Stand: 20.09.2016 14:00 Uhr

"cameo" - ein buntes Mitmach-Magazin aus Hannover

von Alexander Nortrup

Der Raum, in dem Najem, Paula, Alireza und Sebastian arbeiten, ist ein Traum. Großzügige Schreibtische, eine gemütliche Sitzecke, eine Küche, ein Bad. Vor allem aber sind die großen Schaufensterflächen in dem Ladenlokal in der Steintorfeldstraße, wenige Gehminuten hinter dem hannoverschen Hauptbahnhof gelegen, buchstäblich Fenster zur Stadt. Der Blick auf die Straße lässt trefflich sinnieren über die Landeshauptstadt und ihre ganz unterschiedlichen Bewohner. Und umgekehrt erlauben die Glasflächen prominente Einblicke in die Arbeit einer sehr ungewöhnlichen Redaktion: Denn in der Steintorfeldstraße 3 entsteht seit Anfang September die Zeitschrift "cameo". Mit 80 Mitarbeitern, Dutzenden Sprachen und einem Ziel: Vielfalt.

Zwei "cameo"-Hefte gibt es schon

"cameo", das ist eine Gruppe von Medienschaffenden, die von zwei Fotografen ins Leben gerufen wurde. "Wir haben gemerkt, dass es dringend nötig war, eine andere Sicht auf das Thema Flucht und Ankommen zu geben",  sagt einer der Initiatoren, Sebastian Cunitz, im Gespräch mit NDR.de. Die Flüchtlingsgeschichten in vielen Medien seien ihnen zu eintönig gewesen, sagt Cunitz. Zu unpersönlich. Also begleitete der Fotograf 2013 über mehrere Wochen in Aachen minderjährige Flüchtlinge in ihrem Alltag. Und stellte fest: In erster Linie sind es keine Flüchtlinge, sondern Jugendliche. Die fotografische Dokumentation wurde zu einem Magazin, in dem großformatige Bilder von eigenen Texten der Jugendlichen flankiert wurden. Ein weiteres Heft mit ähnlichem Inhalt entstand im baden-württembergischen Weingarten, wo Flüchtlinge in ein Kloster gezogen waren.

Mehr als ein Dutzend Kreative

Das Konzept - nicht über Menschen schreiben, sondern sie selbst zu Wort kommen lassen - funktionierte, es gab viel Interesse und geradezu begeisterte Reaktionen der Mitwirkenden. So entschieden Fotograf Cunitz und das inzwischen auf mehr als ein Dutzend Kreative angewachsene "cameo"-Team, in Hannover ein ähnliches Heft zu kreieren. "Ankommen", heißt der provisorische Titel. Und so fachsimpeln nun der 22-jährige Syrer Najem Al-Khalaf und der 26-jährige Afghane Alizera Husseini in den zentral gelegenen Redaktionsräumen über Fotos, während neben ihnen kreative Teams an Text- und Illustrations-Ideen feilen. Montags bis freitags von 10.00 bis 22.00 Uhr sind die Räume geöffnet, Ende des Jahres soll die Zeitschrift stehen. Ein Mitmach-Magazin. Ein buntes Heft, das vor allem eines sein soll: unterhaltsam.

Modestrecken, Gerüchte - und ein Test

Vor einem hellblau gestrichenen Haus mit der Aufschrift "cameo" stehen mehrere Menschen und unterhalten sich.  Foto: cameo kollektiv
Anfang September wurden die Redaktionsräume feierlich eröffnet. Inzwischen wird dort vor allem fleissig gearbeitet.

Das Ziel von "cameo": Möglichst spannende Geschichten erzählen, und dabei möglichst wenige Klischees bemühen. "Alle sprechen über Flucht, Politik, die Position Europas und Deutschlands, die Zukunft und wie das alles werden soll", heißt es in dem Manifest der Redaktion. Man wolle wissen: "Wie fühlt es sich an, wenn man ankommt? Was beeinflusst, vereinfacht oder erschwert das Ankommen? Wie will man ankommen? Und wo?" Die Themen für das Heft sind noch nicht endgültig fixiert, es deutet sich aber ein bunter Mix an: Angedacht sind etwa eine Modestrecke mit den Klamotten, die Geflüchtete auf dem Weg nach Deutschland trugen oder eine Sammlung von Gerüchten über Flüchtlinge und umgekehrt über das Leben in Deutschland. Und vielleicht druckt man auch einen Test vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ab - um jedem Leser die Chance zu geben, alle Fragen richtig zu beantworten.

Was wünschen sich Flüchtlingskinder?

Najem Al-Khalaf, der vor seiner monatelangen Flucht bittere Erfahrungen hinter syrischen Gefängnismauern sammeln musste, hat sich vorgenommen, Flüchtlingskinder zu fragen, was sie sich wünschen. Die Begegnungen dokumentiert der junge Syrer, der inzwischen in Hannover Fotografie studiert, mit seiner Kamera. Dabei kann er Austausch ziemlich gut gebrauchen, sagt der 22-Jährige und lacht: "Träume kann man schließlich nicht so gut fotografieren." Erfahrene Medienprofis aus dem "cameo"-Team wie Fotograf Sebastian Cunitz oder Menschenrechtsexperte Maissara Saeed helfen als Mentoren, geben Tipps und investieren so viel Zeit, wie sie eben neben ihrer Haupttätigkeit können.

Die eigene Flucht dokumentiert

An seinem Beitrag hat Alizera Husseini schon gearbeitet, bevor das Magazin-Projekt aus der Taufe gehoben worden ist: Der junge Afghane hat seine eigene Flucht mit dem Smartphone fotografiert. "Ich war auf den Schiffen, in den Lagern", sagt der 26-Jährige. "Ich habe all das gesehen, was viele nur vom Hörensagen kennen. Das wollte ich unbedingt festhalten." Ähnlich wie der Beitrag von Husseini wird das Magazin keine besonders langen Texte haben, schon aus praktischen Erwägungen: Übersetzungen in mehrere Sprachen sollen es für viele Leser konsumierbar machen. Umso wichtiger, dass ausdrucksstarke Fotos und prägnante Texte Geschichten gut transportieren. "Mich hat überzeugt, dass hier Leute zusammengebracht werden, die gemeinsam zeigen, was alles erreicht werden kann", sagt Redaktionsmitglied Paula Schwerdtfeger, Kunsthistorikerin und begeisterte Schreiberin. "Wir sprechen nicht über Flüchtlinge, sondern mit ihnen."

Zahlreiche Sponsoren unterstützen

Schon bevor eine einzige Seite entstanden ist, haben die Projekt-Macher etwas Entscheidendes geschafft: In mühevoller Akquisearbeit wurden Sponsoren für die Miete, den Druck und die symbolische Aufwandsentschädigung von 200 Euro monatlich für die acht freiberuflichen Medienprofis organisiert. Die Computer hat die Hochschule Hannover geliehen. Viele Kooperationspartner unterstützen das Projekt: vom Flüchtlingsrat über die Stadt Hannover bis zur Hannover-Stiftung der Sparkasse. Unter anderem wirken auch mehrere ehemalige NDR Mitarbeiter mit. Offene Fachvorträge von Experten zu Migration, Journalismus und anderen Themen sorgen dafür, dass die Redaktionsräume zu einer Begegnungsstätte für alle Interessierten werden. Und zugleich soll so das Endprodukt umso besser werden, schließlich solle es "auf keinen Fall eine Schülerzeitung werden", sagt Sebastian Cunitz. Wer wissen will, wie es weitergeht, kann auf der "cameo"-Website das Projekt verfolgen.

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