Stand: 28.09.2020 08:20 Uhr

Endlagersuche: Fliegt Gorleben von der Liste?

Ein Fahrzeug fährt durch das Erkundungsbergwerk in Gorleben. © picture-alliance / dpa Foto: Hans-Jürgen Wege
Ist der jahrzehntelange Kampf zu Ende? Umweltschützer aus dem Wendland reagieren erst einmal verhalten auf die Nachricht, dass der Salzstock Gorleben als Endlager ausscheiden soll. (Archivbild)

Diese Meldung dürfte im Wendland für Hoffnung sorgen: Der Salzstock in Gorleben scheidet offenbar als Standort für ein atomares Endlager aus. Das berichten mehrere Medien übereinstimmend. Am Sonntagabend hatte die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) in einer Telefonschalte Fraktionen, Landesregierungen und Bundesregierung über ihre Entscheidung informiert. Als Grund für das Ausscheiden Gorlebens nannten Fraktionsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters, dass sich der Salzstock verändert habe und dies weiter tue. Deshalb könne dort kein Müll eingelagert werden. Heute um 10 Uhr will die BGE in Berlin einen Zwischenbericht vorstellen, der mögliche Standorte benennt beziehungsweise ausschließt.

VIDEO: So läuft die Suche nach einem Atommüll-Endlager (7 Min)

BI Lüchow-Dannenberg will Ausschluss "schwarz auf weiß"

Atomkraftgegner aus dem Wendland reagierten am Morgen erst einmal zögernd auf das mutmaßliche Aus für Gorleben. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg zeigte sich gegenüber NDR 1 Niedersachsen verhalten optimistisch. Die Mitglieder sehen ihre sachlichen Argumente bestätigt: Sie hätten ja schon lange darauf hingewiesen, dass der Salzstock unter anderem deshalb nicht infrage komme, weil er sich - über Jahrhunderte betrachtet - bewegt. Sprecher Wolfgang Ehmke sagte dem NDR aber auch, dass er "schwarz auf weiß" sehen will, dass der Salzstock nicht weiter für ein Atommüll-Endlager infrage kommt.

Abgeordneter Miersch sieht "geeignetere Standorte"

Der niedersächsische SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Miersch hatte sich bereits vergangene Woche zuversichtlich gezeigt, dass der Salzstock Gorleben geologisch ungeeignet ist und früher oder später aus dem Verfahren ausscheiden wird. "Ich glaube jedenfalls, dass es geeignetere Standorte gibt", sagte Miersch, der am Standortauswahlgesetz mitgearbeitet hat, im NDR Interview. Weil die Suche dem Prinzip der weißen Landkarte folgen soll, seien aber keine Gebiete von vornherein ausgeschlossen.

Andere Standorte in Niedersachsen möglich

Der Zwischenbericht der BGE weist bundesweit offenbar eine hohe zweistellige Zahl an Gebieten aus, die weiter geprüft werden soll. "Es ist auch wegen der geologischen Struktur davon auszugehen, dass nennenswerte Teile von Niedersachsen dabei sind", sagte Umweltminister Olaf Lies (SPD) im Vorfeld. Auch Atomkraftgegner rechnen damit, dass im Nordosten Niedersachsens mehrere Standorte liegen könnten. Das legten öffentlich zugängliche Geologie-Daten nahe. Nach Angaben der Initiative ".ausgestrahlt" könnte dies zum Beispiel der Salzstock Sumte-Gülze in Amt Neuhaus oder der Salzstock bei Volkwardingen im Heidekreis sein. Zudem rechnen Atomkraftgegner im Emsland damit, dass der Salzstock bei Wippingen benannt wird. In den 1970er-Jahren war der Standort neben Gorleben bereits in die engere Wahl gekommen. In Schleswig-Holstein geht man ebenfalls davon aus, dass dortige Standorte auf der Liste stehen.

Gebiete werden schrittweise ausgeschlossen

Im nächsten Schritt bei der Endlagersuche wird laut BGE weiter sortiert und ausgewählt. Kriterien für mögliche Endlager-Standorte seien etwa, welche Gebiete unter großen Städten oder in Trinkwasserschutzgebieten liegen. Erst wenn weitere günstige und weniger günstige Standorte benannt werden, entscheiden Bundesrat und Bundestag, welche Gebiete übertägig erkundet werden. Anschließend folgt eine untertägige Erkundung. Das Auswahlverfahren ist auf zehn Jahre angelegt. Die Bürger sollen laufend informiert werden.

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NABU kritisiert mangelnde Transparenz

Anti-Atom- und Umweltschutzorganisationen kritisieren allerdings mangelnde Transparenz. "Nur ein völlig transparenter und im Hinblick auf die Bürgerbeteiligung fairer Prozess der Standortsuche wird die zu erwartenden Proteste mildern können", sagte NABU-Vizepräsidentin Petra Wassmann. Besonders in Niedersachsen seien die negativen Erfahrungen groß, sagte sie mit Blick auf Gorleben, die Asse im Landkreis Wolfenbüttel und Schacht Konrad in Salzgitter. Lob für das 2013 neu gestartete Verfahren kommt dagegen von Rebecca Harms. Die ehemalige Europa-Abgeordnete der Grünen und Gründungsmitglied der Bürgerinitiative ist gegen das geplante Endlager in Gorleben. "Es ist ein wirklicher Neuanfang, es ist der erste systematische Vergleich, den die Bundesrepublik macht", sagte Harms.

Weil, Lies und Initiativen kündigen Stellungnahmen an

Nach Bekanntgabe der in der Auswahl stehenden Standorte durch die BGE-Geschäftsführer Stefan Studt und Steffen Kanitz in Berlin will sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zu der Entscheidung äußern. Zudem haben BUND sowie die Initiativen ".ausgestrahlt" und "Umweltschutz Lüchow-Dannenberg" Stellungnahmen angekündigt. Am Nachmittag will auch Umweltminister Lies ein Statement abgeben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 28.09.2020 | 08:00 Uhr

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