Stand: 14.10.2016 19:36 Uhr

Mit dem Dorfladen geht ein Stück Vertrautheit

von Jonas Schreijäg

Die Regale sind schon so gut wie leer, aber die Stammkunden sind heute trotzdem noch einmal gekommen. In dem kleinen Krämerladen "Bensemann" im Soltauer Ortsteil Wolterdingen gibt es wie immer Bockwurst, Kaffee und den neuesten Dorfschnack. Doch heute zum letzten Mal. Nach 114 Jahren macht "Bensemann" den Laden dicht. "Ich kenne nichts anderes als diesen Laden", sagt Silke Gudde, die das Geschäft in vierter Generation gemeinsam mit ihrem Mann führt. Die 48-Jährige hat schon ihre Ausbildung in dem Lebensmittelladen gemacht und übernahm ihn vor zwölf Jahren von ihren Eltern.

Die meisten fahren zum Discounter

"Ich hätte den Laden noch gerne bis zur Rente weitergeführt, aber es geht nicht mehr", erzählt Gudde. In den vergangenen Jahren seien immer weniger Kunden gekommen. Viele würden lieber mit dem Auto zum Discounter fahren. Auch ihr Mann Dietmar ist traurig, dass die Familie den Betrieb aufgeben muss. Der kleine Laden sei im Gegensatz zum Discounter viel persönlicher gewesen. "Im Kaufhaus sind Sie ein Niemand, bei 'Tante Emma' ein Mensch", erklärt Gudde das Motto seines Dorfladens.

Als vor rund eineinhalb Jahren die naheliegende Stadt Schneverdingen an der A 7 einen eigenen Autobahnanschluss bekommen habe, sei die Kundschaft fast komplett weggebrochen, erklärt der 52-Jährige. "Seitdem haben wir ganz viele Kunden verloren, weil die dann den kürzeren Weg auf die Autobahn genommen haben und nicht mehr an den kleinen Dörfern vorbeikamen." So habe sich der Dorfladen einfach nicht mehr rentiert, pflichtet Silke Gudde bei. "Für meinen Mann und mich blieb am Ende nichts mehr übrig."

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"Ich habe hier schon als Kind Lakritz eingekauft"

Für die Stammkunden fällt mit der Schließung ein Stück Vertrautheit weg. "Ich kam jeden Tag zweimal hierher", sagt etwa der Wolterdinger Werner Strehl. "Für den Kaffee am Morgen und für das Bier am Abend." Für andere bedeutete der Dorfladen noch mehr: "Ich habe hier schon als Kind Lakritz eingekauft", erinnert sich der Rentner Walter Hellwinkel und kämpft mit den Tränen. "Der Laden war schon immer hier, jetzt ist Wolterdingen ein sterbendes Dorf." Auch der Stammkunde Peter Brandis ist untröstlich: "Ich weiß nicht, was ich machen soll ohne diesen Laden", sagt er. Zum Abschied trägt er den Bensemanns sogar ein selbstgeschriebenes Lied vor: "Der Tag, als Bensemann aufgab, das war ein schwarzer Tag", singt er.

114 Jahre Ladengeschichte gehen zu Ende

Gegründet hatte den Dorfladen der Urgroßvater von Silke Gudde im Jahr 1902. Zu Beginn war "Bensemann" ein Hutgeschäft, erzählt Silke Guddes Vater Hermann Bensemann. Ab den 1930er-Jahren habe man dann Lebensmittel verkauft. Hermann Bensemann übernahm das Geschäft Ende der 50er-Jahre und führte es mit seiner Frau. "Früher hatten wir alles: Gartengeräte, Porzellan, Spielwaren. Da ging das auch noch", erinnert er sich. "Jetzt ist all das vorbei."

Seine Tochter Silke wird künftig wahrscheinlich in einer Bäckerei arbeiten. Ihr Mann hat ebenfalls einen neuen Job gefunden.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 14.10.2016 | 17:00 Uhr

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