Eine Angeklagte spricht in einem Gerichtssaal mit ihrer Verteidigerin. © dpa-Bildfunk Foto: Sina Schuldt

Mutter von ertränktem Sohn: "Ich bin an dem Abend gestorben"

Stand: 30.04.2021 12:30 Uhr

Im Prozess um den Tod eines Vierjährigen hat sich die Mutter über ihre Anwältin vor dem Landgericht Verden geäußert. Sie habe befürchtet, das Sorgerecht für ihr Kind zu verlieren.

"Der Moment, in dem ich meinen Sohn über das Brückengeländer warf, ist in meiner Erinnerung nicht da", hieß es in einer Erklärung der 41-Jährigen, die ihre Anwältin verlas. Der Vierjährige sei das Wichtigste in ihrem Leben gewesen. Sie habe Angst gehabt, dass ihr das Jugendamt den Sohn wegnehmen würde, weil sie ihn wenige Tage zuvor am Rücken verbrüht hatte. Sie sei an dem Abend gestorben, an dem er ertrank. Deshalb sei es ihr egal, ob sie jetzt für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis müsse.

Aussage zum Prozessauftakt wurde verschoben

Als ihre Anwältin die Erklärung am Freitag vortrug, war die Angeklagte äußerlich ruhig. Eigentlich hatte die Mutter bereits zum Prozessauftakt aussagen sollen. Allerdings war sie so aufgewühlt, dass sie kein Wort herausbrachte. Daraufhin hatte das Gericht den Prozess auf diesen Freitag vertagt, mit der Aufforderung, dass sich die Angeklagte schriftlich äußern solle. In der Erklärung räumte die 41-Jährige die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft weitgehend ein und bestätigte den Tathergang.

Aus Angst vor dem Jugendamt mit Sohn geflüchtet

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter Totschlag vor. Im November vergangenen Jahres soll sie ihren Sohn von einer Brücke in Rotenburg in die Wümme geworfen haben, weil sie ihn wenige Tage zuvor mit heißem Wasser schwer verbrüht hatte und deshalb befürchtete, das Sorgerecht zu verlieren. Die Mutter erklärte, dass der Junge sein Bett eingenässt habe, woraufhin sie ihn habe abduschen wollen. Weil er sich gewehrt habe, habe sie nicht gemerkt, dass das Duschwasser zu heiß war. Im Krankenhaus habe ein Arzt den Vater auf die Verletzungen angesprochen. Ihr Mann habe ihr daraufhin berichtet, dass das Jugendamt ihnen das Kind wegnehmen werde.

Familie hatte in der Vergangenheit schon Kontakt zum Jugendamt

In der Vergangenheit habe die Familie bereits Kontakt zum Jugendamt gehabt. Wegen des Verdachts, dass sie ihre ältere Tochter gewürgt hatte, habe das Amt das Mädchen für einige Tage in Obhut genommen. An dem Vorwurf sei aber nichts dran gewesen. "Ich habe das Jugendamt nicht als Hilfe, sondern als Bedrohung empfunden", ließ die Mutter vor Gericht erklären.

"Wie in einem Tunnel" gefühlt

An jenem Abend im November flüchtete die Angeklagte mit ihrem Sohn über eine Feuertreppe aus der Rotenburger Kinderklinik. Sie habe sich "wie in einem Tunnel" gefühlt. Nachdem sie ihren Sohn in die Wümme geworfen hatte, habe sie vergeblich versucht, sich selbst umzubringen. Dem Vorwurf, dass sie mit der Tötung ihres Sohnes verhindern wollte, dass der Junge in Obhut nicht als Muslim, sondern als Christ aufwächst, widersprach die türkischstämmige Frau: "Das war nie mein Gedanke."

Notärztin: Junge ist eindeutig ertrunken

Vor Gericht sagte am Freitag unter anderem auch die Notärztin aus, die den Jungen am Abend der Tat untersucht hatte. Sie erklärte, der Vierjährige sei eindeutig ertrunken und nicht an seinen Verbrennungen gestorben.

Weitere Informationen
Vor dem Landgericht in Verden steht ein Schild mit der Aufschrift des Gerichts. © Picture Alliance Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Totschlags-Prozess: Mutter soll Sohn in Wümme geworfen haben

Nach der Anklage-Verlesung vor dem Landgericht Verden brach die 40-Jährige zusammen. Die Verhandlung wurde vertagt. (13.04.2021) mehr

Einsatzkräfte stehen auf einer Straße. © Nordwestmedia-TV

Obduktionsergebnis: Vierjähriger aus Rotenburg ist ertrunken

Rettungskräfte hatten den Jungen leblos aus der Wümme geborgen. Die Mutter schweigt laut Staatsanwaltschaft bislang. (09.11.2021) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 30.04.2021 | 13:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Synagoge in Hannover (innenansicht) ein Davidstern im Vordergrund © NDR Foto: Julius Matuschik

Niedersachsen will jüdische Einrichtungen stärker schützen

Das sagte Innenminister Pistorius zu. Hintergrund sind befürchtete Übergriffe im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen