Stand: 23.02.2019 17:57 Uhr

Wenn Gott auszieht: Immer mehr Kirchen stehen leer

Wenn Kirchen einen neuen Besitzer bekommen, dann wechselt oft auch der Glaube - wie hier in der Wolfsburger St.-Joseph-Kirche, die von der katholischen Kirche aufgegeben und von der Evangelischen Kirche gekauft wurde.

Gott und Glaube - das zieht bei Weitem nicht mehr so viele Menschen in die Kirchen wie einst. Die Folge: Eine große Zahl Gotteshäuser wird selten oder gar nicht genutzt und muss schlicht schließen. Die Landeskirche Hannover - immerhin die mitgliederstärkste Landeskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) - ist besonders stark betroffen. Seit 2002 mussten 19 Kirchen entwidmet, also aufgegeben, werden. Nur in Nordrhein-Westfalen und im Osten Deutschlands gab es in der EKD mehr Entwidmungen. Insgesamt wurden in Niedersachsen in den vergangenen Jahren sogar 27 evangelische Kirchen aufgegeben. Noch härter trifft es jedoch die Katholische Kirche im Norden, die landesweit mehr als doppelt so viele Gotteshäuser aufgab. Und Experten warnen: Der Trend werde anhalten.

Problem wird verdrängt

Laut der Karlsruher Architektur-Professorin Kerstin Gothe liegt das nicht nur an sinkenden Mitgliederzahlen. Auch Sparzwänge machten es nötig, künftig noch mehr Pforten in sakralen Bauten schließen zu müssen. Oft werde das allerdings ignoriert: "Ich glaube, dass das Problem oft kleingeredet wird", sagt Gothe. Das liege auch an der aktuell guten Steuersituation. Dadurch sei in vielen Kirchen der Druck gesunken, sich mit dem Thema zu beschäftigen. So versuchten viele Landeskirchen derzeit noch, ihre Kirchengebäude zu halten, auch wenn dort nicht mehr regelmäßig Gottesdienste stattfinden.

Menschen hängen an "ihren" Kirchen

Dazu kommt: Eine Kirche ist ein besonderes Gebäude - an ihr hängen oft Erinnerungen und Emotionen. Viele Menschen hingen an den Kirchen, weil sie dort getauft worden seien oder geheiratet hätten, bestätigt auch der Sprecher des katholischen Bistums Hildesheim, Volker Bauerfeld. Gleichzeitig prägen Sakralgebäude auch das Erscheinungsbild von Städten und Dörfern. Architektin Gothe: "Oft sieht man den Kirchturm, bevor man die Häuser eines Ortes sieht". Daher sei es verständlich, wenn Bürger etwas gegen Kirchenabrisse einzuwenden haben. Doch an der Realität führt kein Weg vorbei: So mussten beispielsweise auch die braunschweigische Landeskirche, die oldenburgische Kirche und das katholische Bistum Osnabrück Kirchen schließen. Im Hildesheimer Bistum wurden seit 2008 sogar 51 Kirchen profaniert - wie die Entwidmung einer Kirche bei den Katholiken heißt.

Nähmaschinen statt Altar

Allerdings bleiben längst nicht alle Gotteshäuser verwaist. Im Bistum Hildesheim werden die profanierten Gebäude teilweise von anderen christlichen Konfessionen als Wohnungen oder Kindergärten genutzt. Die Gustav-Adolf-Kirche in Hannover wurde an die liberale jüdische Gemeinde verkauft und ist seit zehn Jahren eine Synagoge. In die Christopheruskirche in Holtensen bei Hannover ist gar ein Online-Shop für Nähmaschinen eingezogen. Für noch kreativere Impulse könnte ein Blick über die Landesgrenze sorgen: In Bielefeld wurde die Martini-Kirche vollständig saniert und als Restaurant neu eröffnet. In Thüringen wurde ein Gotteshaus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zur Airbnb-Herberge umfunktioniert. Eine weitere Kirche führt ein zweites Leben als Gesundheits-Zentrum.

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Dieses Thema im Programm:

Regional Braunschweig | 20.02.2019 | 13:30 Uhr

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