Stand: 21.02.2018 16:25 Uhr

Holocaust-Nachfahren verklagen Stadt Lüneburg

Wo endet Gedenken? Wo beginnt Verherrlichung? Genau um diese Frage wird derzeit in Lüneburg heftig gestritten. Der im wahrsten Sinne des Wortes Stein des Anstoßes: Ein steinernes Ehrenmal für eine Wehrmachts-Einheit. Angehörige von Holocaust-Opfern fühlen sich und ihre Familien durch das Monument verhöhnt. Sie klagen nun darauf, dass es verhüllt wird.

Schwerste Verbrechen der Wehrmacht

Auf dem Stein wird der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der 110. Infanterie-Division gedacht. Die Einheit wurde in der Kesselschlacht von Minsk fast völlig vernichtet. Zuvor war sie 1944 an Kriegsverbrechen in Weißrussland beteiligt: Die Soldaten ermordeten damals mehr als 9.000 Frauen, Kinder und Kranke im Konzentrationslager Osaritschi - Menschen, die sie in Listen als "unnütze Esser" bezeichneten. Es gilt als schwerstes Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten. Seit 2015 fordern Angehörige von Holocaust-Überlebenden deshalb, den Lüneburger Gedenkstein zu verhüllen. Eine Tafel, die etwas abgelegen vom Stein auf die Gräueltaten der Wehrmacht hinweist, reicht ihnen nicht.

Fachgruppe soll entscheiden

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) hatte eingeräumt, dass der Stein verletzend wirken könne. Er wolle aber nicht allein entscheiden, was mit dem Ehrenmal geschieht. Eine Fachgruppe soll deshalb erarbeiten, wie mit dem Stein umgegangen werden kann. Laut Mädge müsse die aber noch im Kulturausschuss gebildet werden, ein erstes Treffen der Gruppe sei deshalb nicht vor Herbst zu erwarten. Das dauert den Angehörigen der Holocaust-Opfern allerdings zu lange: Mit der Klage gegen die Stadt wollen sie die Verhüllung des Steins deshalb nun rechtlich erzwingen. Auch die Grünen in Lüneburg wollen nicht warten: Am 15. März soll der Kreistag über einen Antrag der Fraktion zur Verhüllung des Steins beraten.

Zusammenhang mit Scharf-Debatte

Der Gedenkstein spielte vor kurzem auch eine Rolle in dem Eklat um einen der ehrenamtlichen Bürgermeister Lüneburgs, Gerhard Scharf (CDU). In einem Youtube-Video eines rechten Bloggers hatte Scharf behauptet, an den Gräueltaten in Weißrussland seien nur wenige Soldaten der 110. Infanterie-Division beteiligt gewesen. Wissenschaftler der Leuphana-Universität wiesen das zurück und warfen Scharf vor, die Taten der Wehrmacht zu verharmlosen. Scharf hatte sich daraufhin für seine Äußerungen entschuldigt - zurücktreten wollte er aber nicht. Aus Protest über das Verhalten des Ehrenbürgermeisters legte daraufhin die Vorsitzende des städtischen Gleichstellungsausschusses, Andrea Amri-Henkel, ihr Amt nieder.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 21.02.2018 | 08:00 Uhr

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