Stand: 28.11.2018 19:30 Uhr

Wenn "Dr. Google" Patienten zu Hypochondern macht

Viele Patienten befragen zuerst Google, welche Krankheit sie haben, bevor sie in eine Arztpraxis gehen.

Fast jeder hat es schon mal gemacht: Da zwickt's im rechten Oberarm oder gefühlt wird die Brust ganz eng - und schon wird gegoogelt, welche Krankheit das wohl sein könnte. Es gibt aber auch Menschen, die genau dieses Befragen des Webs krank macht. Der Fachbegriff für dieses Phänomen lautet: "Cyberchondrie". Die Bezeichnung ist eine Kombination aus den Worten Cyber (für den digitalen Raum des Internets) und Hypochondrie, also die ausgeprägte Angst, an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden. Unter anderem darum ging es am Mittwoch beim Digitalgipfel Gesundheit, zu dem Niedersachsens Ärztekammer eingeladen hat.

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15.08.2018 22:50 Uhr
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Überfüllte Wartezimmer? Das muss nicht sein. Viele Menschen googeln heute schon die Krankheiten zu ihren Symptomen. Und die Diagnose muss ja stimmen, denn sie steht im Internet! Video (02:12 min)

"Zahl der 'Cyberchonder' hat zugenommen"

Manche Menschen, die ihre Wehwehchen im Internet googeln können dadurch zum Hypochonder werden. Denn Suchmaschinen können Ängste verstärken. Für Ärzte würden solche Patienten zum Problem, da diese oft Dutzende verschiedene Mediziner aufsuchten, um ihre Internet-Diagnose bestätigt zu bekommen, sagt Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Laut Wenker hat die Zahl der Patienten, die mit einer fertigen Diagnose aus dem Internet in die Praxis kommen, deutlich zugenommen. Sie rät Ärzten, diese Patienten und ihre Symptome in jedem Fall ernst zu nehmen, aber wenn nötig auch psychologische Hilfe anzubieten.

Ärzte über die Google-Diagnosen ihrer Patienten

  • Dr. Carsten Gieseking (Hausarzt)

    "Meist sind es ja eher Panikdiagnosen. Die Patienten haben dann Bauchschmerzen gelesen und denken sofort an Pankreaskarzinom, weil das bei Google relativ weit oben steht."

  • Dr. Wolfgang Lensing (Dermatologe)

    "Ich habe tatsächlich mal selbst einen ganz atypischen Schlüsselbeinbruch gehabt, der bestimmte Symptome erzeugt hat, die ich nicht zuordnen konnte. Es war dann so, dass ich im Internet eine Website fand mit einem tödlichen Syndrom. Ich war echt kurze Zeit, rund eine Stunde, der festen Überzeugung, mich hätte es jetzt da erwischt."

  • Dr. Martina Wenker (Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen)

    "Ich arbeite seit vielen Jahren in der Lungenfachklinik. Da habe ich sehr häufig gerade mittelalte Männer, die vielleicht auch viel geraucht haben. Die kommen dann wirklich mit ganz großer Angst und haben im Internet schon ausgedruckt, welche Arten von Lungenkrebs es gibt und dass man eigentlich kaum noch etwas machen kann."

  • Dr. Marion Renneberg (Hausärztin)

    "Ich glaube, es gibt durchaus Patienten, die das ganz gut abschätzen können. Es gibt aber auch Patienten, die mit großen Ängsten zu uns kommen. Und wenn die dann nicht schnell genug einen Termin bekommen - das kann manchmal ganz dramatisch sein."

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Hürde für Telemedizin fällt

Ein weiteres Thema auf dem Digitalgipfel Gesundheit ist die Telemedizin. Ab dem 1. Dezember wird das Fernbehandlungsverbot liberalisiert. Dann dürfen Ärzte ihre Patienten auch per Telefon, SMS, E-Mail oder im Online-Chat behandeln. Das war bislang nur dann möglich, wenn die Patienten zuvor zu einem persönlichen Gespräch in der Praxis erschienen waren. Mit dieser Änderung setzt Niedersachsen einen Beschluss des Deutschen Ärztetages um.

Gesundheitsministerin und Ärztekammer-Präsidentin sprechen auf Gipfel

Neben der Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und verschiedenen Professoren der Hochschulen aus Hannover werden auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) sowie Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, auf dem Gipfel sprechen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 27.11.2018 | 16:30 Uhr

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