Stand: 14.03.2019 13:25 Uhr

Polizei: Hat der Heidekreis ein Clan-Problem?

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Mehr als 100 Straftaten in 13 Monaten: Wer sich in der Walsroder Disco aufhält, darf kontrolliert werden. (Archiv)

Ein blaues Kreuz markiert ein Gebäude, die Straßen ringsherum sind in einem Rotton eingefärbt. Was auf einem Stadtplan von Walsrode so einfach dahin gekritzelt scheint, zeigt ein neues, ganz offensichtlich konsequenteres Vorgehen der Polizei im Heidekreis. Konkret geht es in diesem Fall um eine Diskothek, die samt dem Bereich drumherum jüngst zu einem "gefährlichen Ort" erklärt worden ist. Dort waren in der Vergangenheit auch immer mal wieder Mitglieder verschiedener Clans und Banden aneinander geraten. Für die Disco-Besucher bedeutet das nun, dass die Polizei im Sinne des Gefahrenabwehrgesetzes berechtigt ist, jede Person, die sich während der Öffnungszeiten der Diskothek in diesem Bereich aufhält, und ihre mitgeführten Sachen kontrollieren zu dürfen.

. © NDR Foto: NDR

Überfall in Walsrode: Polizei ermittelt

Niedersachsen 18.00 -

In Walsrode wurde am Montag eine Gruppe vermutlich kurdischer Männer überfallen. Vier zunächst flüchtige Täter werden verhaftet. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.

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116 Straftaten in 13 Monaten

Ja, es geht um eine Diskothek, eigentlich einem vergnüglichen Ort. Und ja, in Discos kommt es gelegentlich - häufig ist Alkohol im Spiel - zu Rangeleien. Doch seit Anfang 2018 bis Anfang Februar 2019 mussten die Beamten nach eigenen Angaben zu einer Vielzahl von Einsätzen dorthin ausrücken. Dabei seien 116 Straftaten aktenkundig geworden - an einem Ort, der nur zweimal in der Woche geöffnet hat. Womit die Beamten in den vergangenen Monaten dort vermehrt zu tun hatten? Leichte und schwere Körperverletzung, Landfriedensbruch, Drogenhandel, Diebstähle und Sachbeschädigung sowie Gefangenenbefreiung und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Ein Mann sichert eine Pistolenkugel in eine Plastiktüte. © fotolia Foto: kaninstudio

Schüsse auf Solarium in Walsrode

NDR 1 Niedersachsen -

Gut 30-mal ist in Walsrode auf die gläserne Front eines Solariums geschossen worden. Anwohner hörten die Schüsse offenbar nicht. Donnerlärm könnte sie übertönt haben.

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"Der Anfang einer Reihe von Maßnahmen"

Die Diskothek zieht wegen der zentralen Lage der Stadt Walsrode Menschen aus dem ganzen Heidekreis an, aber auch aus angrenzenden Landkreisen wie Celle, aus Städten wie Hamburg, Hannover. Erst vor einigen Wochen stießen zwei Gruppen kurdischer Herkunft aus dem Heidekreis und Celles Norden zusammen. Die Disco zunächst für den Zeitraum von einem Jahr zu einem "gefährlichen Ort" zu erklären, ist jedoch erst der Anfang "einer Reihe von Maßnahmen, die in Walsrode, aber auch im gesamten Landkreis, in den kommenden Wochen und Monaten durchgeführt werden", sagte Polizeidirektor Stefan Sengel, Leiter der Polizeiinspektion Heidekreis, Anfang März. Wie genau diese Maßnahmen aussehen, will die Polizei bei der Vorstellung eines Pilotprojekts am Freitag erklären. "Eines, das Wirkung zeigen wird", so Sengel im Gespräch mit dem NDR vorab.

Neues Vorgehen gegen Clans

Soweit bekannt: Es soll in Zukunft eng vernetzt und konsequent neben der Rockerkriminalität ebenso gegen kriminelle Familienstrukturen vorgegangen werden. Denn auch wenn die Zwischenfälle in der Diskothek nicht ausschließlich von Mitgliedern solcher Strukturen verursacht worden sind, stecken diese der Polizei zufolge doch hinter sehr vielen Vorfällen aus den vergangenen eineinhalb Jahren. Und das sorgt bei den Bürgern für ein Gefühl von Unsicherheit - obwohl die Anzahl der Straftaten und Einbrüchen im Heidekreis eigentlich rückläufig sind.

Randale vor Krankenhaus

"Ausschlaggebend dabei ist die Frequenz der in der Öffentlichkeit stattfindenden Delikte", sagt Sengel. So sind zum Beispiel die rund 30 Schüsse, die in einer Sommernacht 2017 die Fensterfront eines leer stehenden Solariums durchsiebten den Menschen in Walsrode im Gedächtnis geblieben. Genauso wie randalierende Familienangehörige vor dem Krankenhaus Walsrode nach einer Auseinandersetzung zwischen zweier Gruppen von Jugendlichen am Bahnhof. Auch im gut 40 Kilometer entfernten Munster am Ostrand des Landkreises erinnern sich die Menschen an eine Schlägerei zwischen zwei verfeindeten Gruppierungen und an ein versuchtes Tötungsdelikt im November 2018.

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Clans halten dicht

Kriminelle familiäre Strukturen - und dabei geht es laut Polizei um deutsche genauso wie aus dem Ausland stammende - machen es den Beamten schwer. Die beweissichere Herausarbeitung von Tätern sei schwierig, so Sengel. Das Umfeld mache häufig keine Aussagen und in manchen Fällen würde auf Personen und Zeugen eingewirkt. Bei der Polizei gilt: "Keine parallelgesellschaftlichen Strukturen entstehen lassen, die den Rechtsstaat nicht anerkennen", sagt Polizeidirektor Sengel.

Polizei will Immobilien-Geschäfte prüfen

Neben körperlichen Auseinandersetzungen haben die Beamten auch das Thema Geldwäsche im Blick. Im Heidekreis würden Personen auffällig viel in Immobilien und Firmen investieren, denen man das monetär gar nicht zugetraut hätte, sagt Sengel. Nach ungesicherten Erkenntnissen der Polizei spielt Bargeld dabei häufig eine Rolle. Dieser Geldfluss soll künftig genauer unter die Lupe genommen und wenn möglich gestoppt werden. Ein Grund, dass sich viele im Landkreis niederlassen, sei sicherlich auch die Lage zwischen den Städten wie Hannover, Bremen und Hamburg. Immobilien seien in diesem Bereich noch leichter zu finanzieren.

"Licht in diese kriminellen Strukturen bringen"

In der Öffentlichkeit stelle sich häufig die Frage, wie manche Personen zu ihrem zur Schau getragenen Reichtum gekommen sind. Oder anders: "Wie kann sich ein junger Mann unter 30 einen Wagen mit einem Listenpreis von mehreren Zehntausend Euro leisten?", fragt Sengel. Stammt ihr Geld aus illegalen Geschäften? Antworten will die Polizei in den kommenden Monaten finden. "Es muss Licht in diese kriminellen Strukturen gebracht werden."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 15.03.2019 | 06:30 Uhr

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