungen eines Öko-Landwirtes profitiert: Jan Meyer aus dem benachbarten Itzenbüttel hat ihn beraten. "Da können wir uns nur gemeinsam rantasten", sagt Meyer. "Denn es ist immer eine Gratwanderung. Man muss möglichst viel Unkraut rausrupfen, darf den Roggen aber nicht zu sehr schädigen."

"Finka"-Projekt läuft über fünf Jahre

Diese Zusammenarbeit zwischen konventionellen Landwirten und Öko-Landwirten ist Kernstück des "Finka"-Projektes. Niedersachsenweit haben sich dafür 30 dieser Landwirt-Paare gebildet. Über fünf Jahre hinweg experimentieren sie gemeinsam, wie sie ohne Pflanzenschutzmittel gute Erträge erzielen können. Dafür bekommen die Landwirte eine Aufwandsentschädigung. Außerdem wird untersucht, wie sich die Zahl der Pflanzen und Insekten auf den beiden Ackerhälften entwickelt, sagt Henrik Gelsmann-Kaspers vom "Finka"-Projekt. Wissenschaftler zählen, wie viele Pflanzen zu finden sind. "Bei den Insekten ist das schwieriger", so Gelsmann-Kaspers. Da stellen die Experten Fallen auf und zählen aus, wie viele Tierchen sich dort sammeln.

Erste Bilanz Ende des Jahres erwartet

Eine erste Bilanz dazu erwartet Gelsmann-Kaspers Ende des Jahres. Und auch Landwirt Cordes plant schon für das kommende Jahr. Dann will er auf seinem geteilten Projekt-Acker keinen Roggen mehr anpflanzen, sondern Mais. "Mal sehen, wie ich es da hinkriege, ohne Pflanzenschutzmittel möglichst viel zu ernten", sagt Cordes. Öko-Landwirt Meyer wird ihm auch dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen. "Die Zusammenarbeit klappt gut", sagt Cordes. "Das ist schon fast eine Freundschaft geworden."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 06.08.2021 | 06:30 Uhr

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