Stand: 12.07.2019 06:50 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

"Göhrde-Morde" 1989: Zeugen erinnern sich

von Björn Ahrend
Das Polizeifoto zeigt die 45-jährige Ursula R. und ihren 52-jährigen Ehemann, die in einem Waldgebiet bei Göhrde (Niedersachsen) im Juni 1989 ermordet wurden. © dpa-Bildfunk
Das Verbrechen, bei dem Ursula (links) und Peter Reinold aus Hamburg 1989 getötet wurden, war vermutlich der Auftakt der Serie, die unter dem Namen "Göhrde-Morde" bekannt ist.

Es war nur ein kurzer Plausch im Wald, doch Elke Vogt aus Dannenberg (Landkreis Lüchow-Dannenberg) kann sich auch 30 Jahre später noch genau daran erinnern. Mit einer Reitkameradin war sie Ende Mai 1989 in der Göhrde unterwegs. Auf einem schmalen Reit-Trail trafen die beiden ein Ehepaar. "Sie hatte einen Korb am Arm und wir scherzten: 'Fürs Pilzesammeln ist es aber noch ein bisschen früh.' Und die Frau sagte: 'Nein, nein, da ist unser Picknick drin'", erzählt die heute 76-Jährige. "Dann verabschiedeten wir uns und ritten weiter. Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht."

"Göhrde-Morde": Zeugin erkennt erste Opfer in der Zeitung

Sieben Wochen später, am 12. Juli 1989, finden Beerensammler die Leichen des Ehepaares Ursula und Peter Reinold aus Hamburg-Bergedorf, das in den Staatsforst Göhrde östlich von Lüneburg zum Picknick gefahren war. Die Körper sind bereits stark verwest. Es wird angenommen, dass die ersten der sogenannten Göhrde-Morde an dem Tag begangen wurden, als Elke Vogt und ihre Reitkameradin das Ehepaar trafen. Vogt, die die beiden an Hand der Beschreibung in der Zeitung erkannt hatte, geht zur Polizei - und hat selbst Angst: "Dass wir vielleicht die letzten waren, die die beiden lebend gesprochen haben - da läuft es mir bis heute kalt den Rücken runter."

Ein DNA-Treffer führt zum mutmaßlichen Serienmörder

Was sie bis heute umtreibt: Der Ort, an dem sie die späteren Opfer getroffen haben will, liegt knapp zehn Kilometer von dem Fundort der Leichen entfernt. Wurden die beiden woanders ermordet und dann dorthin transportiert - oder zunächst lebend verschleppt? Die Polizei Lüneburg will auch 30 Jahre später nichts ausschließen, im April 2019 befragt sie Elke Vogt erneut. Auch wenn die Ermittler seit einem DNA-Treffer zwei Jahren zuvor davon ausgehen, dass Kurt-Werner Wichmann für die Morde an Ursula und Peter Reinold, einen weiteren Doppelmord in der Göhrde sowie den Mord an einer Frau in Lüneburg verantwortlich ist - noch ist vieles ungeklärt. Dazu zählen der genaue Ablauf der Taten sowie die Fragen, ob Wichmann einen Mittäter hatte - und ob er noch viel mehr Taten begangen hat.

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Göhrde-Morde: Wer kennt diese Gegenstände?

Auf der Internet der Polizeidirektion Lüneburg sind Bilder der sichergestellten Asservaten im Fall Wichmann aufgelistet. extern

Polizei bittet um Hinweise zu mehr als 400 Gegenständen

Ihn selbst befragen können die Ermittler nicht mehr: Wichmann hat sich 1993 erhängt. Weitere Erkenntnisse erhofft sich die Polizei nun von mehr als 400 Gegenständen, die sie im vergangenen Frühjahr bei einer Durchsuchung von Wichmanns früherem Grundstück gesichert hat: Darunter mehrere Paare Damenschuhe, Messer, ein Beil und Munition. "Noch sind nicht alle Asservate vom Landeskriminalamt untersucht worden, aber wir hoffen darauf, dass sich auf einigen davon Fasern finden vom früheren Besitzer", sagt Mattias Fossenberger von der Polizeidirektion Lüneburg. Außerdem setzen die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung. Im Mai 2019 veröffentlichen sie Fotos der Asservate im Internet - allein an den ersten beiden Tagen wird die Seite von rund 22.500 Menschen aufgerufen. Zwei neue Spuren ergeben sich daraus zunächst. Möglicherweise stehe eines der gefunden Messer mit einem weiteren Tötungsdelikt in Verbindung, sagt Fossenberger.

Staatsforst Göhrde: Ruf eines "Todeswaldes" bleibt

Auch wenn die Ausbeute mager klingt, ermittelt die Polizei zunächst weiter. Auch um den Angehörigen, "wenn schon keinen Trost, so doch zumindest Gewissheit zu geben", wie Fossenberger es nennt. Auch Elke Vogt verfolgt den Kriminalfall weiter, sammelt Zeitungsartikel, recherchiert im Internet. Die Taten ließen viele Menschen in der Region bis heute nicht los, so die 76-Jährige. "Die Göhrde ist ja eigentlich wunderschön. Doch den Ruf eines 'Totenwaldes' ist sie immer noch nicht los."

Weitere Informationen
Polizisten suchen nach Spuren in einem Wald. © NDR

"Göhrde-Morde": Intensive Ermittlungen vor dem Aus

In den Ermittlungen zu den "Göhrde-Morden" gibt es bislang keine Fortschritte. Bleibt das so, wird das Fahnder-Team im Laufe des Jahres aufgelöst - und der Fall ein "cold case". (08.01.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 11.07.2019 | 19:30 Uhr

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