Stand: 21.02.2020 06:50 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

KZ-Gedenkstätte: Unterlüß will sich erinnern

Die Mitglieder einer Bürgerinitiative (v.l. Peter Buttgereit, Monika Oetke, Hendrik Altmann, Elke von Meding, Peter Heine) planen eine Gedenkstätte für KZ-Zwangsarbeiter in Unterlüß.

Auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert in dem kleinen Ort Unterlüß (Landkreis Celle) nichts an die rund 5.000 Zwangsarbeiter, die dort 1945 auf über 20 Lager verteilt gewesen sind. Eines der Lager war das Tannenberglager, ein Außenlager des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Von diesem sind im Wald der Ortschaft immer noch Überreste zu finden. Um gegen das Vergessen anzugehen und zum Erinnern aufzurufen, setzt sich seit 2018 eine Bürgerinitiative fürden Bau einer Gedenkstätte in Unterlüß ein. Inzwischen beteiligt sich auch die Gemeinde Südheide, der Unterlüß angehört, an den Plänen der Bürgerinitiative. Die Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, die AG Bergen-Belsen e.V. und die Firma Rheinmetall unterstützen ebenfalls den Vorstoß und planen mit. Die Gedenkstätte soll noch in diesem Jahr errichtet und eingeweiht werden.

NS-Zwangsarbeiter: Gedenkstätte in Unterlüß?

Hallo Niedersachsen -

Dass es NS-Zwangsarbeiter in Unterlüß gab, ist der Gemeinde bekannt. Aber sie sieht sich nicht in der Pflicht, darauf hinzuweisen. Eine Bürgerinitiative setzt sich jetzt für eine Gedenkstätte ein.

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Lokalhistoriker wurde auf Lager-Überreste aufmerksam

Hendrik Altmann ist Wirtschaftsjurist in Hannover. In seiner Freizeit arbeitet er als Lokalhistoriker und hat in den vergangenen Jahren zu den Zwangsarbeitern von Unterlüß geforscht. Um Altmann hatte sich die Bürgerinitiative gegründet, nachdem er die Überreste des Tannenberglagers im Wald entdeckt hatte. "Im ersten Moment, in dem ich dort war, war das gar nicht so beeindruckend. Denn ich wusste gar nicht, was das war. Als ich dann gemerkt habe, dass es sich um ein KZ-Außenlager handelt, wurde mir schon mulmig", erzählt Altmann.

Außenlager blieb lange unbeachtet

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Die Reste einer Küchenbaracke erinnern an das Tannenberglager in Unterlüß. Hier wurde bis 1945 zwangsgearbeitet.

Über 70 Jahre blieben die Ruinen des Lagers, unter anderem alte Grundmauern, Fundamente und Keller-Systeme, im Wald unbeachtet. Selbst von der Firma Rheinmetall, die ihr Firmengelände neben dem Waldstück hat und auf dem Firmengelände Munition testet. Rheinmetall war schon zu Kriegszeiten in Unterlüß angesiedelt. Insgesamt verfügte der Landkreis Celle über eine große Rüstungsindustrie, weshalb dort viele Zwangsarbeiter waren. Mit rund 5.000 Zwangsarbeitern waren es in Unterlüß sogar doppelt so viele, wie es Einwohner gab.

Holocaustüberlebende schrieb Brief

Eine Holocaustüberlebende ist Edith Balas. Sie kam 1944 mit 14 Jahren in das Konzentrationslager Auschwitz und wurde einige Wochen später nach Unterlüß gebracht. Dort arbeitete sie mit anderen Zwangsarbeitern im Wald und baute Straßen. Balas erinnert sich noch gut: "Die Arbeit war hart. Von 6 bis 18 Uhr. Manchmal regnete es und wir hatten nur eine Kleidungsschicht." Nach dem Krieg zieht die Überlebende in die USA, heiratet und wird Professorin für Kunstgeschichte in Pittsburgh. 2013 schreibt sie einen Brief an die Menschen in Unterlüß und schildert ihre Erlebnisse. Neben dem Brief schickt Balas einige Exemplare ihrer Biografie für die Unterlüßer Bibliothek mit.

"Ich übermittle den Einwohnern von Unterlüß meine besten Grüße. Ich hoffe, dass unsere gemeinsame Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät und dass Sie unsere Geschichte auch an künftige Generationen weitergeben."

Das sind die letzten Zeilen aus dem Brief von Edith Balas an die Menschen in Unterlüß.

Weitere Informationen

Erinnern in Unterlüß: Vom Kriegsende bis heute

19.02.2020 17:00 Uhr

Was hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Unterlüß (Landkreis Celle) getan? Eine Chronik über Zwangsarbeit und Erinnerungskultur zwischen 1944 und 2020. mehr

Die Antwort lässt auf sich warten

Der Brief von Balas wurde wie von ihr gewünscht von der Gemeinde Südheide veröffentlicht. Eine Antwort auf ihr Schreiben erhält die Zeitzeugin aber erst 2019 vom ehrenamtlichen Bürgermeister von Unterlüß, Kurt Wilks - also erst sechs Jahre später. Für Südheides Bürgermeister Axel Flader (CDU) sei die Antwort auf den Brief spät erfolgt. Aber soweit er sich erinnere, sei der Brief auch nur "eine einseitige Bitte" zur Veröffentlichung gewesen. Zudem betont Flader, dass man für die Erinnerungskultur alles tue, was möglich sei. Darüber hinaus sei in Unterlüß nichts unter den Teppich gekehrt worden. So habe die Gemeinde die Lager 2002 in einer Ortschronik thematisiert.

Wer ist für die Erinnerungsarbeit verantwortlich?

2018 habe die Gemeinde das Innenministerium um Hilfe gebeten, weil sie die Aufarbeitung nicht stemmen könne. Das Niedersächsische Innenministerium verwies daraufhin auf das Kultusministerium. Das wiederum äußerte schriftlich, dass die Erinnerungsarbeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch Aufgabe der Gemeinden sei.

Gedenkstein schon einmal zerstört

Lokalhistoriker Altmann sagt: Es steht inzwischen fest, dass eine Gedenkstätte errichtet werden soll. Wie lange die Gedenkstätte bestehen würde, ist aber unklar. Ein im vergangenen September von Demonstranten aufgestellter Gedenkstein wurde nur wenige Tage später von Unbekannten zerstört.

Hintergrund

Die letzten Tage des KZ Bergen-Belsen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 19.02.2020 | 17:00 Uhr

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