Stand: 05.07.2013 21:31 Uhr

Aus für das Erkundungsbergwerk Gorleben?

von Rüdiger Strauch
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Betriebsratschef Peter Ward arbeitet seit 1992 im Salzstock Gorleben.

Das ist die Geschichte einer tiefen Kränkung, einer seit Jahren andauernden Kränkung. Wenn Peter Ward nämlich seine Bergmannskluft anzieht und die lange Rampe zum Schacht in Gorleben emporläuft, dann weiß er, dass ihn da draußen rund um das Erkundungsbergwerk viele Menschen wegen seiner Arbeit hier verurteilen. Ward ist Betriebsratschef in Gorleben. Er ist Vertrauensmann aller Bergleute hier, und ganz sicher ist das auch auf seine Art zurückzuführen: Ward, der aus Großbritannien stammt, ist ein humorvoller, sympathischer Mensch. Er wirkt wie jemand, der einen dummen Spruch eines anderen auch mal mit einem Lachen wegstecken kann.

Die Kritik tut weh

Aber Ward ist offensichtlich bis ins Mark gekränkt, wenn er auf die Kritik an der Arbeit der Bergleute in Gorleben angesprochen wird. "Wir haben uns vorwerfen lassen müssen, wir würden Messergebnisse von hier unten fälschen. Das tut weh", sagt er.

"Wir haben ein Berufsethos"

Der Mann im weißen Bergmannsanzug und mit weißem Helm steht in einem der breiten Stollen in 750 Meter Tiefe. Ward zeigt auf die Apparaturen an der Wand. "Wir fälschen keine Messdaten. Wir haben ein Berufsethos, und da halten wir uns dran." Wenn sich der Salzstock im Wendland im Laufe der bisherigen Erkundung als ungeeignet für die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll erwiesen hätte, dann, so sagt Ward, hätten sie das hier laut und vernehmlich verkündet. Aber sie haben es bisher nicht gefunden, das K.-o.-Kriterium, dessentwegen der Salzstock aus der Endlagersuche hätte ausscheiden müssen.

Die Experten sind unter Tage

Dabei behaupten so viele über Tage, es gebe Dinge im Bergwerk, die den Standort Gorleben diskreditieren. Die Kritiker sprechen dann immer wieder vom fehlenden Deckgebirge oder den gefährlichen Gasen, die im Bergwerk austreten. Ward pocht darauf, dass er und seine noch etwa 140 Kollegen die Experten sind, die das alles gut beurteilen können. Schließlich sind sie es, die hier täglich in den Salzstock einfahren und ihn so gut kennen.

Im Ausland werden die Bergleute beneidet

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Das Erkundungsbergwerk - ein weltweit einmaliger Standort?

Ward ist 56 Jahre alt und arbeitet seit 1992 in Gorleben. Wenn er ausländische Experten durch das Bergwerk führt, dann beneiden sie ihn um die Arbeit hier. Seine Kollegen sagen dann, das sei doch ein weltweit einmaliger Standort, die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien von unschätzbarem Wert. Die Ausländer könnten nicht verstehen, weshalb die Deutschen jetzt aufhören, hier weiterzuforschen.

Gorleben bis zur Rente? So wird es nicht kommen

Ralf Kuchenny will das auch nicht verstehen. Er war als Bohrgeräteführer jahrelang auf Bohrinseln in vielen Gegenden der Welt im Einsatz und kam vor zwei Jahren nach Gorleben. "Ich wurde hierher abgeworben", erzählt Kuchenny und erwähnt im nächsten Atemzug, dass er damals dachte, hier in Gorleben könne er auch in Rente gehen. So wird es aber nicht kommen, denn das Endlagersuchgesetz sieht vor, dass das Bergwerk im Wendland vorerst nur "offen gelassen" wird - so heißt das in der Bergmann-Sprache, wenn es darum geht, ein Bergwerk in Schuss zu halten, ohne dass die Arbeiter neue Stollen ins Gestein treiben oder weitererkunden.

Zukunft ungewiss

Kuchennys berufliche Zukunft ist so ungewiss wie die aller Mitarbeiter in Gorleben. Einer ist schon nach Australien ausgewandert, weil dort das Expertenwissen von Bergleuten gefragt ist. Andere wurden schon an Standorte der Schachtanlagen von Morsleben und Schacht Konrad versetzt.

Das Haus fast fertig gebaut - und trotzdem nicht einziehen

In einem dunklen Stollen bei einer Temperatur von mehr als 30 Grad arbeiten Hans-Herrmann Schulz und Holger Jürgens. Er verstehe das nicht, sagt Schulz, der mit mehr als 60 Jahren eine echte Ausnahme unter Bergleuten in Deutschland ist. Da warte die Politik noch nicht einmal ab, bis es in Gorleben ein klares Ergebnis gebe, sondern beschließe einfach das vorläufige Ende für das Erkundungsbergwerk. "Das ist so, als würden man sich ein Haus bauen und wäre zu 80 Prozent fertig, und dann zieht man doch nicht ein", meint Schulz' Kollege Jürgens. Beiden erstickt fast die Stimme, sie verkneifen sich Tränen.

Der Umweltminister enttäuscht

Betriebsratschef Ward hat die Trauer überwunden. Er ist in der Phase angelangt, in der er fast nur noch Kränkung verspürt. Am Vortag war er auf einer Podiumsdiskussion mit Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Der habe gesagt, er wolle den Standort Gorleben "loswerden". "Er hat 'loswerden' gesagt und sich wohl nicht vor Augen geführt, wie es auf uns wirkt, wenn er so auch über unsere Arbeit spricht, unsere jahrelange Arbeit", sagt Ward.

Know-how für den Müll?

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Was passiert mit dem Expertenwissen der Bergleute?

Gut zu sprechen ist er nicht auf die, die Gorleben partout aus der Endlager-Erkundung rausnehmen wollten. Die, so sagt Ward, begingen doch den gleichen Fehler wie damals, als man sich auf Gorleben fokussiert hat - nur unter umgekehrten Vorzeichen. Und noch so ein Fehler, den Ward der Politik ankreidet: In Gorleben die Erkundung auszusetzen, bedeute, das Know-how der Leute hier, deren Expertenwissen, sprichwörtlich auf den Müllhaufen zu werfen.

Kaum Jobs für Bergleute

Für Bergleute gebe es in Deutschland kaum mehr Jobs. "Wenn man die Fachleute in einigen Jahren aber wieder braucht, wo sollen sie dann herkommen?", fragt Ward. Er schüttelt den Kopf. All das können auch seine ausländischen Kollegen nicht nachvollziehen. Ward selbst spricht davon, er wolle "weiterkämpfen" - für den Standort und für seine Kollegen. Die hätten immer gute wissenschaftliche Arbeit geleistet.

Die Kritiker sind über Tage

Wenn der Betriebsratschef von den "selbsternannten Experten", von den Gorleben-Kritikern über Tage also, spricht, dann klingt er immer noch höflich. Ward ist da ganz britisch. Aber es schwingt viel Kränkung mit, wenn er feststellt, dass er es nicht duldet, wenn die Arbeit seiner Leute in Gorleben "durch den Dreck gezogen wird". Dann zieht Ward die Tür der Förderkorbs zu. Die Fahrt geht nach oben, dorthin wo die Kränkung lauert, wo die Menschen die Bergleute von Gorleben mit Kritik überziehen.

 

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    2013 bis Ende 2015: Eine 33-köpfige Kommission tagt: Je acht Vertreter des Bundestages und des Bundesrates, acht Vertreter aus der Wissenschaft und je zwei Vertreter von Umweltverbänden, Kirchen, Gewerkschaften und aus der Wirtschaft erarbeiten die Grundlagen der Suche. Aus verfassungsrechtlichen Gründen haben die Politiker und auch der unabhängige Vorsitzende, der die Sitzungen moderiert, kein Stimmrecht. Bis Anfang September soll die Kommission besetzt werden. Die Sitzungen sind öffentlich. Es gilt zu klären, welche Gesteine zur Endlagerung des Atommülls infrage kommen: Salz, Ton oder Granit?

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    2015/16: Gorleben ruht: Das Zwischenlager nimmt keine weiteren Atommülltransporte auf. Deutscher Atommüll, der im Ausland wiederaufbereitet wurde, könnte stattdessen nach Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) oder Philippsburg (Baden-Württemberg) gehen.

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    2016: Bundestag und Bundesrat sind an der Reihe: Sie müssen die Empfehlungen aus der Kommission in das Gesetz einarbeiten. Auch müssen sie beschließen, nach welchen Kriterien wie viele Standorte in die engere Auswahl kommen sollen. Danach werden mögliche Regionen für ein Endlager festgelegt.

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    In den folgenden Jahren: Probebohrungen: Mehrere Standorte werden erkundet. Eine neue Regulierungsbehörde unterbreitet dem Bundesumweltministerium bis Ende 2023 Vorschläge, welche zwei Standorte aufwendig unter Tage untersucht werden. Bundestag und Bundesrat stimmen dann darüber ab.

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    Bis 2031: Bundestag und -rat entscheiden endgültig über den Standort für ein atomares Endlager. Klagen gegen die Entscheidung sind an dieser Stelle nicht mehr möglich - lediglich in den Verfahrensschritten zuvor gibt es diese Möglichkeit.

  • Der lange Weg zum atomaren Endlager

    Wenn das Lager bis Ende 2031 gefunden sein sollte, muss es noch gebaut werden - vor 2040 dürfte es also in keinem Fall betriebsbereit sein. Die Aufbewahrungsgenehmigung für das oberirdische Zwischenlager Gorleben gilt aber nur bis Ende 2034 - dann müssten die 113 dort stehenden Atommüll-Behälter eigentlich in ein Endlager. (Quelle: dpa)

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Hallo Niedersachsen | 05.07.2013 | 19:30 Uhr

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