Stand: 07.08.2015 16:40 Uhr

Fall Drage: War Verschwinden gründlich geplant?

Was ist Ende Juli in Drage im Landkreis Harburg geschehen? Der 41-jährige Marco Schulze ist tot, sprang offenbar in die Elbe, und seine Frau und Tochter sind verschwunden. Mit 25 Ermittlern versucht die Sonderkommission, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Hinweise sind bislang offenbar rar oder verlaufen im Sande. Die Polizei hält sich bedeckt, denn sie geht zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem sogenannten erweiterten Suizid des Mannes aus, doch bewiesen ist dieser nicht. Andere Szenarien sind nicht auszuschließen. Was können die Ermittler jetzt - nach mehr als zwei Wochen intensiver Nachforschung - überhaupt noch tun? "Weiter suchen", sagte der Profiler Axel Petermann, ehemaliger Leiter der Bremer Mordkommission. Seiner Erfahrung nach wählen Täter oft Orte als Verstecke, an denen sie sich gut auskennen.

Orte aus der eigenen Vergangenheit

Natürlich wisse man nicht, ob der Familienvater der Täter sei, betonte Petermann am Donnerstag im Gespräch mit NDR.de. Sollte es aber so sein, dass Mutter und Tochter von einem Dritten getötet wurden, habe dieser die Körper möglicherweise an einer ihm schon lange bekannten Stelle versteckt. "Das könnte zum Beispiel ein Ort sein, an dem derjenige als Kind gewesen ist, wo er sich in gewisser Weise wohlfühlt." Urlaubs- oder Ausflugsziele seien ebenso denkbar wie ehemalige Arbeitsstätten eines Täters. Die Sonderkommission scheint genau diesen Weg zu verfolgen: Unter anderem haben Polizisten eine bei der Familie beliebte Badestelle abgesucht. Um in dem Fall weiterzukommen, müssen die Beamten also wohl noch tiefer in die Geschichte der Familienmitglieder eintauchen.

Suche nach dem Motiv

Die Wohnung, die Handys, die Computer der Familie würden in einem solchen Fall als Erstes untersucht, erklärte Petermann. Dazu gehörten unter anderem Social-Media-Profile oder E-Mails. Mit sämtlichen Kontaktpersonen von Vater, Mutter und Tochter werde gesprochen. Immer mit einer Frage im Hinterkopf: Gibt es ein Motiv? Es gelte herauszufinden, ob Hinweise auf eine mögliche Verzweiflungstat des Vaters existieren. Wer war er, wie war seine berufliche Situation, wie sah es finanziell bei ihm aus, hatte er persönliche Schwierigkeiten, körperliche Probleme, eine Krankheit? Diese und andere Aspekte spielen dem Profiler zufolge bei Ermittlungen dieser Art eine Rolle. Außerdem werde die Ehe so genau wie möglich beleuchtet. Ist es denkbar, dass eine Trennung bevorstand? "Es ist leider so, dass manche Männer sich damit nicht abfinden können, wenn es eine Trennung gegen ihren Willen geben soll", so Petermann. "Dann töten sie den Partner, um ihn zu behalten, zu bewahren, ihn niemand anderem zu gönnen."

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Eine Gruppe von Feuerwehrmännern bei der Suche nach Familie Schulze aus Drage. © NDR Foto: Tabea Tschöpe

Verschollen seit zwei Wochen - ohne jede Spur

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Tötung des Kindes aus Mitleid?

Doch warum sterben bei Familiendramen auch die Kinder? "Wenn der eigene Tod eingeplant ist, kann es sein, dass man sagt: Dann töte ich auch mein Kind, denn es wäre dann alleine", so Petermanns Theorie. "Das traurige Schicksal, das das Kind erwarten könnte, will man verhindern." Was konkret im Fall Drage geschehen ist und welche Hintergründe es gibt, will Petermann aber nicht einschätzen oder bewerten: "Dafür müsste man mehr über diese drei Menschen wissen." Bislang sei ja offenbar nichts bewiesen, "außer, dass es den Freitod des Vaters gibt". Die Sonderkommission hält es allerdings für kaum vorstellbar, dass Mutter und Tochter noch am Leben sind.

Gemeinsame Entscheidung der Eltern nicht ausgeschlossen

Diese Einschätzung teilt auch Kriminologe Christian Pfeiffer. "Wären sie freiwillig irgendwo hingegangen, hätten sie Geld abgehoben, ihre Pässe dabei, Kleidung mitgenommen", sagte er NDR.de am Donnerstag. Nach den Informationen der Polizei habe all das aber nicht stattgefunden. Falls es einen erweiterten Suizid gegeben hat, stelle sich die entscheidende Frage, ob der Vater den Tod der Familie alleine oder gemeinsam mit seiner Frau geplant hat. Letzteres ist Pfeiffer zufolge selten, kommt aber vor. Sollte es allerdings keinerlei Hinweise auf psychische Probleme der Eltern geben, sei die Theorie des alleine handelnden Vaters wahrscheinlicher - und für Familiendramen dieser Art gebe es leider viele Beispiele, so Pfeiffer.

Pfeiffer: Finden einer Leiche kann schwierig sein

Der Vater der Familie wurde den Erkenntnissen der Polizei zufolge als Letzter lebend gesehen. "Das könnte dafür sprechen, dass er auch der letzte Überlebende der Familie war", so Pfeiffer, "und dass es zwischenzeitlich zu einem Tötungsakt gekommen ist - entweder mit Einwilligung der Frau oder ohne." Dass nur der Vater entdeckt wurde, Mutter und Tochter aber nicht auffindbar sind, findet der Kriminologe derweil gar nicht so überraschend. Das Finden einer Leiche sei extrem schwierig und häufig von Zufällen abhängig.

Ziel war es offenbar, vollständig zu verschwinden

Kriminologe Christian Pfeiffer gibt ein Interview. © NDR
Kriminologe Christian Pfeiffer hält es für wahrscheinlich, dass hinter dem Verschwinden der Schulzes ein erweiterter Suizid steht. (Archivbild)

In der Regel aber würden die Opfer von Familiendramen nicht so aufwendig versteckt, wie es hier möglicherweise der Fall war. Häufig würden die Opfer am Tatort zurückgelassen, so Petermann. In diesem Fall sind die potenziellen Opfer jedoch nirgends zu entdecken. Und auch Marco Schulze wollte offenbar niemals gefunden werden: Er warf der Theorie der Polizei zufolge sein Fahrrad in die Elbe und beschwerte sich selbst mit einem großen Betonklotz - um für immer auf dem Grund der Elbe zu versinken? Ein nachvollziehbarer Wunsch, so Pfeiffer: "Ganz zu verschwinden heißt, dass über ihn und das, was er getan hat, keine sichere Aussage möglich ist. Er ist in den Augen der Nachbarn, Freunde, Verwandten nicht einer, der Frau und Tochter getötet hat. Es bleibt alles im Dunkeln." Es sei vorstellbar, dass dies das Ziel des Mannes war: im Unklaren zu lassen, was sich in der Familie abgespielt hat.

Petermann bringt zudem das sogenannte Medea-Syndrom ins Spiel: In der griechischen Sage tötet Medea ihre eigenen Kinder, um sich an deren Vater zu rächen, der sie verlassen hat. "Das Verstecken der toten Ehefrau und der Tochter sowie der 'verdeckte' Suizid durch den Sprung in den Fluss könnten aus Rache gegenüber Angehörigen geschehen und eine besondere Bestrafung des Umfeldes der Opfer sein", erklärte Petermann. Der Täter lasse in einem solchen Fall bewusst alle im Unklaren, damit sie verzweifeln, weil das Schicksal der Menschen ungewiss bleibt und sie keinen Abschied nehmen können.

Vater müsste "gründlich geplant haben"

War es ein erweiterter Suizid des Vaters, müsse diesem in jedem Fall eine gründliche Planung vorausgegangen sein, glaubt Pfeiffer. Eine Tötung aus Verzweiflung könne spontan geschehen sein, doch alles, was danach passiert sei, müsse sorgfältig vorbereitet gewesen sein. Sonst, meint Pfeiffer, hätten die Ermittler irgendwelche Spuren finden müssen. Sollten Mutter und Tochter getötet worden sein, seien sie "sehr effektiv" versteckt worden. Zurzeit aber, betont Pfeiffer ebenso deutlich wie die Polizei, sei all das nur Vermutung. Letztlich seien noch alle Optionen offen - auch die, dass Sylvia Schulze und ihre Tochter Miriam noch leben.

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Polizisten suchen an der Elbe nach der vermissten Mutter und der Tochter der Familie Schulze aus Drage. © NDR Foto: Tabea Tschöpe

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Dieses Thema im Programm:

Regional Lüneburg | 07.08.2015 | 09:30 Uhr

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