Stand: 04.06.2018 19:30 Uhr

Medikamentenversuche an Kindern in Rotenburg

von Marie-Caroline Chlebosch und Holger Bock
Das Foto aus dem Jahr 1960 zeigt einen Kinderbereich in den Rotenburger Anstalten.

Eng an eng stehen die weißen Gitterbetten im ersten Stock des Löhe-Hauses. Als das Foto 1960 aufgenommen wurde, nannte man das Gebäude noch abfällig das "Krüppelhaus". Zwischen den Betten eine Schwester, die einen behinderten Jungen füttert. Viel Platz gab es damals nicht. Mehr als 50 Kinder teilten sich ein Stockwerk. In den "Rotenburger Anstalten der Inneren Mission", die heute Rotenburger Werke heißen, leben seit Jahrzehnten Menschen mit Behinderungen. Eine diakonische Einrichtung, die heute auf Augenhöhe und ein respektvolles Miteinander setzt. Das war nicht immer so.

Beweise in den Akten

Die Rotenburger Werke arbeiten gerade ein dunkles Kapitel ihrer Vergangenheit auf. Denn auch hier haben Ärzte über Jahre an Kindern und Jugendlichen Medikamente getestet. Ohne Einwilligung der Eltern. Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hat hunderte Stunden im Archivkeller der Rotenburger Werke verbracht und Akten gesichtet. Möglich war das nur, weil die Bewohner-Akten hier vollständig erhalten sind. In den Akten findet die Forscherin Beweise für Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen mit Psychopharmaka, Arzneimitteln zur Gewichtsreduktion, Medikamenten gegen Bettnässen oder um den Sexualtrieb abzuschalten.

Dokument mit Angaben von Medikamentendosierungen.

Illegale Medikamententests an Heimkindern

Hallo Niedersachsen -

Bis weit in die 1970er-Jahre wurden an rund 80 Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, die in den Rotenburger Werken lebten, illegal Medikamente getestet.

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Arzneimittel sollten Kinder ruhigstellen

"Wenn Kinder sehr unruhig waren, wurden Präparate getestet, um diese Kinder zu beruhigen", erzählt Sylvia Wagner. Wenn das eine nicht die gewünschte Wirkung erzielt habe, sei einfach ein anderes getestet worden. "Das waren Präparate, die eben zum Teil noch nicht auf dem Markt waren", betont sie. In den Rotenburger Anstalten wurden damals Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen, aber auch mit Verhaltensauffälligkeiten untergebracht. Weil viele Mitarbeiter nicht pädagogisch ausgebildet waren, habe es oft Stresssituationen, Überforderung oder Aggressionen zwischen den Betreuern und den Kindern gegeben, erzählt die Pharmazeutin. "Man wollte ruhige Kinder", sagt sie. Dafür habe man mit Tabletten gesorgt. Auch den Sexualtrieb versuchte man bei Jungen schon früh einzudämmen. Mit einem Testpräparat, zu dem sich ärztliche Aufzeichnungen in den Akten finden. "Die Fruchtbarkeit wird gehemmt mit unabsehbaren Folgen", sagt Wagner. "Man wusste gar nicht: Wenn man das bei Kindern und Jugendlichen gibt, inwiefern das reversibel ist, also ob sich die Fruchtbarkeit und die Sexualität wieder einstellen."

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Pharmazeutin Sylvia Wagner hat im Archivkeller der Rotenburger Werke hunderte Stunden verbracht und Akten gesichtet.
Mehr als 80 Kinder nach Stichproben betroffen

Mindestens zwei Ärzte waren an den Medikamentenversuchen beteiligt. Das ergibt sich aus den Bewohner-Akten und aus einer wissenschaftlichen Studie, die Sylvia Wagner recherchiert hat. Veröffentlicht 1964 von einem der forschenden Ärzte in Rotenburg. Aus diesen Quellen ergibt sich: In den damaligen Rotenburger Anstalten wurden an mehr als 80 Kindern illegal Medikamente getestet. "Genutzt haben die Studien den Ärzten für ihr forschendes Interesse und natürlich den Pharmaunternehmen. Sie haben dadurch mehr über diese Präparate, die ja gar nicht ausgetestet waren, erfahren."

System von völliger Unterwerfung geprägt

Klaus Brünjes arbeitet heute als Gruppenleiter in den Werkstätten der Rotenburger Werke. Früher war er selbst Bewohner, kam mit fünf Jahren im Juni 1963 in die Anstalt. Brünjes musste selbst keine Medikamente schlucken, war kein Testobjekt für neue Präparate. Aber der ehemalige Bewohner erinnert sich noch gut, was er bei anderen Kinder miterlebt hat: "Sie waren sehr rebellisch, haben rumgetobt und eine Stunde später waren sie schlaff. Das sagt ja Vieles." Anders als heute, wo menschliche Wärme und Anerkennung das Leben prägen, sei das damalige System von völliger Unterwerfung geprägt gewesen. "Es war alles fremdbestimmt", sagt Brünjes, "du konntest nichts selbst bestimmen, noch nicht einmal, was du anziehst. Alles wurde zugeteilt." Auch die Medikamente, die die Kinder schlucken mussten.

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Die Luftbildaufnahme aus dem Jahr 1955 zeigt die Rotenburger Anstalten.
Keine Einwilligungen für Medikamententests zu finden

Einwilligungen für diese Arzneimittelversuche finden sich in den Bewohner-Akten nicht. Dafür aber solche für Schwimmbadbesuche oder Ferienfreizeiten. Und für eine erschreckende Maßnahme, die manche Kinder erdulden mussten, die besonders verhaltensauffällig waren. Als letzte Maßnahme, wenn die Medikamente nicht halfen. Mit "stereotaktischen Hirnoperationen" habe man Hirnbereiche operativ durch Wechselstrom zerstört, erzählt Sylvia Wagner. Dafür habe man die Kinder nach Göttingen ins Klinikum geschickt. Durch die Operationen "sollte in diesen Fällen die Unruhe verschwinden, aber in keinem einzigen Fall, den ich gefunden habe, hat das auch funktioniert". Stattdessen seien ganz andere Störungen aufgetreten.

Erst verhaltensauffällig, dann in die Psychiatrie

In einem besonders tragischen Fall, den Sylvia Wagner gefunden hat, musste der Junge letztlich in die Psychiatrie eingewiesen werden. "Das Kind kommt hier in die Einrichtung, weil es verhaltensauffällig ist, dann wird es mit immer mehr Medikamenten ruhiggestellt, in wildesten Kombinationen", sagt Wagner. "Wenn auch das nicht hilft, dann werden noch Versuchspräparate gegeben und dann werden die Kinder zum Schluss noch operiert, das macht einen fassungslos. Es gab einfach keine Grenze."

Rotenburger Werke haben Aufklärung unterstützt

Auch der Geschäftsführerin der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park, war es wichtig, einen Blick in dieses dunkle Kapitel der Einrichtung zu werfen. "Eins wusste ich: Das, was uns da erwartet, wird uns ein Stück beschämt und auch fassungslos zurücklassen", sagte sie im NDR Interview. "Dennoch glaube ich, dass es gerade als diakonische Einrichtung unsere Verpflichtung und Verantwortung ist, sich genau dem zu stellen." Die Arbeit heute sehe ganz anders aus, zum Glück man habe aus den Fehlern gelernt.

Auch andere Einrichtungen mit Vorwürfen konfrontiert

Die Aufklärung in den Rotenburger Werken ist beispielhaft, zumal Sylvia Wagner auch andere Einrichtungen in Niedersachsen gefunden hat, die mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert sind. Wie die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf, damals noch ein Landeskrankenhaus. Das Sozialministerium hat einen Forschungsauftrag an die Robert-Bosch-Stiftung vergeben. Erste Zwischenergebnisse erwartet das Sozialministerium in einigen Wochen. Die Rotenburger Werke machen das Geschehene im eigenen Haus transparent, mit einem Buch, das am Dienstag erscheint. Damit jeder lesen kann, was den Menschen hinter den Akten hier bis Ende der 1970er-Jahre passiert ist.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 04.06.2018 | 19:30 Uhr

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