Stand: 28.12.2017 19:29 Uhr

"Göhrde-Mörder" für weitere Taten verantwortlich?

Nach fast 30 Jahren sind zwei Doppelmorde im Staatsforst Göhrde bei Lüneburg und der Mord an einer 41-Jährigen offenbar aufgeklärt. Gleichzeitig werfen die Fälle noch viele Fragen auf. Sicher ist wohl: Verantwortlich für den Tod der zwei Frauen und zwei Männer in der Göhrde ist der inzwischen verstorbene Friedhofsgärtner Kurt-Werner W. Die 41-jährige Birgit M. soll er im gleichen Sommer getötet haben. Der Nachweis ist den Ermittlern nach NDR Informationen durch die Analyse neuer DNA-Spuren sowie eines Blutstropfens auf einem Paar Handschellen gelungen.

Bruder von Birgit M. ermittelte privat

Seit 1993 lagerten die Handschellen aus dem Besitz des Gärtners in der Asservatenkammer des Landeskriminalamts. Sie wurden in einem versteckten Raum im Haus des Tatverdächtigen gefunden und erst 2016 analysiert - dabei wurde Blut der 1989 verschwundenen Unternehmergattin Birgit M. gefunden, die mit dem Gärtner persönlich bekannt war. Die neuen Ermittlungen maßgeblich angestoßen hatte der ehemalige Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff, der Bruder von Birgit M. Im September 2017 fand eine von ihm geleitete private Ermittlergruppe die Leiche der Frau unter der Garage des Gärtners am Lüneburger Stadtrand. Die längst bekannte Handschelle konnte mit der DNA der Leiche verglichen und der verstorbene Gärtner so mit hoher Wahrscheinlichkeit als Täter identifiziert werden. Sobald das schriftliche Obduktionsgutachten vorliege, heißt es von der Polizei, könne man von Gewissheit sprechen.

Die Geschichte einer brutalen Mordserie

DNA-Spur als Verbindung zu den "Göhrde-Morden"

Das wirklich Neue an den jetzt veröffentlichten Erkenntnissen ist aber eine nicht näher benannte DNA-Spur, durch die der Tatverdächtige nun erstmals direkt mit den "Göhrde-Morden" in Verbindung gebracht werden kann. Staatsanwaltschaft und Polizei Lüneburg bestätigten einen entsprechenden Bericht der Lüneburger "Landeszeitung". Die Polizei weiß nun, dass der Verdächtige zumindest in einem der beiden Fälle im Auto der Opfer war. Das beweise eine DNA-Spur aus dem Fahrzeug. Dazu, welchem der Paare das betreffende Auto gehörte und um was für eine Spur es sich handelt, will Polizeisprecher Mathias Fossenberger im NDR Interview "aus ermittlungstaktischen Gründen" nichts sagen. Es handele sich aber nicht um zwei Haare, die lange als relevant für die Aufklärung eingeschätzt wurden. Die jetzt veröffentlichten Erkenntnisse stammen aus einer gänzlich anderen Quelle: "Die Haare spielen keine Rolle", sagte Fossenberger zu NDR.de.

Zwei Paare bei Waldausflügen ermordet

Am 21. Mai 1989 war ein Ehepaar, Ausflügler aus Hamburg-Bergedorf, in der Göhrde auf brutale Art umgebracht worden. Die entkleideten und bereits stark verwesten Leichen wurden am 12. Juli gefunden. An eben diesem Tag, dem 12. Juli, wurden zwei Liebende ermordet, die für ein heimliches Treffen aus Bad Bevensen in den Staatsforst gekommen waren. Dass beide anderweitig verheiratet waren, gab damals Anlass für wilde Spekulationen. Auch hier hält die Polizei den Gärtner für den Täter.

Ein Mann mit brutaler Vorgeschichte

Was ist über den mutmaßlichen Mörder bekannt? Kurt-Werner W. stammte aus Vrestorf, das liegt zwischen Bardowick und Adendorf, nördlich von Lüneburg. Er hat damals als Friedhofsgärtner gearbeitet, aber auch als normaler Gärtner. Anfang der 70er-Jahre lebte er in Süddeutschland, dort vergewaltigte er eine Radfahrerin und bedrohte sie mit einer Waffe. Er wurde schließlich wegen dieser und weiterer Straftaten verurteilt und kam 1975 wieder aus der Haft. Drei Jahre später zog er zurück in seine Heimatregion Lüneburg.

Suizid in Untersuchungshaft

Dort geschahen 1989 die furchtbaren Morde. Wegen des Verschwindens von Birgit M. im selben Zeitraum wurde auch W., der in der Nachbarschaft wohnte, vernommen. Er gab an, zur fraglichen Zeit auf der Arbeit gewesen zu sein. Die Ermittler überprüften das Alibi nicht - dabei sei er in Wahrheit krankgeschrieben gewesen, berichtete die "Zeit". Erst 1993 wurde er erneut befragt, sein Haus durchsucht, zahlreiche Waffen gefunden. Der Verdächtige floh, wurde aber in Süddeutschland festgenommen. Er kam in Untersuchungshaft und nahm sich dort 1993 das Leben. Polizeipsychologen erstellten zu den "Göhrde-Morden" ein Täterprofil, in dem Begriffe wie "aggressiv", "gefühlskalt", "psychisch krank" und "sexuell gestört" auftauchen. Oberflächlich betrachtet könnten einige zu dem Gärtner passen. Dennoch: Fest steht nicht einmal, ob die Göhrde-Opfer tatsächlich sexuell missbraucht wurden. Teilweise waren die Leichen so stark verwest, dass man das nicht mehr hätte erkennen können.

Weitere Informationen

Wolfgang Sielaff: "Es ist eine Genugtuung"

Zu den Opfern des "Göhrde-Mörders" gehörte Birgit M., die Schwester des ehemaligen Hamburger LKA-Chefs, der privat ermittelte. Wolfgang Sielaff spricht über Hartnäckigkeit, Trauer und Erleichterung. mehr

Hat der Verdächtige weitere Morde verübt?

Der Polizei zufolge fanden sich zudem bei einer Durchsuchung bei dem Friedhofsgärtner Videoaufzeichnungen von Fernsehsendungen über die "Göhrde-Morde" und die verschwundene Birgit M. sowie Bildschirmtext-Auszüge mit aufgelisteten Namen mit Bezug zu einem der Opfer der "Göhrde-Morde". Die Ermittler halten es nach eigenen Angaben für wahrscheinlich, dass der Mann für weitere Morde verantwortlich war. Warum, sagen sie nicht. Künftig solle in Lüneburg eine Clearingstelle eingerichtet werden, die bundesweit andere Taten auf Bezüge zu den "Göhrde-Morden" untersucht.

Ex-LKA-Mann Sielaff, der gemeinsam mit anderen pensionierten Kriminalisten recherchiert und ermittelt hat, kommt auf 21 ungeklärte Mordfälle rund um Lüneburg, die zu W.s mutmaßlicher Vorgehensweise und zu seinem jeweiligen Aufenthaltsort passen. Das berichtet "Zeit online" am Donnerstag.

Polizei vermutet einen Komplizen

Der Verdächtige lebt nicht mehr. Juristisch wäre der Fall eigentlich abgeschlossen, denn gegen Tote wird im deutschen Rechtswesen nicht ermittelt. Die Polizei geht aber davon aus, dass er einen Komplizen hatte, der noch am Leben ist - und sie hat auch einen Mann im Visier, der dieser Mittäter oder Mitwisser sein könnte. Derzeit wird eine DNA-Probe von ihm ausgewertet. Als gefährlich schätzen die Ermittler den Mann aber nicht ein. Sie schreiben ihm allenfalls eine passive Rolle bei den Verbrechen zu. Informationen, wonach der Verdächtige aus dem engeren Umfeld des Friedhofsgärtners kommt, will die Polizei nicht bestätigen.

Weitere Informationen

"Göhrde-Mörder" schon vor Monaten überführt

Die Polizei hat den Täter der "Göhrde-Morde" bereits im Februar eindeutig identifiziert. Aus ermittlungstaktischen Gründen habe man die Erkenntnis erst jetzt bekannt gemacht. mehr

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Hallo Niedersachsen | 28.12.2017 | 19:30 Uhr

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