Stand: 26.06.2017 21:46 Uhr

Hurricane 2017 in Scheeßel: Oh du Matschiges

von Tino Nowitzki

"Wattwanderungen hier": Wenn ein Satz beim diesjährigen Hurricane die Runde gemacht hat, dann dieser. Vorzugsweise auf Pappschilder gekritzelt und in den aufgeweichten Boden auf den Campingplatz gepflockt. Zwar war das Wetter nicht ganz so übel wie im Vorjahr und niemand musste mit dem Schlauchboot von Zelt zu Zelt paddeln. Dank eines Regengottes, der das Festival nie so richtig aus seinem Griff lassen wollte, war spätestens am Sonnabend aber wieder Schlamm-Alarm angesagt: Schlamm vor dem Zelt, Schlamm im Zelt, Schlamm am Schuh, Schlamm im Gesicht. Mancher Besucher hat daraus gleich einen neuen Trend kreiert: das Schlamm-Tattoo. Ein Smiley, der eigene Name - alles geht.

Gute Laune trotz Schlamm

Und irgendwie ist dieser gelassene Umgang mit den Naturgewalten symptomatisch für das Hurricane 2017. Verregnete Gesichter und traurige Mienen? Absolute Fehlanzeige! Stattdessen schlitterten die knapp 78.000 Besucher auf dem Scheeßeler Acker ausgelassen von einem musikalischen Act zum anderen: elegant-tänzerisch, unsicher-wackelig oder cool-surfend. Schon mittags standen die Ersten dann vor der Bühne. Gerade die kleineren Acts, wie die kanadische Band "The Dirty Nil" oder die Rocker von "Smile and Burn" wird es gefreut haben. Bei letzteren tobten sich ein paar Hundert Festival-Gänger schon mittags den Kater aus den Knochen.

Straffes Musik-Programm

Durchschnaufen war schwierig: Das Musik-Programm zog sich bis zum Abend schließlich straff durch. Drei Tage lang. Auf vier Bühnen. Von pumpenden Electrobeats, wie von "Die Antwoord", Party-Pop à la "SDP" über die gebellten Stakkato-Raps von "SSIO" oder "SXTN", bis zu den krachenden Gitarrenriffs von "A Day To Remember", "Blink 182" oder "Linkin Park". Das Ergebnis von so viel Genre-Vielfalt: Das Hurricane war erneut bis auf die letzte Karte ausverkauft.

Hurricane, ein Matschmärchen

Wildschwein-Burger und Elch-Kebap

Zur Stärkung zwischen den Bands gab es ein Sammelsurium an teils exotischen Imbiss-Ständen. Ein Lachs-Döner gefällig? Oder wie wär`s mit einem Wildschwein-Burger? Nein? Ein Elch-Kebap vielleicht? Ach, du bist Vegetarier? Es gäbe noch brasilianisches Acai-Beeren-Sorbet oder einen fleischlosen Taco. Manch einer wird beim Anblick einer stinknormalen Pommes-Bude wohl einen Jubel-Schrei gen Himmel geschickt haben. Nicht unwahrscheinlich, dass der vom christlichen Info-Stand "Point of Return" aufgenommen wurde. Gleich neben den Camping-Plätzen positioniert, kamen viele neugierige Festival-Besucher mit den Missionaren ins Gespräch. Manch einer kam beseelt wieder heraus, andere liefen kopfschüttelnd weiter. Besonders Wein-Launige riefen beim Zelt-Gottesdienst der Christen am Sonntagmorgen noch ein kräftiges "Hallelujah!" herüber.

2.500 Einsätze - und trotzdem gelassen

Für alle Hilfen sonstiger Art schwirrte beim Hurricane - oft unbemerkt von den Besuchern - ein Bataillon an Helfern herum: Rund 800 Sanitäter, die trotz 2.500 Einsätzen ein "fast schon langweiliges" Festival bilanzierten, Sicherheitskräfte, deren verschärfte Kontrollen ziemlich gelassen hingenommen wurden und zum Teil schwer bewaffnete Polizisten, die aber auch scheinbar untätig in der Gegend herum standen. Gut, einmal wurde Kristian K. vermisst und auf dem gesamten Gelände eifrig gesucht. Ziemlich fix meldete der sich aber und signalisierte: Alles gut. Ob er hinter dem Getränke-Stand eingeschlafen war oder anderweitig verschütt ging - es bleibt Kristians Geheimnis.

"Viva Con Agua" und Spenden an Afrika

Apropos Müll: Trotz eines ausgeklügelten Recycling-Systems mit großen Müllstationen, Pfand-Automaten am Festival-Supermarkt und so pfiffigen Aktionen, wie "Viva Con Agua", bei der Festival-Besucher ihre leeren Pfand-Becher für Wasserprojekte in Afrika spenden konnten - auf den Zeltplätzen sah es teils wüst aus: Bierdosen, die teils dekorativ, teils gedankenlos um die Zelte positioniert wurden, leere Chips-Tüten, durchgesessene Campingstühle, sogar ausgelatschte Schuhe ragten aus dem Schlamm. Dementsprechend lange werden noch die Aufräum-Arbeiten dauern.

Kartenvorverkauf für 2018 startet

Das größte Problem laut Veranstalter: zurückgelassene Zelte und Schlafsäcke. Doch auch das gehört zu so einem Mega-Festival eben dazu. Ein Jahr haben die Äcker bei Scheeßel nun Zeit, sich wieder von den Menschen-Massen zu erholen. Obwohl auf dem Festival Gerüchte kursierten, dass das ganze Gewusel und Getrampel sogar gut für den Boden sei. Klar bleibt: Es wird ein nächstes Hurricane geben. Schon am Montag startet dafür der Kartenvorverkauf. Auch diesmal kommt mit der Karte die Regen- und Schlamm-Wahrscheinlichkeit frei Haus. Aber bei der Mutter aller Festivals, dem Woodstock 1969, war es ja auch nicht anders. Und so sagt deswegen der erfahrene Scheeßel-Besucher: Was wäre ein Hurricane ohne?

Weitere Informationen
mit Video

Hurricane 2017 - Das Festival-Blog

Drei Tage Rock in der Heide - das ist das Hurricane Festival in Scheeßel. Wettertechnisch gab es wie immer einige Höhen und viele Tiefen. Die NDR.de Reporter berichten im Blog. (26.06.2017) mehr

7 Bilder

Und wie steht's um die Körperhygiene?

Fettige Haare? Dreckige Füße? Gehören zum Festival wohl irgendwie dazu. Aber ein bisschen was dagegen tun kann man ja schon. Und so herrscht reger Andrang auf den Campingplatz-Toiletten. (25.06.2017) Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 26.06.2017 | 08:30 Uhr

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