Die Pflegeeltern sitzen an einem Tisch. © NDR

Kinder mit Behinderungen: Pflegemutter kämpft um Hilfe

Stand: 13.06.2021 09:04 Uhr

Ein Streit zwischen dem Jugendamt Uelzen und einer Pflegemutter ist jetzt eskaliert. Trotz eines Gerichts-Urteils setzt das Jugendamt die Familie mit zwei Kindern mit Behinderung weiter unter Druck.

von Marlene Kukral und Holger Bock

Rund 75.000 junge Menschen lebten 2019 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland in Pflegefamilien. Und nicht selten kommt es zum Streit zwischen den Pflegefamilien und den Jugendämtern. Mal wollen die Pflegefamilien schlicht mehr Geld, mal mehr Hilfen und Beratung, um mit schwierigen Kindern klarzukommen. In Uelzen ist ein solcher Streit jetzt eskaliert.

Seit drei Jahren Streit mit dem Jugendamt Uelzen

Im Jahr 2018 habe der Streit mit dem Jugendamt Uelzen angefangen, sagte Sylvia Behringer dem NDR in Niedersachsen. Die Diplompädagogin und Diplomsozialarbeiterin wollte für ihre beiden Kinder mit Behinderungen die Leistungen der Pflegeversicherung ausbezahlt haben. Sie klagte und bekam Recht. Doch das Tischtuch zwischen ihr und den Beschäftigten des Jugendamtes Uelzen sei seitdem zerrissen.

Jugendamt will sich nicht öffentlich äußern

Das Jugendamt selbst will sich zum Streit mit Sylvia Behringer nicht äußern. Es sei noch ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg anhängig, teilte die Pressestelle des Landkreises dem NDR in Niedersachsen mit. Und zu laufenden Verfahren wolle man sich nicht äußern. Der Streit vor dem Verwaltungsgericht ist nicht die einzige Auseinandersetzung, die das Jugendamt mit der professionellen Pflegemutter geführt hat.

Jugendamt sieht Pflegemutter als Gefahr für die Kinder

Insgesamt acht Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung sah das Jugendamt Uelzen in der Pflegefamilie. Das Jugendamt muss diesen Hinweisen nachgehen, der Schutzauftrag des Staates ist im Paragraf 8a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes im Achten Sozialgesetzbuch geregelt. Und das Jugendamt ordnete die Hinweise als stichhaltig ein, bat das Familiengericht Uelzen darum, einen Beschluss herbeizuführen, nach dem die Kinder aus der Pflegefamilie herausgenommen werden können. Doch als das Familiengericht die Vorwürfe überprüft hat, bleibt von diesen Vorwürfen kein einziger übrig. Im Beschluss von Anfang Februar schreibt die Vorsitzende Richterin, die beiden behinderten Kinder hätten sich in der Pflegefamilie "gut entwickelt" und sie seien dort gut aufgehoben. Eine Herausnahme der Kinder aus der Familie würde eine Kindeswohlgefährdung darstellen, heißt es in dem Beschluss, der dem NDR in Niedersachsen vorliegt.

Geschwisterkindern gefällt es in der Pflegefamilie

Seit neun Jahren leben die Geschwister Finn und Marie, die eigentlich anders heißen, bei Pflegemutter Sylvia Behringer. Die 16-jährige Marie sagt, sie fühlten sich wohl dort in ihrer neuen Familie. Sylvia sei wie eine Ersatzmutter. Wenn es Schwierigkeiten gebe, kümmere sie sich wie eine Mutter. Und auch dem 13-jährigen Finn gefällt es in der Pflegefamilie. Dort könne man mit den Hunden spielen oder nach der Schule auch mal in den Pool springen, sagt er. Es wäre schön, wenn er und seine Schwester bei Sylvia bleiben könnten, sagt er.

Pflegemutter Sylvia Behringer im Gespräch mit Ombudsmann Klaus Bange. © NDR
Pflegemutter Sylvia Behringer im Gespräch mit Klaus Bange, der selbst einmal Jugendamtsleiter in Hildesheim war.
Jugendamt will Familie finanzielle Grundlagen entziehen

Der 13-jährige Finn wirkt im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen verunsichert. Das Jugendamt Uelzen lässt die Familie trotz des eindeutigen Beschlusses des Familiengerichts nicht in Ruhe. Dabei geht es jetzt ums Geld. Das Amt hat der Familie nun zusätzliche Hilfen für die Kinder gestrichen. Die muss Pflegemutter Behringer seit acht Monaten aus Erspartem bezahlen.  

Kinder rund um die Uhr auf Hilfe und Aufsicht angewiesen

Und diese zusätzlichen Hilfen seien groß. Beide Kinder haben einen dauerhaften Hirnschaden, weil ihre leibliche Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trank. FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) nennen Fachleute diese Form der Behinderung. Finn und Marie seien rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen, sagt die Pflegemutter. Die Kinder würden keine Gefahren erkennen, wodurch sie im Straßenverkehr eigentlich ständig beaufsichtigt werden müssten.

Ehemaliger Jugendamtsleiter ist empört

Dass das Jugendamt den Streit mit der Pflegefamilie hat derart eskalieren lassen, macht Klaus Bange fassungslos. Er leitete einst das Jugendamt in Hildesheim und kennt die Arbeitsweise einer solchen Behörde. Ein derartiges Vorgehen und Ignorieren der Rechte der Kinder in der Pflegefamilie habe er in seiner langjährigen Tätigkeit als Jugendamtsleiter nicht erlebt. Es sei nicht nachvollziehbar, dass das Jugendamt den Hilfebedarf der Kinder erkennt und für notwendig erachtet, sich dann aber weigere, die Hilfen zu gewähren, so Bange. Ganz offenbar gehe der ins Persönliche abgeglittene Streit weiter zu Lasten der Kinder.

Neues Kinder- und Jugendstärkungsgesetz

Einen Ausweg könnte das neue sogenannte Kinder- und Jugendstärkungsgesetz aufzeigen, das seit dem vergangenen Donnerstag (10. Juni 2021) in Kraft ist. Jedes Bundesland ist demnach aufgefordert, sogenannte Ombudsstellen zu schaffen. Die sollen künftig beim Streit mit dem Jugendamt vermitteln.

Jugendamt Hameln-Pyrmont nach Lügde-Fall in der Kritik

Für den Vorsitzenden der Lügde-Kommission, Thomas Meysen, sind diese Ombudsstellen ein wichtiger Schritt, die Streitigkeiten zwischen Familien und Jugendämtern zu befrieden. Nach Bekanntwerden des hundertfachen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde geriet in Niedersachsen vor allem das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont in die Schlagzeilen. Es billigte das Pflegeverhältnis für ein kleines Mädchen bei dem wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Haupttäter. Aus diesem Grund wurde beim Niedersächsischen Landespräventionsrat eine Kommission eingesetzt, die untersuchen sollte, welche Strukturen der Fall aufgezeigt hat, die zum Schutz von Kindern verbessert werden müssen - die Lügde-Kommission.

Lügde-Kommissions-Vorsitzender pocht auf Ombudsstellen

Den Abschlussbericht mit zahlreichen Empfehlungen für den Umbau von Jugendämtern legte die Kommission Mitte Dezember vor. Der Vorsitzende Meysen forderte im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen das Land Niedersachsen auf, zügig Strukturen zu schaffen, damit Kommunen diese Vermittlerstellen einrichten können. Mit dem neuen Gesetz müssten Kommunen nun auch Selbsthilfegruppen unterstützen, sagte Meysen. Auf diese Weise könnten sich Pflegeeltern und -kinder organisieren und austauschen. Das sei auch für FASD-Kinder sehr wertvoll, damit sie erkennen können, dass sie mit ihrer Behinderung nicht allein sind.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 13.06.2021 | 19:30 Uhr

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