Stand: 15.07.2016 22:15 Uhr

Haben Menschen "Kurti" zum Problem-Wolf gemacht?

von Ulrike Kressel

Ende April wurde erstmals ein Wolf in Deutschland auf Behördenanordnung erschossen. Nach Ansicht des niedersächsischen Umweltministeriums sei das Tier für Menschen eine Gefahr gewesen. Der zweijährige Wolfsrüde mit der wissenschaftlichen Kennung MT6 , der in den sozialen Medien als "Kurti" bekannt wurde, hatte sich wiederholt Menschen bis auf wenige Meter genähert. Zuletzt soll er einen Hund gebissen haben. Das Risiko, dass derartige Nahbegegnungen eines Tages auch für Menschen gefährlich werden könnten, wollte Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) nicht länger eingehen. Er ordnete die Tötung des Wolfes an. Die Frage nach möglichen Ursachen für das eher ungewöhnliche Wolfsverhalten ist bis heute nicht beantwortet. Dabei soll es, wie jetzt gegenüber NDR.de bestätigt wurde, eine Vielzahl von Foto- und Filmaufnahmen geben, die einen Hinweis auf mögliche Gründe geben: Der Wurf aus 2014, aus dem auch der getötete Wolf MT6 stammte, war bereits im Alter von unter einem Jahr an Menschen gewöhnt worden. 

Fotobeweise werden unter Verschluss gehalten

Offenbar existieren Foto- und Filmaufnahmen, die bisher ein wohlgehütetes Geheimnis waren. Zumindest werden sie unter Verschluss gehalten. Aus Gründen des Urheberrechts, so die Begründung vonseiten der Bundesforstbetriebe, denen die Fotos zur Verfügung gestellt wurden. Die Bildautoren seien diejenigen, die einer Veröffentlichung zustimmen müssten, heißt es. Aber es gibt Zeugen, die die Existenz dieser Bilder bestätigen und die beschreiben können, was auf den Fotos zu sehen ist. Sie zeigen Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen des Truppenübungsplatzes, die sich zusammen mit Wölfen haben fotografieren lassen - Förster, Soldaten und Feuerwehrleute.

Wolf "Punkti"  ist eines der tierischen  Fotomodelle                                                     

Unter dem Namen "Punkti" wird bei der Landesjägerschaft einer der Wölfe bei dem Monitoring geführt, der gleich in einer ganzen Fotoserie abgelichtet worden sein soll. Den Namen, so Britta Habbe, die ehemalige Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, habe das Tier von denjenigen erhalten, die wohl nicht nur einmal Kontakt mit diesem Tier gehabt haben sollen. "Punkti" ist ein Wurf-Geschwistertier von MT6, geboren im Sommer 2014. Zum Zeitpunkt, als die Fotos entstanden sind, schätzt Habbe das Tier auf ein Alter von acht Monaten. Sie beschreibt ein Foto auf dem "Punkti" gemeinsam mit einem Hund zu sehen sein soll. Ein Hundekopf, formatfüllend in der rechten Bildhälfte. Der Hintergrund ist scharf gestellt. Ungefähr zehn Meter im Hintergrund schaue ein Wolf in die Kamera. Ein anderes Bild, so Habbe, zeige "Punkti" in nahezu der gleichen Entfernung zu einem Menschen, der sich dem Wolf zu Fuß nähert. Darüber hinaus berichtet Habbe von Fotos mit Welpen aus dem Herbst 2014, die sich auf dem Truppenübungsplatz in geringen Distanzen zu Menschen vor ihnen hingelegt haben sollen. Wieder andere Aufnahmen sollen beispielsweise eine Person zeigen, die ein Fahrzeug verlässt, um sich einem Wolf zuzuwenden, der auf einem Weg sitzend in Richtung Auto schaue. Ein anderer Zeuge beschreibt eine Aufnahme aus dem Herbst 2014, auf der ein Wolfswelpe in "Spielhaltung" zu sehen sein soll - im Vordergrund des Fotos eine Person mit Hund.

Vielzahl der Bilder sorgte für Erstaunen

Gezeigt wurden die Bilder von einem Mitarbeiter der Bundesforstbetriebe auf einer Sitzung mit Naturschutzverbänden, Wolfsberatern und der Landesjägerschaft in Oerrel im Heidekreis. Das war bereits im Februar 2015. Dazu eingeladen hatte der damalige Artenschutzreferent des niedersächsischen Umweltministeriums, Konstantin Knorr, der auch selbst an der Sitzung teilnahm. Grund des Treffens: Das Umweltministerium wollte sich einen Überblick über die Wolfssituation in der Region verschaffen, so Habbe, nachdem sich Anfang 2015 Meldungen aus der Bevölkerung zu Nahkontakten mit Wölfen gehäuft hatten. Die Präsentation der oben beschriebenen  Fotos überraschte viele Teilnehmer, sagt Habbe: "Es hat alle verwundert, dass derartige Bilder überhaupt existieren und vorher kein Wort darüber verloren wurde, zu welchen Situationen es auf dem Truppenübungsplatz gekommen war", sagt sie. Das umfangreiche Fotomaterial erstaunte auch viele Wolfsberater.

Fehlendes Problembewusstsein

Dass die Foto- und Filmaufnahmen bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt waren, liege offenbar daran, dass der betreffende Mitarbeiter der Bundesforstbetriebe die Nachweise über die Nahbegegnungen nicht weitergeleitet habe, so die allgemeine Vermutung. "Offensichtlich hat hier einem Verantwortlichen das Wissen und Problembewusstsein für derartige Begegnungen gefehlt", so ein Wolfsberater. Der Mitarbeiter der Bundesforstbetriebe hingegen macht deutlich, dass er einen Teil der Bilder erst unmittelbar vor der Sitzung beziehungsweise die Erlaubnis diese zu zeigen erhalten habe. Die Mehrzahl der in Oerrel gezeigten Bilder, schreibt er in einer Stellungnahme, hatte er bis dahin selbst nicht gekannt. Kritiker werfen den Verantwortlichen dennoch vor, dass in der Zeit des Heranwachsens der Wölfe Distanzlosigkeiten von Menschen gegenüber Wölfen toleriert wurden. Monate später habe die Bevölkerung die Folgen dessen auszuhalten gehabt, sagte ein Wolfsberater. Folgen wie die, dass Bürger immer häufiger Wölfen gegenüber gestanden haben, die kaum noch Scheu vor Menschen hatten. Mit dem  Wissen um die Ereignisse auf dem Truppenübungsplatz  wäre eine ganz andere Beurteilung des Verhaltens der Munsteraner Wölfe möglich gewesen, ist sich Habbe sicher. Und sie kritisiert, dass bis heute nur einige wenige Bilder der vorgestellten Aufnahmen der Landesjägerschaft  für das Monitoring zur Verfügung gestellt wurden. Alle anderen Nachweise, die die Nahbegegnungen auf dem Truppenübungsplatz belegen könnten, liegen auch der Landesjägerschaft im Monitoring nicht vor, so Habbe.      

Umweltministerium schweigt zu den  Ereignissen             

In der Folge zunehmender Wolfbegegnungen mit der Bevölkerung aus umliegenden Dörfern hatte das Umweltministerium zu Pressegesprächen und einem Bürgerdialog in Munster eingeladen. Es informierte über die Besenderung zweier Wölfe und einer intensiven Überwachung der Tiere. Es verschwieg aber die Ereignisse vom Truppenübungsplatz  als mögliche Erklärung für das auffällige Verhalten der Munsteraner Wölfe. Statt die Bevölkerung über die Fakten zu informieren, betonten die Verantwortlichen mehrfach, es gebe keine Erkenntnisse über Ursachen des ungewöhnlichen Verhaltens der Munsteraner Wölfe. Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Vorgehen hakte NDR.de nach, wollte wissen, ob den verantwortlichen Stellen die Inhalte der gezeigten Fotos überhaupt bekannt seien. Die Antwort: "... welche Aufnahmen bei welcher Gelegenheit gezeigt wurden, lässt sich für uns nicht nachvollziehen", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Mehrfach fragte NDR.de nach einer Bewertung der konkreten Vorfälle. Doch auch die blieb aus.

Kritik von der Opposition

Auf zahlreiche Nachfragen bei der Landespressekonferenz am Freitag erklärt Dunja Rose, Sprecherin des Umweltministeriums, die Bilder seien den eigenen Montoring-Experten bekannt. Ihre Weitergabe weder an die allgemeine Öffentlichkeit noch an andere Fachleute sei aber aus Gründen des Urheberrechts nicht möglich. Was das Verhalten der Soldaten betreffe, habe man "Kontakt zur Kommandantur des Truppenübungsplatzes Munster aufgenommen". Auch sei der Kontakt und der Austausch mit den betroffenen Bundes- und Landesforsten "intensiviert" worden. Der CDU-Landtagsabgeordnete Ernst-Ingolf Angermann kritisiert die Informationspolitik des Ministeriums: "Es kann nicht sein, dass der zuständige Minister Wenzel die Öffentlichkeit über Monate mit Mutmaßungen abspeist, während der Beweis längst vorliegt", sagte Angermann. "Offenbar hat Herr Wenzel die Menschen über Monate hinweg bewusst getäuscht, wenn Fragen nach den Ursachen für das untypische Verhalten von Wölfen gegenüber dem Menschen gestellt wurden." Auch der FDP-Politiker Gero Hocker zeigt sich irritiert. "Wenn dem Umweltminister beziehungsweise seinem Haus diese Aufnahmen bekannt gewesen sind, ist das Zögern von Wenzel im Umgang mit dem auffälligen Tier noch unverantwortlicher", sagte Hocker. "Wenzel hat die Menschen in der Region ganz bewusst einer Gefahr ausgesetzt."

Chance zur Aufklärung verpasst

Die vielen Fotos vom Truppenübungsplatz Munster offenbaren einige Erkenntnisse, so Wolfsberater Helge John. "Das waren scheinbar Menschen, die nicht gewusst haben, was sie tun." Von entsprechender Stelle hätte darauf aufmerksam gemacht werden müssen, dass dieses Verhalten zu Problemen führen könnte. Der Moment einzuschreiten sei versäumt worden, sagt er. Wolfsberater Kollege Theo Grüntjens hätte sich gewünscht, die Munsteraner Wölfe unmittelbar am sogenannten Rendezvous-Platz zu vergrämen. "Auch wenn sich die Wölfe selber nicht falsch verhalten haben, lernen sie aus einer Kombination von vielen menschlichen Nahbegegnungen, dass Menschen zum wölfischen Leben dazu gehören, Menschen keinerlei Gefahr darstellen", so Grüntjens. Britta Habbe ergänzt, eine Vergrämung direkt auf dem Platz hätte nicht geschadet, im Zweifel aber Probleme verhindern können. So hätte sie sich beispielsweise auch vorstellen können, den Bereich um den Rendezvous-Platz abzusperren, damit die Wölfe in Ruhe aufwachsen können. Bereits im März 2015 machte Tierfilmer und Biologe Sebastian Koerner aus der Lausitz in Sachsen bei einer Info-Veranstaltung in Bleckede im Landkreis Lüneburg darauf aufmerksam, dass die Munsteraner Wölfe unmittelbar dort aufwachsen, wo sich viele Soldaten aufhalten würden. Eine derartige Nähe zu Menschen habe er außer in Munster noch bei keinem der Wolfsrudel beobachtet, die auf Truppenübungsplätzen in Deutschland leben, sagte er. Wolfsberater Klaus Bullerjahn verweist auf eine wissenschaftliche Studie, in der es heißt: "Habituierung (Gewöhnung) ist die Folge wiederholter, konsequenzloser Wolf-Mensch-Begegnungen ..."  Zumal in den konkreten Fällen, so Bullerjahn, die Nähe zu den Wölfen toleriert und dem Anschein nach weiter verringert wurde, sagt er. Die Munsteraner Wölfe, sagt er, seien per se nicht anders als andere Wölfe, Menschen hätten sie zu dem gemacht, was sie in Einzelfällen geworden seien. Wenig scheue Wölfe, die an Menschen gewöhnt wurden.

Für Wolf MT 6 zu spät

Nachdem MT6 getötet worden war, erklärte Umweltminister Wenzel im Niedersächsischen Landtag: "... Gewöhnung an den Menschen entsteht nicht nur über Futter. Das Internet ist voll von Filmsequenzen und Fotos auf denen zu erkennen ist, dass sich Menschen längere Zeit in der Nähe von freilebenden Wölfen aufgehalten, vielfach sich diesen auch aktiv genähert haben ...".  Im Nachsatz dazu fordert Wenzel die Menschen auf, sich Wölfen nicht aktiv zu nähern, nur um etwa ein noch besseres Foto zu bekommen. Fahrzeuge sollten bei Antreffen eines Wolfes deshalb auch nicht verlassen werden. Wenzel bezieht sich damit auf die vielen Foto- und Filmaufnahmen, die in den Monaten vor der Tötung des Wolfes zu sehen waren und von Bürgern auch außerhalb des Truppenübungsplatzes gemacht wurden. Nicht erwähnt werden alle die Fotos, die auf dem Truppenübungsplatz entstanden sind, über deren Existenz offenbar weiterhin nur ungern gesprochen wird.

Weitere Informationen
Ein Wolfsrudel mit fünf Jungen ist in der Göhrde, Landkreis Lüchow-Dannenberg, zu sehen. © Landesjägerschaft Niedersachsen

Chronologie: Wölfe in Niedersachsen (ab 2015)

Wölfe breiten sich in Niedersachsen aus. Die Zahl der Nutztierrisse steigt - aber mittlerweile auch die Abschüsse. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 14.07.2016 | 14:30 Uhr

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