Stand: 17.07.2019 07:23 Uhr

Kritik an Amazon & Co.: Retouren für den Müll?

von Felix Klabe

Der Protest von Greenpeace in Winsen (Luhe) ist nicht zu übersehen gewesen. Von Sonntagabend bis in die Nacht zu Mittwoch stand ein meterlanger, mannshoher Schriftzug - "Für die Tonne", gebaut aus Lieferkartons - auf dem Dach des Amazon-Lagers. Der Online-Versandhändler hat nach eigenen Angaben bereits Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt. Doch Greenpeace harrte aus auf dem Dach - und will mit seinem Protest "gegen die alltägliche, sinnlose Vernichtung von Neuwaren durch den Onlinehändler" aufmerksam machen.

Greenpeace: "Unverantwortliche Ressourcenverschwendung"

Bereits im vergangenen Jahr hatte ein Fernsehbeitrag des ZDF-Magazins "Frontal 21" für Diskussionen gesorgt, als Mitarbeiter von der Vernichtung tonnenweise funktionstüchtiger Ware erzählten. Nun hat Greenpeace das Thema erneut in die Öffentlichkeit gebracht. Die Umweltschutzaktivisten haben dazu eine bis Dienstagabend gelaufene Rabattaktion von Amazon zum Anlass genommen, auf den Umgang mit Retouren hinzuweisen. Beim vorherigen "Amazon Prime Day" wurden 2017 mehr als 100 Millionen Pakete weltweit verschickt. Laut Greenpeace kamen viele davon als Retoure zurück - und kamen in den Schredder, weil sie offenbar nicht mehr gut genug waren, um in den Wiederverkauf zu gehen. "Eine unverantwortliche Ressourcenverschwendung", sagt Sprecherin Viola Wohlgemut.

Jedes sechste Paket geht zurück

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Der Bamberger Wissenschaftler Björn Asdecker will mit seiner Arbeit die Vernichtung von Waren in der Diskussion einordnen.

Björn Asdecker arbeitet seit Jahren in diesem Feld und leitet die Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. In seinem "Retourentacho", einer wissenschaftlichen Erhebung unter Online-Versandhändlern, schlüsselt er die Zahlen auf - und will damit auch die zum Teil emotional geführte Diskussion um die Vernichtung von Waren einordnen. Demnach ergeben sich für Deutschland 1,84 Milliarden versendete Pakete im Jahr 2018. Jedes sechste ausgelieferte Paket, das entspricht 16,3 Prozent, und jeder achte bestellte Artikel (12,1 Prozent) wurde retourniert. Insgesamt schätzen die Wissenschaftler, wurden rund 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel wieder zurück an den Online-Versandhandel geschickt.

Schreddern für Unternehmen häufig billiger

Dass ein zurückgeschickter Artikel vernichtet wird, hat laut Asdecker verschiedene Gründe. Zum einen sei die rechtliche Komponente. Marken erlauben in vielen Fällen nicht, dass ihre Produkte über einen Händler wieder verkauft werden. Dann sei da noch der Aspekt der Hygiene, so werde gerade im Bereich der Kosmetik viel vernichtet, wenn ein Produkt erst einmal geöffnet gewesen ist. Ein entscheidender Punkt für viele Unternehmer ist allerdings die Wirtschaftlichkeit. Denn aus betriebswirtschaftlicher Sicht rechnet es sich häufig nicht, Artikel wieder aufzubereiten und erneut in den Verkauf zu bringen. "Das Vernichten der Ware ist in einigen Fällen einfach günstiger", sagt Asdecker.

Studie: Knapp 4 Prozent der Retouren werden vernichtet

Eine Retoure bedeutet für einen Anbieter nicht nur einen fehlenden Umsatz, sondern sie verursachten auch Lager- und Personalkosten. Schließlich muss die Retoure geprüft und den Lagerbestand zurückgeführt werden. Asdecker hat in der Erhebung seines Instituts einmal durchgerechnet, was eine Retoure kostet. "Grob spricht man bei einem retournierten Paket von 20 Euro, bei einem einzelnen Artikel von 10 Euro", sagt der Forscher. Seiner Studie nach landen dennoch 79 Prozent der zurückgeschickten Ware als sogenannte A-Ware wieder im Verkauf, also durchaus der Großteil. 13 Prozent gehen als reduzierte B-Ware an den Kunden, rund 3,9 Prozent werden Asdecker zufolge vernichtet.

Schafft Amazon falsche Anreize?

Diese Vernichtung bietet Amazon etwa kleineren Händlern, die die Amazon-Infrastruktur wie Lager und Versand nutzen, direkt mit an. Das heißt, schickt ein Kunde Ware zurück an Amazon, kontaktiert Amazon den Händler und fragt, wie mit der retournierten Ware umzugehen sei. Dabei gebe es zwei Optionen, erklärt Asdecker: Entweder der Händler lässt sich die Waren schicken und schaut selbst, wie er sie lagert, aufbereitet und wieder an den Kunden bekommt. "Oder aber er lässt sie direkt durch Amazon vernichten", sagt Asdecker. Dabei stelle Amazon dem Händler für den Versand zu ihm rund 35 Cent in Rechnung, für die Vernichtung zehn Cent weniger. "An dieser Stelle müsste Amazon nachjustieren", sagt der Forscher. "Das ist ein falscher Anreiz, das könnte man dem Unternehmen vorhalten."

Amazon spendet Waren

Generell habe Amazon aber sein System recht gut optimiert, sagt Asdecker. Die meiste retournierte Ware gehe wieder in den direkten Verkauf zurück, Waren mit kleinen Schäden werde reduziert im sogenannten Warehouse verkauft, weitere Retouren würden gespendet. "Wir kooperieren mit der gemeinnützigen Plattform Innatura, die Sachspenden an karitative Organisationen vermittelt und die wir seit 2013 als Gründungspartner unterstützen", heißt es direkt bei Amazon. Auf diesem Wege hätten mehr als 1.000 soziale Organisationen Amazon-Spenden erhalten und rund 450.000 bedürftige Menschen davon profitiert, sagt Sprecher Stephan Eichenseher.

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Greenpeace: Retouren werden mehr

Wie viel Ware von Amazon tatsächlich zerstört wird, kann das Unternehmen allerdings nicht sagen. Greenpeace geht davon aus, dass es mehr wird. Denn Einkaufen und Retouren schicken soll bei Amazon noch einfacher werden, damit die Kunden noch mehr kaufen, sagt Greenpeace. Das bedeute aber auch noch mehr Retouren mit Neuware, die einfach zerstört wird und auf dem Müll landet, heißt es bei den Umweltaktivisten.

Asdecker: Rücksendegebühr einführen

Für Forscher Asdecker gibt es nur einen einzigen Hebel, um die steigende Zahl der Retouren und die anschließende Vernichtung in den Griff zu kriegen. "Es müsste eine gesetzlich festgesetzte Rücksendegebühr geben", sagt er. Diese müsse nicht hoch sein, einen Euro pro Rücksendung vielleicht. Das könnte schon reichen, um die Kunden vom Bestellen abzuhalten. Sie wurden in den vergangenen Jahrzehnten zu einem bestimmten Bestell- und Rückgabeverhalten auch erzogen von den Unternehmen. "Nehmen wir nur Zalando, bei denen man 100 Tage Rückgaberecht hat, das gibt es bei unseren Nachbarn nicht." Die Österreicher haben zum Beispiel nur 30 Tage Zeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 17.07.2019 | 06:30 Uhr

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